Songwriter Ry CooderDer Teufel regiert immer mit

Ry Cooder, legendärer Songwriter und Gitarrist, spricht über die Abgründe der amerikanischen Politik. von Jonathan Fischer

Ein Demokrat: Ry Cooder

Ein Demokrat: Ry Cooder  |  © Karen Miller

Der Gitarrist, Sänger und Songwriter Ry Cooder gehört seit vier Jahrzehnten zu den wichtigsten amerikanischen Roots-Musikern. Er hat mit den Rolling Stones, Randy Newman und Captain Beefheart gespielt und die alten Herren des Buena Vista Social Club weltbekannt gemacht. Von ihm stammen Klassiker wie »Paradise and Lunch«, »Chicken Skin Music« oder »Bop Till You Drop«. Den kommerziellen Durchbruch brachten ihm Filmsoundtracks – insbesondere zu Wim Wenders’ Film »Paris, Texas«. Sein neues Album »Election Special« ist ein beißender Kommentar zur aktuellen amerikanischen Politik. In neun Blues- und Folk-Songs mischt Cooder sich in den Präsidentschaftswahlkampf ein.

DIE ZEIT: Mr. Cooder, gefährden Sie nicht Ihren Ruf als Songwriter, wenn Sie sich mit Election Special in die Untiefen des US-Wahlkampfs begeben?

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Ry Cooder: Ich tue das aus Notwehr. Die amerikanische Rechte ist sehr clever in ihrer Propaganda. Sie bringt die Wähler am Ende dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu stimmen – insbesondere weiße Amerikaner, die um ihre Jobs und Häuser fürchten. Und Songs zu schreiben ist doch besser, als nur mit der Faust auf den Tisch zu hauen.

ZEIT: Sie sind wütend?

Cooder: Und ob. Viele Amerikaner sind sehr wütend. Leider versteht sich die Tea Party nur allzu gut darauf, diesen Ärger für ihre Zwecke zu nutzen. Der rechte Flügel der Republikaner finanziert ein pausenloses Trommelfeuer im Internet, im Fernsehen, im Radio. Die Rechte kontrolliert einen Großteil dieser Medien. Sie nutzt sie, um ihre Lügen zu wiederholen, bis die Leute sie irgendwann glauben.

ZEIT: In früheren Songs haben Sie sich regelmäßig mit der amerikanischen Geschichte befasst. Ist es schwieriger, über aktuelle Tagespolitik zu schreiben?

Cooder: Ich habe bewusst die Form des Blues- und Folk-Songs gewählt. So knüpfe ich an eine amerikanische Tradition an, die bis Joe Hill und Woody Guthrie zurückreicht und heute von der Occupy-Bewegung aufgenommen wird. Warum nicht über Tagespolitik singen? Woody Guthrie hat so anschauliche Songs geschrieben, weil er die Depression selbst erlebt hat.

ZEIT: Sie nennen Woody Guthrie Ihr Vorbild. Ihre Songs unterscheiden sich dennoch vom feierlich-pathetischen Protest-Folk der sechziger Jahre.

Cooder: Weil ich meine Songs nicht für die Front, für Demos oder Sit-ins geschrieben habe. Lieber erzähle ich Geschichten – so wie es Country-Musiker tun, nur dass meine storylines etwas über den Zustand unseres Landes und die Moral unserer Politiker aussagen. Nehmen Sie etwa den Mutt Romney Blues. Mutt wie Trottel. Das sage natürlich nicht ich, sondern ich lasse seinen Hund erzählen. Sie haben sicher die Geschichte gehört, wie Romney in den Urlaub fuhr und seinen Hund einfach für 1.000 Meilen auf das Autodach geschnallt hat.

ZEIT: Deswegen gibt es ja schon eine »Mein Hund bellt gegen Romney«-Kampagne. Auf Ihrem Album überwiegen die düsteren, manchmal bitteren Töne: vom Gefängnis-Lamento namens Guantanamo bis zu Kool-Aid, wo Sie die Gehirnwäsche durch die Rechte anklagen. Steht es wirklich so schlecht um Ihr Land?

Cooder: Es geht ein tiefer Riss durch Amerika. Und die rechte Propaganda hat ihn zu verantworten. Sie hetzen die Menschen so lange auf, bis ein selbst ernannter Wachmann namens George Zimmerman einen unbewaffneten schwarzen Teenager erschießen kann und die Polizei ihn laufen lässt.

ZEIT: Immerhin haben Ihre Landsleute vor vier Jahren den ersten schwarzen Präsidenten gewählt.

Cooder: Präsident Obama macht seinen Job so gut wie möglich. Ich singe in Cold Cold Feeling über seine Einsamkeit im Oval Office. Am Ende aber steht er wie David gegen Goliath: Großindustrielle wie die Koch-Brüder können inzwischen ganz legal Millionen ausgeben, um den Äther mit ihren Lügen zu vergiften.

ZEIT: Auch diesen berüchtigten Financiers der Ultrarechten widmen Sie einen Song: Brother Is Gone.

Cooder: Ich habe lange nach einem Weg gesucht, über die Brüder Charles und David Koch zu singen. Bis mir Robert Johnsons alte Blues-Fabel einfiel; er spricht von der Wegkreuzung, an der man den Teufel trifft. So erkläre ich die Macht der Koch-Brüder. Satan verspricht ihnen einen Pakt: Ihr könnt die totale Macht haben. Aber ich werde als meinen Preis einen von euch Brüdern zur Hölle mitnehmen, und nur ich weiß, wen und wann. So wacht Charley Koch eines Tages auf, und sein Bruder Davey ist verschwunden.

ZEIT: Wollen Sie mit Ihren Songs den Kampfgeist des linken, demokratischen Amerikas anstacheln?

Cooder: Ein Präsident der Demokraten kann kaum etwas richtig machen. Weil die zwei Amtszeiten von George Bush das Präsidentenamt beschädigt haben. Was nützt es, auf dem Fahrersitz des Autos zu sitzen, wenn das Auto nicht mehr fährt? Obama hat ein kaputtes Fahrzeug von den Republikanern übernommen. Und natürlich hätte ich ihn lieber radikaler, er hat es viel zu lange vermieden, die unsozialen Pläne der Republikaner frontal anzugreifen.

ZEIT: Glauben Sie, dass Polit-Songs eine Rolle im Präsidentschaftswahlkampf spielen werden?

Cooder: Ich überschätze die Rolle von Musik nicht. Songs geben dir nur Bilder, kleine Allegorien. Vor achtzig oder hundert Jahren waren Songs für viele Menschen noch die einzige Informationsquelle. Heute kauft kaum jemand noch Platten.

ZEIT: Und doch hat der politische Song überlebt...

Cooder: Dass die Occupy-Bewegung keine kommerziellen Absichten verfolgt, gibt mir große Hoffnung. Diese Menschen können vielleicht auch meine Lieder brauchen.

ZEIT: So wie Ihren Song The 90 And The 9, auf dem Sie die 99 Prozent der nicht superreichen Amerikaner auffordern, für ihre Rechte zu kämpfen?

Cooder: Würden die einfachen Menschen sich verbünden, hätten die rechten Republikaner keine Chance. Doch die Reichen spielen immer eine Gruppe gegen die andere aus: Speziell in Kalifornien werden die mexikanischen Wanderarbeiter vor jeder Wahl angeklagt, den Weißen ihre Jobs wegzunehmen. Nach der Wahl muss man sie dann wieder zurückholen – weil ja irgendjemand ihre Arbeit machen muss. Noch schlimmer ist der Versuch der Rechten, die Wahlrechte zu beschneiden. Sie wollen Menschen, die für Obama stimmen würden, von den Urnen fernhalten: Schwarze sollen nicht wählen. Arme sollen nicht wählen. Und die Leute vom Obersten Gerichtshof finden Wege, all die Gesetze, die Präsident Johnson während der Bürgerrechtsbewegung erließ, rückgängig zu machen. Das ist der gefährlichste Angriff auf unsere Bürgerrechte in der Geschichte unseres Landes.

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Leserkommentare
  1. Das Problem ist, dass, zum einen, die amerikanische Rechte luegt und dass, zum anderen, genuegend Amerikaner diese Luegen glauben (z.B. die Luege, dass eine umfassende staatliche Krankenversicherung teurer ist als eine private). Die Luegen resultieren natuerlich nicht aus mangelndem Wissen sondern dienen dem Interesse einer kleinen "Herrenklasse" in den USA.

    Das noch groessere Problem ist, dass dies nicht nur in den USA geschieht. Man sieht es dort besser, weil man in Europa ein bisschen Abstand hat.

    Es mangelt an Wahrhaftigkeit.

    "Unsel'ge Falschheit, Mutter alles Bösen, du jammerbringende, verderbest uns! Wahrhaftigkeit, die reine, hätt' uns alle, die welterhaltende, gerettet."
    Friedrich von Schiller: Wallensteins Tod

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  • Schlagworte Musiker | US Wahlkampf | USA | Blues
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