Waffenlobby120 Schuss für 210 Dollar

Trotz aller Amokläufe wollen die Amerikaner nicht von ihren Waffen lassen. Was ist bloß dran an der Lust am Schießen? Ein Selbstversuch mit Schnellfeuergewehr. von 

National Rifle Association

Auf dem Jahrestreffen der National Rifle Association (NRA) in St. Louis, Missouri  |  © Karen Bleier/AFP/Getty Images

Meinen Waffentrainer hatte ich mir anders vorgestellt: kurz geschorene Haare, Stiefel, Cargohosen, zackiger Ton, Geländewagen. Stattdessen kommt Joe: Ein bisschen verschlurft, mit ausgebeulten Jeans, zotteligem Bart, Cloggs an den Füßen und zwei Kindersitzen auf der Rückbank seines Autos. Es ist Sonntag Morgen im Blue Mountain Naturpark, Gemeinde Westchester, Bundesstaat New York, eine Idylle mit Hügeln, Seen, Vogelgezwitscher. Und einem gun range, einem Schießstand. Der öffnet in einer Stunde. »Schön hier«, sagt Joe und holt drei Gewehre aus dem Kofferraum.

Auf Joes T-Shirt ist ein Fadenkreuz gedruckt, darüber steht: »NRA certified instructor« , »NRA-geprüfter Ausbilder«. Amerikas National Rifle Association hat einen legendären Ruf als Waffenlobby, mit der sich kein Politiker anzulegen wagt. Weniger bekannt ist ihre Rolle als Schießlehrer der Nation. Der Mensch, so sieht es die NRA, ist ein freies Wesen, ausgestattet mit der Fähigkeit zu verantwortungsbewusstem Handeln und unveräußerlichen Rechten, darunter dem Recht auf uneingeschränkten Besitz von Schusswaffen. Die NRA sieht sich nicht nur für den Schutz der Verfassung, sondern auch für die Erziehung zum verantwortungsvollen Umgang mit der Waffe zuständig. Der macht nach ihrer Überzeugung Gesetze zur Waffenkontrolle überflüssig. Woche für Woche bietet sie im ganzen Land Hunderte von Kursen an. Anmeldung im Internet genügt. Ich habe bei Joe den »Basic Rifle Course« belegt, »Gewehr für Anfänger«. 210 Dollar für fünf Stunden – inklusive 120 Schuss Munition, Multiple-Choice-Test und Urkunde. Joe weiß, mit wem er es zu tun hat: mit einer deutschen Reporterin, die Amerikas Waffenkult für aberwitzig hält – und jetzt wissen möchte, was denn so toll sein soll am Schießen.

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Mein Tischnachbar beim Theorieteil im Blockhaus der Parkverwaltung ist ein ausgestopftes Gürteltier. Sonst ist keiner da. Langes Wochenende, erklärt Joe, »und schönes Wetter. Da gehen die Leute lieber raus in die Natur.« Er packt seine Gewehre und mehrere Schachteln Patronen auf den Tisch.

»Erklär mir, was du da siehst«, sagt er.

»Ziemlich gefährliche Dinger, vor allem das da«, sage ich und deute auf das halb automatische Gewehr mit Magazinstutzen.

Joe schüttelt den Kopf. Typisch Europäerin, die nicht zu würdigen weiß, was da vor ihr liegt: drei wunderbare Exemplare des menschlichen Erfindungsgeistes. Eine Stunde dauert sein Crashkurs über die Geschichte der Schusswaffe, über Musketen, Repetierbüchsen und das »voll ergonomische« halb automatische AR-15, mit dem auch die amerikanische Armee ausgestattet wird. Joe referiert über Abzug, Schlagbolzen und immer bessere Visieroptik, über Patronenhülsen, Zündhütchen, Projektile und über die Sicherheitsgebote der NRA: Erstens, den Lauf der Waffe immer in eine sichere Richtung halten – »also dahin, wo keiner steht«. Es sei denn, man muss auf ihn schießen. Zweitens: Finger weg vom Abzug. Es sei denn, man will schießen. Drittens: Waffe immer ungeladen aufbewahren. Es sei denn, man will schießen.

Freie Waffen für freie Bürger – für viele Amerikaner klingt das plausibel

Joe hadert mit Regel Nummer drei, obwohl er das als NRA-Ausbilder eigentlich nicht darf. »Es gibt da noch eine andere Denkschule«, sagt er. Wenn der Angreifer erst einmal im Haus sei, könne man ja nicht erst mit der Munition herumfummeln. Da sei es von Vorteil, eine geladene Waffe zur Hand zu haben.

Bleiben noch optionale Vorsichtsmaßnahmen wie kindersichere Waffenschränke, feuergeschützte Patronenschachteln oder die Partyregel: »Wenn gefeiert wird«, sagt Joe, »immer einen Gast bestimmen, der keinen Alkohol trinkt und auf die Waffen aufpasst.«

»Ganz schön aufwendig«, sage ich. Und nervenaufreibend. Als würde man eine Pythonschlange als Haustier halten. Joe sieht mich missbilligend an. »Wir gehen jetzt schießen«, sagt er.

Leserkommentare
    • echolon
    • 30. September 2012 12:25 Uhr

    sind zwei ganz verschiedene paar Schuhe. Der Artikel geht deshalb an der moralischen Problematik vorbei. Schockierender als der Waffenbesitz ist die Ermutigung, diese gegen Menschen auch einzusetzen, zB um gegen unbewaffnete 'sein Grundstück zu verteidigen'.
    In Deutschland besitzen auch viele Leute Waffen, sie werden auch geschossen, aber niemand sagt den Leuten 'schiesst wenn euch jemand quer kommt'.

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    Noch besseres Beispiel dafür, dass viel Waffenbesitz nicht gleich Nachbarschaftskrieg bedeutet: die Schweiz.

  1. »Die Irren mit Waffen sind nicht das Problem der Waffenbesitzer.« Sondern? »Sie sind das Problem der Polizei.«

    Das gehört eingerahmt! Bitte noch nachholen. ;-)

  2. "Trotz aller Amokläufe wollen die Amerikaner nicht von ihren Waffen lassen."

    Tolle Phrase! Need backup, please!

    Mal im Ernst: man könnte blind alle 5 Jahre einen Artikel über die waffenverrückten Amerikaner schreiben und es würde immer irgendwie zutreffen, weil es eben eine große, absolute Zahl von Waffenfreunden/besitzern dort gibt.

    Aber findet sich ir-gend-wo im Artikel ein Hinweis auf die Entwicklung der Waffenbesitzrate in den letzten 10 Jahren, auf die öffentliche Meinung bzw. auf Trends nach den jüngsten Amokläufen? So wie es der Untertitel andeutet?

    So richtig ins Schwarze getroffen hat Frau Böhm leider auch außerhalb des Schießstandes nicht.

  3. Noch besseres Beispiel dafür, dass viel Waffenbesitz nicht gleich Nachbarschaftskrieg bedeutet: die Schweiz.

  4. ...liest sich wie jeder andere der wohlfeil im Netz und der Presse kursierenden Artikel über Handfeuerwaffen in USA: Wie die Amis die lieben, welche Amokläufe es so gab etc. etc.
    => Informationswert und Neuigkeitsgehalt gleich Null.

    Wofür wurde das geschieben?!

    siehe u.a. auch (allein 2012!):
    "Warum spricht Amerika nicht über Waffenkontrolle?"
    http://www.zeit.de/2012/3...

    "Warum die Amerikaner ihre Waffen so lieben"
    http://www.zeit.de/politi...

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    denn die selbstgestellte Aufgabe:

    "Trotz aller Amokläufe wollen die Amerikaner nicht von ihren Waffen lassen"

    wurde weder, auch nur ansatzweise, untersucht, noch der unterstellte Zusammenhang kriminologisch nachgewiesen!

    Leider verwirren die kriminologischen Fakten zum Thema "Amok", was schon die höchst dubiose Diskussion in deutschen Medien zeigte.

    MfG KM

  5. sieht leider anders aus.
    Schade, denn das Thema hätte durchaus Potential gehabt.

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    Exakt! Zum Bsp. hätte herausgearbeitet werden können, warum "Der Mensch, so sieht es die NRA, ist ein freies Wesen, ausgestattet mit der Fähigkeit zu verantwortungsbewusstem Handeln und unveräußerlichen Rechten, darunter dem Recht auf uneingeschränkten Besitz von Schusswaffen." sachlich nicht richtig ist.

  6. Wer sich tiefergehend damit beschäftigen will sollte den Film

    http://penny-arcade.com/p...
    ( englisch )

    nicht verpassen. Da er gut erklärt das es verschidene ansichten gibt wie eine waffe gesehen wird und das in Amerika eine waffe ebend als Freiheit verstanden wird und als möglichkeit diese Freiheit auch zu gerantieren und das sie einen nicht weggenommen werden kann.

    Zwar verwischen die Ansichten in der modernen Welt immer mehr, aber die zugrundeliegenden Ideen beliben oft in grossen Teilen der esellschaft erhalten.

  7. denn die selbstgestellte Aufgabe:

    "Trotz aller Amokläufe wollen die Amerikaner nicht von ihren Waffen lassen"

    wurde weder, auch nur ansatzweise, untersucht, noch der unterstellte Zusammenhang kriminologisch nachgewiesen!

    Leider verwirren die kriminologischen Fakten zum Thema "Amok", was schon die höchst dubiose Diskussion in deutschen Medien zeigte.

    MfG KM

    Antwort auf "nichtssagender Artikel"
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    "Trotz aller Amokläufe wollen die Amerikaner nicht von ihren Waffen lassen"

    "Trotz der vielen Verkehrstoten wollen die Deutschen keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf ihren Autobahnen"

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