Arm und reichWas wir verdienen

Die Ungleichheit ist gewachsen, doch das Land zerbricht nicht. Ein Überblick in Zahlen von 

Schon der Name schürt Emotionen: Die Bundesregierung hat einen Armuts- und Reichtumsbericht geschrieben, über den vor seiner offiziellen Vorstellung gestritten wird. Was also sagt der Bericht, was sagen andere Quellen über die Verteilung von Einkommen und Vermögen?

Das Zahlenmosaik zeigt ein Land, dessen Gesellschaft nicht zerbricht, in dem aber die Unterschiede gewachsen sind. Die Einkommen sind heute ungleicher verteilt als vor zehn Jahren. Der Niedriglohnsektor ist größer geworden, ebenso ist der Teil der Bevölkerung gewachsen, den Sozialforscher als armutsbedroht bezeichnen. Die reichsten zehn Prozent wurden dagegen noch reicher.

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Es gibt viele Gründe dafür. Ausgerechnet die Ursache, die in vielen politischen Debatten den größten Raum einnimmt, dürfte eine eher geringe Rolle spielen: die Hartz-Reformen. Welchen Indikator man auch nimmt, Niedriglohnsektor, Armutsquote oder Einkommensschere, der größte Schub war vor der Reform. So wuchs die Niedriglohnbeschäftigung ab den neunziger Jahren, Hartz IV trat aber erst 2005 in Kraft.

Neben Hartz müssen da andere Kräfte gewirkt haben. Schon Mitte der neunziger Jahre merkten Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation, dass ihre Löhne unter Druck gerieten. Millionen Arbeitskräfte aus Osteuropa und Asien drängten da auf den Weltmarkt. So etwas hatte es in der Wirtschaftsgeschichte noch nicht gegeben. Außerdem bedrohten Computer, Internet und andere Erfindungen die einfachen Jobs, weil sie diese billig ersetzen konnten. So erklären auch viele Ökonomen, warum die Einkommensunterschiede in den meisten Industrieländern in dieser Zeit gewachsen sind.

In Deutschland stagnierte in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit außerdem fünf Jahre lang die Summe aller Löhne (zwischen 2000 und 2005), während die Gewinne bis zur Finanzkrise enorm wuchsen – eine extreme Konstellation, die sich in vielen Verteilungszahlen bis heute widerspiegelt. Der Staat beschleunigte dieses Auseinanderdriften noch durch Steuerreformen, von denen Besserverdiener am meisten profitierten.

Zu einem vollständigen Bild gehört aber auch: Die Einkommensunterschiede sind in Deutschland nicht höher als im internationalen Durchschnitt. Die Mittelschicht erweist sich als erstaunlich stabil. Und definiert man arme Menschen als solche, die sich grundlegende Dinge nicht leisten können, dann hat sie im deutschen Boom der letzten Jahre leicht abgenommen. Zugenommen hat dagegen höchstens die sogenannte relative Armut. Als armutsgefährdet gilt demnach, wer deutlich weniger Geld zur Verfügung hat als die Mitte der Gesellschaft. Bei dieser Definition bleiben auch im reichsten Land Menschen »arm«, wenn die Verteilung nicht ausgeglichen ist. Die Frage ist, ob ihre Zahl gewachsen ist. Antwort: bis 2005 ja, danach vielleicht, weil es widersprüchliche Studien gibt.

Auch über die Reichenstatistik gibt es falsche Vorstellungen. Die meisten Menschen denken dabei an sehr große Vermögen. Zu den reichsten zehn Prozent der Gesellschaft gehört man aber schon ab 220000 Euro Besitz. Das wird im Bericht der Bundesregierung nicht erklärt, zeigt sich aber in Statistiken des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Demzufolge gehören viele, die sich selbst zur Mittelschicht zählen, zur Oberklasse. Wer also eine Spaltung der Gesellschaft ausmachen will, muss noch einmal genauer schauen, wo der Graben verläuft.

Wie sieht die Zukunft aus?

Der Druck auf Geringqualifizierte wird bleiben – auch wenn die Löhne insgesamt inzwischen wieder stärker steigen als die Einkommen der Unternehmer. Klassische Ursachen für Armut verschwinden ebenfalls nicht von selbst: In keiner Bevölkerungsgruppe gibt es so oft Armut wie unter den noch immer drei Millionen Arbeitslosen (50 Prozent Armutsgefährdete) und unter Alleinerziehenden (40 Prozent). Wer hingegen Arbeit hat, ist deutlich seltener armutsbedroht (8 Prozent).

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