PersonenrätselLebensgeschichte

von Wolfgang Müller

Er kam von ganz unten. Als er sieben Jahre alt war, starb seine schöne und lungenkranke Mutter, die vom Mitleid ihrer Nachbarn gelebt hatte. Sein Vater, Alkoholiker und ständig auf Arbeitssuche, übergab den Jungen seiner Halbschwester und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Die junge Frau schlug sich mühsam als Gehilfin einer Modistin durch, sie kümmerte sich nicht um den ungewollten Zögling, ließ sogar aus Zorn über ihn seine Staatsangehörigkeit annullieren. Nun war er staatenlos – bis an sein Lebensende.

Der Zwölfjährige, der erst spät lesen und schreiben lernte, riss aus und vagabundierte durch eine Großstadt im Aufbruch. Schließlich landete er in einer Besserungsanstalt. Ein Pfarrer, der sich des "Wilden" annahm, erkannte seine überragende Begabung und ermutigte ihn zu einer Ausbildung. Nach einer kurzen Lehre gelang ihm der Sprung an eine renommierte Akademie. Dort fand er Freunde und Förderer, verblüffte durch seine Beobachtungsgabe und durch Proben seines Könnens. Und er fügte seinem Namen ein "n" zu.

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Mit seiner über alles geliebten Gefährtin aus einer der besten bürgerlichen Familien zog er aus der dunstigen Ebene in ein freundliches Hügelland, um im Kontakt mit der Natur zu arbeiten. Trotz hoher Auszeichnungen und erster Erfolge lebte das Paar oft von der Hand in den Mund. Schließlich folgte er seiner Sehnsucht nach dem besonderen Licht , der Weite und Härte alpiner Landschaften und siedelte sich in einer bäuerlichen Gemeinde an. Seine symbolisch überhöhten Szenen aus dem einfachen, naturnahen Leben brachten ihm internationale Anerkennung.

Noch einmal zwangen ihn Schulden und die Furcht vor Ausweisung zum Wechsel in ein Hochtal. Er erwanderte seine neue Heimat, ging der Adlerjagd nach, zog mit seinen Utensilien an exponierte Orte und arbeitete rastlos in Wind und Wetter. Ein grandioses Projekt sollte sein Werk krönen: Mit allen Mitteln der Kunst und lebenden Zugaben wollte er für eine überwältigende Landschaft werben. Doch der Plan scheiterte an den hohen Kosten.

Als er in den besten Jahren an einer Bauchfellentzündung starb, hatte der Niemand sein Lebensziel erreicht: Ruhm als Künstler und gesellschaftliche Anerkennung. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 38:

Oriana Fallaci (1929 bis 2006) stammte aus Florenz, lebte viel in New York, war Kriegsreporterin, Journalistin, Schriftstellerin ("Ein Mann") und Islam-Kritikerin

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