Was nur hätte er dazu gesagt? Zu diesem tristen, zugigen Nichts des Berliner Kulturforums? Hätte sich Schinkel nicht böse verhöhnt gefühlt, weil man ihm nun ausgerechnet hier eine große Ausstellung widmet? In diesem Museum, das aussieht wie das Hallenbad irgendeiner BRD-Mittelstadt der siebziger Jahre? Was für eine Düpierung für diesen Baumeister, der stets von der erhebenden, befreienden Macht der Architektur träumte.

Alle sagen, sie liebten ihren Karl Friedrich Schinkel (1781 bis 1841). Er ist einer von uns!, rufen die Freunde des architektonischen Fortschritts und preisen ihn für seine technischen Innovationen, die frühen Rasterfassaden. Ebenso innig wird er von den Traditionalisten verehrt, die ihn als Meister der Säulenkunst feiern, schwelgend in Wehmut und Pracht. Beide aber wollen in ihm nur sich selbst erkennen. Und verkennen, wie ungeheuer bereichernd es sein kann, sich auf den ganzen, den vielgesichtigen, den wahrhaft modernen Schinkel einzulassen.

Denn das ist die erste Lektion, die er uns hinterlassen hat: Traut euch selbst nicht über den Weg! Schinkel war zwar mächtig, und wie machtvoll viele seiner Bauten ausfielen, das Alte Museum in Berlin genauso wie das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt oder die Neuen Wache, das lässt sich bis heute erfahren. Da will einer was und will etwas für seinen Staat. Doch gerät Schinkels Architektur nie in die Falle der Selbstgefälligkeit. »Ueberall, wo man sich ganz sicher fühlt«, so schrieb er einmal, »hat der Zustand schon etwas Verdächtiges, denn da weiß man Etwas gewiß, also Etwas, was schon da ist, wird nur gehandhabt, wird wiederholt angewendet. Dies ist schon eine halb todte Lebendigkeit.«

Und so ist das die zweite Lektion: Baut lebendig! Überrascht euch selbst! Schinkel war ein Architekt des Zweifels, und gerade dieser Zweifel macht ihn zu einem Urvater der Moderne. Er wusste ebenso wenig wie die Architekten der Gegenwart, in welchem »Style« er denn bauen sollte. Doch statt sich auf irgendein Dogma zu versteifen und dieses als einzig wahre Baukunst zu preisen, gelang es Schinkel, die Verunsicherung als eine grandiose Form der Freiheit zu begreifen. Die Freiheit, immer weiter zu fragen und zu forschen und aufzusaugen, was immer ihm begegnete – in der Geschichte wie in der Gegenwart.

Franz Krüger: Bildnis Karl Friedrich Schinkel, 1836 © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Das ist seine dritte Lektion: Denkt nicht in Gegensätzen! Borgt euch von allem das Beste! Schinkel wäre der ganze Widerstreit zwischen Traditionalisten und Modernisten, der bis heute viele Architekten beherrscht, als furchtbare Kinderei erschienen. Er glaubte weder an die Abstraktion noch an die Dekoration, nicht an Säulen, nicht an die nackte Ziegelsichtigkeit – er konnte sich an dem einen wie an dem anderen erfreuen. Und statt um jeden Preis einen neuen, möglichst originellen Stil zu prägen, fertigte er im Zweifel für eine Bauaufgabe gleich mehrere Entwürfe an, etwa für die Friedrichswerdersche Kirche, mal klassizistisch, mal gotisch. Für sein Freiheitsdenkmal in Kreuzberg schien ihm sogar eine kuriose Vermählung der Stile denkbar: Über einem strammen Portikus erhebt sich lodernd ein gotisierender Turm.

Sosehr er sich auch für das historische Erbe begeistern konnte, nie machte er sich zum Sklaven seiner Erkenntnisse. Er nahm die Geschichte ernst, erstarrte aber nicht vor ihrem Reichtum – und vermutlich hätte er alle verachtet, die heute seine Bauten als Kopiervorlage für ihre eigenen, gestanzten Entwürfe verwenden. Träumt eure eigenen Träume!, hätte er ihnen zugerufen. Traut eurer Fantasie! Das ist Schinkels vierte Lehre.