Als Gerhard Schröder die Agenda 2010 durchsetzte, beging er einen schweren Fehler. Er dachte, es ginge gerecht zu in Deutschland. Der Mann, der von weit unten in der Gesellschaft zum Bundeskanzler aufgestiegen war, schloss von sich auf andere: Wer etwas leistet, der kommt nach oben. Doch so ist es oft nicht. Reich und Arm unterscheiden sich nicht nur dadurch, dass die einen viel haben und die anderen nicht. Arme Leute bekommen auch viel zu wenig Chancen, daran etwas zu ändern.

Schröders Agenda 2010 ist, für sich genommen, ein voller Erfolg: Seit das Fordern und Fördern im Jahr 2005 endgültig einsetzte, ist die Zahl der Arbeitslosen um zwei Millionen gesunken. Doch Armut und Ungleichheit hielten sich hartnäckig. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen spreizte sich zwar vor allem vor den Reformen, wie der Überblick auf der nächsten Seite zeigt. Aber der Trend ist ungebrochen, wer hat in Deutschland, dem wird gegeben.

Nun sollte die Agenda die Wirtschaft ja beweglicher machen, statt den Sozialstaat weiter aufzublähen. Mehr Arbeit, auch für geringere Löhne – das war das Ziel, um den Jobsuchern wieder etwas anbieten zu können und das Land aus der Spirale von Arbeitslosigkeit, steigenden Sozialbeiträgen und wirtschaftlicher Stagnation zu befreien.

Bloß sind zu viele Jobber bei niedrig entlohnter Arbeit und vorübergehenden Jobs hängen geblieben. Sie kommen nicht voran auf der Leiter, die einst der junge Gerhard Schröder hinaufeilte, fürs Alter sieht es düster aus, weil sie sich kaum eine Rente oberhalb der Grundsicherung erarbeiten können.

Die Perspektive ist oft für ihre Kinder genauso schlecht, gerade bei Migranten, Langzeitarbeitslosen und Alleinerziehenden, die als besonders armutsgefährdet gelten. Gerhard Schröders Jugenderfahrung teilen sie nicht, sondern werden schon im Bildungssystem eher gedeckelt als gefördert. Das ist ungerecht, und leisten kann sich Deutschland diese Verschwendung von Talent und Anstrengung sowieso nicht. Gute Facharbeiter und Manager verzweifelt gesucht, so heißt es heute schon, und die Klage wird lauter werden, wenn die Gesellschaft altert.

Schröders Fehler war also nicht die Agenda. Sein Fehler war, dass sie unvollständig blieb. Mehr Markt, mehr Flexibilisierung – dieses Projekt reicht nicht aus. Deutschland braucht ein weiteres Projekt, eine Agenda 2020 der Mobilisierung.

Vor zehn Jahren suchte Deutschland einen Weg aus der Massenarbeitslosigkeit, heute spüren die Menschen, dass es in der Gesellschaft für die weiter unten nicht vorwärtsgeht. Wie damals schon, so sind auch heute die Lösungen bekannt. Sie heißen schnellere Integration, bessere Bildung, mehr Freiheit.