Stefan aus dem Siepen, 1964 in Essen geboren, Jurist und Diplomat im Auswärtigen Amt, ist dabei, sich als ein eigensinniger Schriftsteller zu etablieren, der seine Stoffe im Urgrund des Menschseins aufspürt. Mal geht es ihm um bizarre Einzelgänger, die am Rande der Normalität balancieren und konventionelle Gesellschaften mit ihrem Anderssein überfordern, dann um Gruppen, die existenziellen Gefährdungen nicht standhalten. Und da er ein Faible hat für Parabeln, ist in seinem neuen Roman die Herausforderung ein Seil, ein sehr langes Seil.

In einem Dorf im Wald, fernab von irgendeiner Welt, ein paar Tagesmärsche entfernt vom nächsten Weiler, leben in einer Zeit, die schon sehr lange her sein muss, vielleicht ein Dutzend Bauern oder auch mehr mit ihren Frauen und Kindern und Alten. Sie führen ein friedliches Dasein – arbeitsam, freundlich, ereignislos. Bis Bernhardt eines Abends das Seil entdeckt. Fest geflochten und dick wie ein Daumen. Ein gutes Seil. So ein Seil hat gewiss niemand im Dorf. Aber wem kann es dann gehören? Schon früh am Morgen ist Bernhardt wieder auf den Beinen, ist auf dem Weg zum Seil. Er folgt ihm hinein in den Wald und kehrt alsbald ratlos zurück, weil das Seil kein Ende nimmt.

Nun palavert das Dorf. Endlich gibt es ein Geheimnis, an dem man herumrätseln kann. Und man wird es lösen. Die erste Gruppe macht sich auf den Weg und kommt mit einem Verletzten zurück. Was die von der Herausforderung Entzündeten erst recht antreibt, das Mysterium des Seils ergründen zu wollen. Und obwohl gerade Erntezeit ist, gehen jetzt fast alle Männer los, marschieren hinein in den Wald, dem Seil hinterher – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Gewiss, man begreift alsbald, dass das Seil für die tückische Schlange der Versuchung steht, die den Männern einen vagen, aber einmaligen Triumph verheißt. Und natürlich verfallen sie dem sinnlosen Kitzel der Verlockung, folgen dem Seil in ungestümer Erregung. Bis die Erschöpfung sie zernagt, die Zerrüttung der Nerven die Moral zersetzt, bis aus den sittsamen Bauern eine so blindwütige wie ängstliche Meute geworden ist, die, körperlich versifft und seelisch zerfetzt, dem blöden Seil in tumber Beharrlichkeit folgt.

Videolesung - Stefan aus dem Siepen liest aus "Das Seil"

Auch ist kaum überraschend, dass es alsbald einen Führer gibt, den Lehrer Reck. Ein kleiner Mann mit zwei großen Doggen und Klumpfuß – wie sollte man nicht an Goebbels denken bei dieser Figur –, der kann, was die Bauern nicht können, nämlich reden: ein eloquenter Beelzebub, der Sehnsüchte in den Männern zu wecken versteht, von deren Lebendigkeit in sich sie bisher noch nichts ahnten, der treuherzig die Flöte bläst und die Horde vorantreibt. Einmal hält er gar eine Ansprache, bei der die berühmte Posener Rede von Heinrich Himmler Pate gestanden haben dürfte.

In Siepens Roman ruft Lehrer Reck nach einem mörderischen Kampf mit einer Wolfsmeute seinen Männern zu: "All dies geschieht nicht umsonst, wir müssen die Bürde auf uns nehmen."