ZEIT: Würde Angela Merkel in Ihre nischenhafte Turm- Gesellschaft passen?

Tellkamp: Ich denke, dass Angela Merkel gut in die Gesellschaft passen würde, die ich in meinem Buch beschreibe. Sie war ja als Studentin in der Sowjetunion . Auch für sie hat die Frage nach Anpassung und Nische in der Akademie der Wissenschaften eine große Rolle gespielt. Die Turm- Gesellschaft, das ist eine Gemeinschaft von Leuten, die eine gewisse Funktionselite darstellen: Techniker, Wissenschaftler, ohne die keine Gesellschaft auskommt. Und zu diesen Leuten gehörte auch Frau Merkel. Auf dem Weißen Hirsch haben sehr viele Ärzte, Professoren, Maschinenbauingenieure gelebt. Wer hier wohnte, war natürlich Rädchen im Getriebe, stand gleichzeitig aber der herrschenden Ideologie skeptisch gegenüber und verbalisierte das auch. Dieser Widerspruch zwischen Anpassung, Mitmachen und auch einer gewissen Mitschuld, das ist für mich etwas Typisches für den Turm. Davon kann Frau Merkel auch was erzählen. Davon kann auch ich was erzählen. Auch ich war in der Armee. Angela Merkel hat mir mal gesagt, sie würde immer gedrängt, mein Buch zu lesen – von ihrem Mann und von ihrer Mutter. Aber sie finde die Zeit nicht.

ZEIT: Und Gauck – hätte ein Pfarrer Gauck die Turm- Gesellschaft durcheinandergebracht?

Tellkamp: Ich hatte bereits von ihm gehört, als er noch Pfarrer in Rostock war. Damals sagte man schon: Der ist viel zu hart für einen Theologen, der ist nicht so weichgespült, kein Seelenstreichler, wie man sich das vorstellt. Und ich hätte ihn gerade deshalb gerne als Pfarrer gehabt. Ich hätte mir Gauck in meiner Nähe gewünscht. Wahrscheinlich hätte man über so eine Figur viel eher einen Freiraum kennengelernt, eine härtere und mutigere Sprache. Deshalb wäre Gauck ein Gewinn gewesen. Einer, der auch die Probleme einsieht, die man mit Kirche haben kann. Den man fragen kann: Wo ist denn Gott nach Auschwitz? Das hat für mich als Jugendlicher eine Rolle gespielt, unbedingt. Bei Gauck hätte ich das Empfinden gehabt, zu ihm kann man gehen. Der ist wirklich ein Gemeindevater.

ZEIT: Überrascht es Sie, dass wir immer noch so viel über Ost und West reden?

Tellkamp: Als ich im Westen lebte, hat mich eher überrascht, wie ähnlich wir uns sind! Es gibt unglaublich ossimäßige Verhaltensweisen im Westen. Und massenhaft DDR in teils grauenhafter Ausprägung. Ich habe dort Bürokraten kennengelernt, von denen ich dachte: Die hätten es im Kommandosystem weit gebracht! Manche traten auf wie Stasi-Typen, und ich dachte mir: In einer anderen Gesellschaft hättet ihr schnell Schulterstücke getragen! Wir haben in München und Freiburg gelebt, 2004 bis 2007 waren wir in Karlsruhe. Dort wurden wir mit der Kehrwoche konfrontiert: Da standen Besen und Eimer, und wie in schlimmsten Blockwartszeiten wurde abgehakt, ob man der Hausordnung nachkommt. Da wurde auch genau geguckt, ob jemand den Müll trennt. Und es roch nach Osten: weil ganze Straßenzüge mit Braunkohle geheizt werden.

ZEIT: Hat sich der Westen verwandelt?

Tellkamp: Ja, sehr. Der alte Westen ist untergegangen wie der alte Osten. Dass der Osten dazukam, mag Auslöser gewesen sein – Ursache war es aber nicht. Ursache ist, dass nach dem Mauerfall so viel mehr Welt nach Deutschland kam: China, Rohstoffbesorgung, Konflikte in Afrika . Die ganzen Weltfurien sind eingezogen. Hier wie drüben.

ZEIT: 2009 kehrten Sie nach Dresden zurück, auf den Weißen Hirsch – wo ihr Roman spielt und wo Sie aufwuchsen. Wie war das, heimzukommen?

Tellkamp: Ich hatte Bedenken, ganz ehrlich. Ich traf mal einen Bekannten aus Dresdner Oppositionstagen, der sagte mir: Ich beneide dich, dass du zurückgehen kannst. Ich kann es nicht mehr. Ich gehe dort über die Straße, in den Supermarkt und sehe überall die alten Stasi-Fressen. Ich hatte also Bedenken. Meine Frau ist auch Dresdnerin und hat da mehr gedrängt.

ZEIT: Haben Sie den Weißen Hirsch wiedererkannt?

Tellkamp: Nein. Das ist zwar ein Viertel, das durch seine Goldstaublage gewisse Leute anzieht, damals wie heute. Nun sind die Mechanismen aber andere. Was einst über Vitamin B lief, läuft jetzt über Geld.

ZEIT: Kann einem das vulgär vorkommen?

Tellkamp: Na sicher. So ist es. Ich bin da privilegiert durch den Bucherfolg. Aber Dresden ist eine gute Schreibstadt für mich geworden. Ich habe hier meine Ruhe. Ich bin ja kein Brad Pitt – hier wird man nicht nach Autogrammen gefragt. Das ist wohltuend. Allerdings gab es anonyme Briefe, mit Drohungen, Beleidigungen – von Leuten, die zu feige sind, ihren Namen darunterzusetzen. Die behaupten dann, dass die Dinge ganz anders waren als von mir im Turm beschrieben; dass ich alles verzerren würde. Ich sei ja nur ein Sprachrohr gewisser Wessis, die hier alles kolonisieren. Oder von der CDU gekauft.

ZEIT: Und? Sind Sie von der CDU gekauft?

Tellkamp: Nö. Aber wenn Sie den mit 15.000 Euro dotierten Konrad-Adenauer-Preis gewinnen, muss einem das erst mal jemand glauben. Auch wenn das Buch vor dem Preis da war.

ZEIT: In welchem Stadium sind Sie mit Lava?

Tellkamp: Ein Drittel habe ich.

ZEIT: Wann wollen Sie fertig sein?

Tellkamp: Es gibt sogar einen Abgabetermin. In etwa zur Einschulung meines Sohnes, im September 2013. Das ist ein gesunder Druck.

ZEIT: Für die untergehende DDR im Turm haben Sie das Wort "Dornröschenschlaf" gefunden. Haben Sie schon einen Begriff für die Zeit danach?

Tellkamp: Das ist genau die Schwierigkeit. Ich bin ein Märchenschreiber. Das Märchen ist für mich so wichtig, weil es einen Kindheitsmythos zugrunde legt für etwas, das eigentlich unerklärlich ist. Vielleicht ist die Schatzinsel so ein Mythos, der passt: Wir alle haben 1990 angefangen, zu einer Schatzinsel zu fahren.