Second-Hand-Läden in Lissabon © Rafael Marchante/Reuters

Die öffentliche Meinung in Deutschland fordert von allen europäischen Ländern harte Budgetdisziplin. Das ist vollkommen verständlich. Die Bundesrepublik hat zehn Jahre lang schmerzhafte Reformen umgesetzt, die soziale Errungenschaften infrage stellten und für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Einkommensverluste mit sich brachten. Und tatsächlich, nach dieser spektakulären Anstrengung fasste die deutsche Wirtschaft wieder Tritt. Die Finanzen gesundeten, die Arbeitslosenrate sank.

Angesichts dieses Erfolgs, für den sie hart gearbeitet haben, verstehen die Deutschen nicht, wieso sie jetzt Länder subventionieren sollten, die vergleichbare Anstrengungen verweigert hatten und stattdessen den leichteren Weg gingen: den in die Verschuldung. Mit größtem Misstrauen blicken die Deutschen jetzt auf Europas Süden und seine Forderungen, von denen sie fürchten, dass sie die Geldstabilität der Union gefährden könnten. Sie erinnern sich auch gut an die feierlich auf EU-Gipfeln gegebenen Versprechen einiger europäischer Spitzenpolitiker: Kaum waren die Regierungsvertreter wieder in ihre Länder zurückgekehrt, war alles vergessen.

Und doch: Diese logische, rationale, gerechtfertigte Haltung führt geradewegs in die Katastrophe.

Die in Europa praktizierte Sparpolitik wirkt zerstörerisch. Simultan – und oft brutal – umgesetzt, drosselt sie auf dem gesamten Kontinent die Nachfrage. Die wirtschaftliche Aktivität erliegt, die Zahl der Pleiten nimmt zu, die Gewinne schrumpfen, und währenddessen wächst die Arbeitslosigkeit: Es gibt Länder, in denen sie mehr als 20 Prozent der Bevölkerung erfasst hat. In einigen Südländern ist die Hälfte der Jugendlichen im arbeitsfähigen Alter beschäftigungslos. Die wirtschaftliche Paralyse reduziert wiederum die Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben. Und das in einem Maße, dass die Sparpolitik just die gegenteilige Wirkung erzielt als die angestrebte: Anstatt die Defizite zu verringern, vergrößert sie diese.

Das deutlichste Beispiel für den perversen Effekt der Austeritätspolitik bietet Portugal. Nachdem das Land mit Eifer die europäischen Empfehlungen umgesetzt und alle geforderten Strukturreformen verwirklicht hatte, auch die schmerzlichsten, musste die Regierung in Lissabon feststellen, dass ihr Budgetdefizit sogar noch gewachsen war und ihre Verschuldung eine atemberaubende Höhe erreicht hatte.

Mit anderen Worten: Austeritätspolitik bringt die Gefahr mit sich, dass die europäischen Patienten geheilt sterben.

Die Rezession, die sich auf dem Kontinent auszubreiten beginnt, wird überdies politische Auswirkungen haben. Schon jetzt wenden sich die Völker mehr und mehr von einer Politik ab, von der sie meinen, dass sie ihnen von Brüssel oder Berlin aufgezwungen wird. Jeder weiß, dass der derzeit diskutierte Fiskalpakt, der von den Unterzeichnern eine Schuldenbremse verlangt und europäische Kontrollmechanismen für die Budgetdisziplin vorsieht, in etlichen Ländern abgelehnt werden würde, legte man ihn zur Ratifizierung den Bürgern und nicht den Parlamenten vor. Wahrscheinlich geben die Antieuropäer bereits die Mehrheitsstimmung in diesen Zeiten der Krise wieder. Extreme Parteien sehen sich ermutigt. In Frankreich streifte der nationalistische Front National in den jüngsten Präsidentschaftswahlen die 20 Prozent, während die extreme Linke auf mehr als zehn Prozent kam; der Anteil der Franzosen, die das europäische System in seiner jetzigen Form radikal ablehnen, beträgt mithin ein Drittel der Bevölkerung. Vergleichbare Phänomene werden in zahlreichen Ländern der Europäischen Union beobachtet.