PakistanGeht Pakistan dem Westen verloren?

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Als die USA vor knapp elf Jahren Afghanistan angriffen, sandten sie ihren stellvertretenden Außenminister Richard Armitage in die pakistanische Hauptstadt Islamabad. »Seid ihr für uns oder gegen uns?« Diese Frage soll Armitage Machthaber General Pervez Musharraf gestellt haben. Musharraf stellte sich umgehend auf die Seite der USA. Trotz der Beteuerung des Generals blieben erhebliche Zweifel über die wahren Absichten Pakistans – sie bestehen bis heute. Gehört Pakistan ins Lager des Westens oder nicht?

Der Westen hielt sich offiziell an das, was die Regierung in Islamabad sagte. Selbst als sich die Beweise häuften, dass Pakistan ein doppeltes Spiel spielte, behielt das Land den Rang eines »privilegierten Partners der Nato«. Das hatte taktische Gründe. Die Nato weiß, dass es gegen den Willen Pakistans keinen Frieden in Afghanistan geben kann. Also tat man so, als sei Pakistan ein fester Bestandteil des westlichen Lagers. Das war es freilich nie. Es war, wohlwollend betrachtet, ein höchst widersprüchlicher Kampfgefährte, der bei Nacht gerne mal die Fronten wechselte.

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Nun aber scheint Pakistan sich deutlich aus dem westlichen Lager zu verabschieden. 100.000 Dollar hat der Eisenbahnminister des Landes für die Tötung des Urhebers des Videos über den Propheten Mohammed (The Innocence of Muslims) versprochen. Dieses Video hatte besonders in Pakistan heftige Proteste ausgelöst. Die Regierung distanzierte sich zwar vom Aufruf ihres Ministers. Zurücktreten musste er allerdings nicht. Das ist erstaunlich, denn immerhin rief er zum Mord auf – und er wiederholte es mehrmals. Gravierender noch: Er bat die Taliban und Al-Kaida um Unterstützung. Das ist nicht nur symbolisch. Es ist tatsächlich der Abschied vom Zweckbündnis, das Pakistan vor elf Jahren mit dem Westen eingegangen ist.

2014 wird die Nato ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Pakistan wird seine Rolle als Partner im Kampf gegen den Terror verlieren. Der Westen verabschiedet sich aus der Region, Pakistan muss sich umorientieren. Die Neuausrichtung geschieht zunächst einmal vor dem Hintergrund der eigenen Gründungsgeschichte. Pakistan ist 1948 als islamischer Staat entstanden. Der Islam ist sein existenzielles Identitätsmerkmal. Jetzt, da die internationale Klammer des Kampfes gegen den Terror schwächer wird, tritt dieses Merkmal umso deutlicher hervor. Der Aufruf des Eisenbahnministers ist ein hässlicher Versuch der Rückkehr zu den Wurzeln: Pakistan als Schutzmacht der Muslime.

Für die Pakistaner wird entscheidend sein, wer die anstehende Neuorientierung dominiert, die radikalen oder die gemäßigten Kräfte. Gewinnen die Radikalen die Oberhand, droht dem Land ein innerer Zerfallsprozess mit gleichzeitig sich verstärkenden Konflikten mit der Außenwelt, besonders mit Indien. Gewinnen die gemäßigten Kräfte, hätte Pakistan die Möglichkeit, sich vom Aufstieg des ökonomisch erfolgreichen Nachbarn Indien mitreißen zu lassen. Angesichts der Erzfeindschaft zwischen den beiden Ländern scheint dies nicht sehr wahrscheinlich. Doch es ist die beste Chance, die Pakistan derzeit hat.

Vom Westen wird sich Pakistan in beiden Fällen verabschieden. »Zum Glück!« – könnte man denken. In der Tat ist dieses Pakistan ein schwieriger Partner. Doch kann sich der Westen von einer Atommacht verabschieden, die am Rande eines Abgrundes wandelt? Kann er hoffen, der terroristischen Gefahr Herr zu werden, indem er das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet mit Drohnen überwacht und beschießt? In beiden Fällen lautet die Antwort: Nein. Der Westen wird Pakistan weiterhin brauchen. Dass die Pakistaner dem Westen allerdings weiter die Stange halten werden, ist unwahrscheinlich.

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Leserkommentare
  1. Pakistan hat Atomwaffen verbreitet und Bin Laden versteckt, es benutzt die Taliban um einen Fuß in der afghanischen Tür zu behalten. Wir sollten uns von dieser charmanten Mischung aus indischer Rückständigkeit und militantem Islamismus fernhalten.

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