Benjamin BrittenWie auf einem alten Gemälde

Das Aldeburgh Festival rüstet sich für Benjamin Brittens 100. Geburtstag. von Christine Lemke-Matwey

Der britische Komponist Benjamin Britten dirigiert, etwa 1965.

Der britische Komponist Benjamin Britten dirigiert, etwa 1965.   |  © Erich Auerbach/Hulton Archive/Getty Images

Da stehen sie nebeneinander, wie sie es fast 40 Jahre lang getan haben, aufrecht und bescheiden, Schulter an Schulter, und blicken hinaus aufs Meer. Ein Junitag an der britischen Ostküste, stürmisch, nass, bewegt, die See hat ihre Farbe auf Bleigrau umgestellt, die Wellen scheinen statt Schaumkronen Aschehäubchen zu tragen. Und schwarz glänzen auch die Grabsteine von Benjamin Britten und Peter Pears auf dem kleinen Friedhof von Aldeburgh, schwarz und schlicht, nur die Namen finden sich darauf eingraviert und beider Lebensdaten: 1913–1976 für Britten, 1910–1986 für Pears, seinen Lebensgefährten. Der Rest versteht sich von selbst. Drinnen, in der Kirche von St. Peter and St. Paul, hängen krakelige, bunte Kinderzeichnungen. Großkünstlerverehrung sieht anders aus.

Britten, sagt Jonathan Reekie, habe kein Museum gewollt, weder zu Lebzeiten noch nach seinem Tod. Der Komponist habe die Landschaft seiner Heimat Suffolk geliebt, die Stille der Marsch, das Licht, die weiten Himmel über der See, und von all dem sollten sich auch andere inspirieren lassen. Reekie ist der geschäftsführende Direktor von Aldeburgh Music (der ganzjährigen Dachorganisation des Aldeburgh Festivals) und spricht in jenem leicht näselnden Tonfall der Londoner Upperclass, den man gern mit Arroganz verwechselt. Allerdings braucht es schon eine solche Kombination aus androgynem Charme und richtigem Stallgeruch, um mit einem Festival in der Provinz seit 15 Jahren Erfolg zu haben. Ein sattes Drittel des Sechs-Millionen-Euro-Jahresbudgets speist sich heute aus Sponsorengeldern, ein weiteres Drittel kommt vom Staat, die restlichen 40 Prozent besorgen die Einnahmen.

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Wobei Reekie nicht gern über Zahlen spricht. Viel lieber streicht er die Bedeutung der zeitgenössischen Oper für Aldeburgh heraus (der 2012 mit zwei Einaktern von Oliver Knussen gehuldigt wurde), lieber sagt er Sätze wie »Wir sind nicht Bayreuth« oder auch »Die Erneuerung des Festivals gleicht der Restaurierung eines alten Gemäldes«. Staubschicht für Staubschicht habe er damals entfernt und Übermalungen getilgt, um die ursprünglichen Ideen und Kräfte wieder freizulegen. Gerade im Vereinigten Königreich, dem »land without music«, sind konservative Bestrebungen, die aus Britten bis heute einen Insel-Wagner und aus Aldeburgh eine Art Brit-Bayreuth machen möchten, nicht zu unterschätzen. Die Fotos der Queen von 1967, als sie den lang ersehnten Konzertsaal im benachbarten Snape einweihte, mit Blumen auf dem Kopf und Blumen in den Händen, täuschen darüber kaum hinweg.


Gegründet hatten Britten und Pears die Festspiele gemeinsam mit dem Theatermacher Eric Crozier 1948, als Nachfolger der English Opera Group, mit der sie in jenen Jahren durch Europa tourten. Das Aldeburgh Festival machte sich für Neue Musik stark, unterstützte Ausgrabungen des Repertoires und ungewöhnliche Interpretationen, schlug Brücken zur Literatur und zur bildenden Kunst, setzte dem Liedgesang ein Denkmal, diskutierte über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, war mal kulinarisch, mal kontrovers, doch nie ideologisch – und entwickelte etwas, das auf dem Kontinent erst seit wenigen Jahren als Wunderpille im Kampf gegen das schwindende Interesse an der Hochkultur gilt: die Heranbildung des Publikums. »Die beiden haben die richtigen Fragen gestellt«, sagt Reekie und lächelt sein maliziöses Bubenlächeln, als hätten die Angelsachsen schon immer gewusst, dass und wie die kulturelle Tradition des Abendlandes eines Tages gegen die Wand fahren könnte.

Heute bietet das Aldeburgh Festival ein ausgeklügeltes, mehrstufiges Fördersystem, von den ganz Kleinen bis zu renommierten Artists in Residence, und wer in einer Konzertpause über das weitläufige Gelände der Snape Maltings flaniert (einer aufgelassenen Malzfabrik aus dem 19. Jahrhundert), der kann die einen kaum von den anderen unterscheiden – so tief graben sich Landschaft und Luft in die Gesichter, den Habitus ein, so sehr hatten Britten und Pears mit ihrer Vision einer Identität durch Verwurzelung offenbar recht.

Aldeburgh Festival

Programminformation unter www.aldeburgh.co.uk und www.britten100.org

Auch Deutschland feiert Britten mit »Peter Grimes« in Leipzig ab 17.11.2012, an der Deutschen Oper Berlin ab 5.2.2013, in Karlsruhe ab 6.7.2013, mit »The Rape of Lucretia« in Eisenach ab 8.12.2012, »A Midsummer Night’s Dream« in Magdeburg ab 26.1.2013, »Gloriana« in Hamburg ab 24.3.2013, »The Turn of the Screw« in Saarbrücken ab 8.6.2013, am Nationaltheater Mannheim ab 12.7.2013

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht um Idylle. Richtig schön ist dieser Küstenstrich nämlich nicht. Der Strand besteht aus Kieseln, das Wasser ist zum Baden zu kalt, die Hotellerie überschaubar, und als reichte dies alles nicht, grüßen aus dem ehemaligen Schmugglerdörfchen Sizewell seit den sechziger respektive achtziger Jahren zwei Atomkraftwerke herüber, Sizewell A und Sizewell B, ein drittes ist im Bau. 2011 setzte sich die junge Videokünstlerin und Regisseurin Netia Jones mit dieser Spannung auseinander: Everlasting Light nannte sie ihre Open-Air-Performance direkt vor Ort, mit Musik von György Ligeti und diversen Projektionen zum Kollaps der Zeit und des Universums – auch das ist Aldeburgh. Und Netia Jones war es auch, apropos Förderung, die 2012 in Snape Oli Knussens Higgelty Piggelty Pop und Where the Wild Things Are höchst fantasievoll in Szene setzte und das computeranimierte Bühnenbild für immer vom Ruch des Aseptischen, Leblosen befreite.

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