Ist doch ein verdammt gutes Gefühl, die ganze Welt in der Hand zu haben. Oder auf dem Schoß. Durch Smartphone und Laptop ist jeder vernetzt mit dem hintersten Winkel dieser Erde, verfügt jeder über ein mobiles Superhirn. Und wer ein iPhone oder MacBook kauft, bekommt von Apple gratis das Attribut der progressiven Coolness dazu. Hip, kreativ, alternativ. Verändere die Welt mit einem Klick oder einem Touch!

Gut, fangen wir mit dem Vernetzen an, begeben wir uns auf eine virtuelle Reise – nicht zur coolen Fassade der Apple-Stores, sondern zur Schattenwelt dahinter: Smartphone anschalten (Nicht-Apple-Benutzer dürfen auch mitmachen), Maps anklicken, »Foxconn, Shenzhen, China« eingeben. Schon stehen Sie mittendrin im Reich des weltweit größten Elektronikproduzenten, auch iPod-City genannt: Werkshallen, Wachschutz, Schlaftürme, Kantinen für mehrere Hunderttausend Wanderarbeiter, die Smartphones und Computer für Apple, Nokia oder Dell montieren. Sinnbild für Chinas Wirtschaftsboom und Apples sagenhafte Gewinne – und für den Preis, den Menschen dafür zahlen: Niedriglöhne um die 200 Euro im Monat, Zwölf-Stunden-Schichten bei Sprechverbot, Vorwürfe der Kinderarbeit, eine Selbstmordserie unter Arbeitern vor zwei Jahren, jetzt eine Massenschlägerei mit der Polizei in einem anderen Werk, die Schlagzeilen macht, weil sich womöglich die Auslieferung des neuen iPhones verzögert.

Hauptsache, keine Gewerkschaft stört den Betrieb

Ein paar Klicks – und schon sind wir im pakistanischen Karachi, Stadtteil Baldia Town, einem riesigen Gürtel von Textilfabriken. Hub Road, Plot 67, dort starben am 11. September bei einem Feuer 289 Arbeiter von Ali Enterprises, einer Firma, die Jeans für die Billigkette KiK hergestellt hat. So ziemlich jede Brandschutzvorschrift war missachtet worden, die Fenster waren vergittert, die Notausgänge verriegelt.

Weiter Richtung Westen über den Atlantik an die mexikanisch-amerikanische Grenze. Hier befinden sich immer noch viele maquiladoras, Fabrikbetriebe auf dem Territorium eigens geschaffener Freihandelszonen mit den üblichen Standortvorteilen: kein Arbeitsschutz, kein Umweltschutz, keine Gewerkschaften. Das Problem: Die Konkurrenz aus China oder Pakistan ist immer erdrückender geworden. Hier schließt sich der Kreis mit Shenzhen und Baldia Town.

Ende der Reise. Ausloggen, ausschalten. Und jetzt? Wie hieß einst ein populärer Werbeslogan von Apple? Think different!

Keiner will sich mehr als dummer Konsument verspotten lassen, der alles kauft, was schön verpackt ist. Bioprodukte sind in, genmanipulierte Nahrungsmittel provozieren einen Aufschrei des Protestes, und der Kaffee am Frühstückstisch darf ruhig ein Fair-Trade-Siegel haben. Aber bei der Frage, unter welchen Bedingungen unsere neuen Kleider, Handys oder Computer hergestellt worden sind, funktioniert das vernetzte Denken nicht so gut. Da herrscht noch reaktionäre Bequemlichkeit im Kopf: Nicht schön, was da in Karachi, Mexicali oder Shenzhen passiert, Kinderarbeit, Hungerlöhne, Rechtlosigkeit – aber mussten da nicht auch die industrialisierten Länder irgendwann einmal durch?

Mussten sie. Und deshalb wissen die Bürger in diesen Ländern genau, dass an Ausbeutung und unmenschlichen Arbeitsbedingungen nichts, absolut nichts »Naturwüchsiges« ist. Solche Zustände gedeihen, weil Regierungen und internationale Investoren sie ungestraft schaffen und ausnutzen können.