In Halle B4 auf der Schiffbaumesse SMM in den Hamburger Messehallen liegen in diesem Jahr Freud und Leid nah beieinander: Nach einer endgültigen After-Work-Party sieht es am Biertresen der Werftengruppe P+S aus; Ende August haben die Werften in Stralsund und Wolgast Insolvenz angemeldet. Am Messestand direkt nebenan dagegen präsentiert die Werftengruppe Nordic Yards in einem Glaskasten das Modell ihres neuesten Großauftrags: Neben Umspannplattformen für Offshore-Windparks baut die Werft nun auch ein Wartungsschiff zur Reparatur und Versorgung.

Schon im Frühjahr hat Nordic Yards mit Sitz in Wismar die Personalressourcen mit den neuen Vorhaben abgeglichen. Ergebnis: Bis zum Ende des Jahres fehlen 100 Leute, darunter 60 Ingenieure. Man könnte meinen, dass eifriges Werben notwendig ist, um diese Lücke zu füllen. Doch Personalleiter Björn Cleven schüttelt den Kopf: »Wir haben die klassischen Kanäle genutzt – die üblichen Internetplattformen wie Stepstone, vor allem aber Anzeigen in der regionalen Presse.«

Schon Ende Juni lagen 300 Bewerbungen auf dem Tisch, vier Monate später sind bereits drei Viertel der Stellen besetzt, zu großen Teilen von Mecklenburgern, die woanders gearbeitet haben und zurück wollen an die Küste. Nur fünf Facharbeiter fehlen noch, bei den Ingenieuren ist es nicht ganz so leicht: 20 muss Cleven noch finden. Auch deshalb ist er auf der Schiffbaumesse in Hamburg. Er wolle die Ingenieurslücke nicht kleinreden, meint Cleven. »Aber dass es ein bisschen schwerer ist, die passenden Spezialisten zu finden, ist kein Zeichen mangelnden Nachwuchses, sondern liegt an der neuen Disziplin.«

Offshore als große Chance

Das Wort »Offshore« ist auch an den Messeständen omnipräsent. Viele Werften, gerade die deutschen, die mit den Riesendocks in Asien nicht mehr mithalten können, sehen in dem neuen Markt ihre Chance. Nicht ohne Grund: Allein vor der deutschen Küste sind neben den 72 bestehenden 448 Windkraftanlagen im Bau. 8235 weitere wurden bereits genehmigt. Das beflügelt nicht nur die Hersteller von Windrädern, sondern auch eine ganze Zuliefererindustrie. »Es ist irre, wie weit man da den Bogen spannen kann«, sagt York Ilgner der beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) den Arbeitskreis Schiffbau und Schiffstechnik leitet. »Das ist ein Riesenarbeitsmarkt.«

Wie baut man die Plattform? Wie bringt man sie vor die Küste, wie errichtet und gründet man sie?

Jede Menge Ingenieure und Techniker werden auch benötigt, um all die Anlagen am Laufen zu halten. »Mit viel Wartungsaufwand ist schon deshalb zu rechnen, weil die Erfahrung fehlt«, sagt Björn Cleven. »In Deutschland wurde der Offshore-Bereich bislang eher stiefmütterlich behandelt. Wir haben kein Öl und kein Gas, da haben die Niederländer und die Engländer einen Vorsprung.« Dafür mischen aber auch Konkurrenzländer wie Korea und China noch nicht mit.

 »Dass wir hier Neuland betreten, ist bei der Personalsuche unser Hauptargument«, sagt Cleven. Er sei selbst überrascht, wie viele junge Leute sich begeistern lassen von den erneuerbaren Energien und gerne irgendwo mitarbeiten, wo man die Welt verbessern kann. »Der Pioniergeist motiviert viele«, sagt Cleven. Offenbar nehme man den Werften auch wieder ab, dass sie Perspektiven bieten können.

Pioniergeist ist gefragt

»Als Offshore kam, ging es vielen Werften schlecht«, sagt York Ilgner vom Verein Deutscher Ingenieure. »Viele haben sich mit günstigen Angeboten darauf gestürzt und dann den Aufwand völlig unterschätzt, vor allem was die Qualitätssicherung angeht.«

Im klassischen Schiffbau können sich Werften, Kunden und Behörden an den deutschen Schiffbaustandard halten, im Offshore-Windanlagenbau fehlen solche Standards, es gibt auch noch kaum Vorschriften. »Jede einzelne Schweißnaht muss dokumentiert und geröntgt werden«, sagt Ilgner. Deshalb zählen vor allem auch Schweißfachingenieure und die Leute fürs Qualitätsmanagement zu den Experten, die ganz besonders gefragt sind.

»Inzwischen haben alle verstanden, dass es dabei nicht lediglich um einfachen Stahlbau geht, und bezeichnen das als Schiffbau, was wir hier tun«, sagt der Mann von Nordic Yards, Björn Cleven.

Für Wehmut nach den vergangenen Zeiten bleibt da kein Raum.