Ausstellung "Schwarze Romantik"Zauber, Wunder, Nachtgestalten

Die helle Epoche der Aufklärung hat auch eine finstere Seite. Eine Ausstellung in Frankfurt lädt nun ein zum stillen Grusel. von Petra Kipphoff

Die schwarze Romantik ist, bei Licht betrachtet, eine Kreation des Münchner Hanser Verlages. Nicht das Phänomen, jene doppeldeutige Konstitution einer Epoche der Kultur, die zunächst vor allem ein Kapitel der Literaturgeschichte ist. Aber als der Verlag das 1930 erschienene Buch des italienischen Literaturhistorikers Mario Praz La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica im Jahr 1948 herausbrachte, da hatte man den fabelhaften Einfall, dem Fleisch und der Liebe, dem Tod und dem Teufel einen Familiennamen zu geben, der schon gelegentlich aufgetaucht, aber noch nicht zur Kategorie geworden war: die schwarze Romantik. Womit alles, was der Romantik im Unterschied zur Klassik an verträumtem Frohsinn nachgesagt worden war, ausgeblendet wurde und der Blick nun hinab in die Abgründe von Trauer und Terror fiel. Und obwohl der durch Revolution und Aufklärung zu sich selbst erwachte Bürger im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert den Kanon der Tradition hinter sich gelassen hatte, feiern in der Romantik jene Elemente eine Wiederauferstehung, die vom Licht der Aufklärung eliminiert schienen: Zauber, Wunder, Geister, Gespenster, Ungeheuer, Nachtgestalten, Albträume.

So beschrieb es der große Germanist Richard Alewyn, der alles über das Barocktheater und den Kriminalroman wusste, in seinem Aufsatz Die Lust an der Angst. Das Potenzial kreatürlicher Furcht, das die Menschen seit Menschengedenken drohend begleitet hatte, war zwar wegrationalisiert, die Phänomene jedoch gewannen im Blick zurück einen anderen, ambivalenten Reiz. Die alten Schrecken wurden neu erlebbar, ohne Furcht um das Seelenheil, dafür mit den Verlockungen des Abgründigen. Es war, so Alewyn, »eine Konversion von Angst in Lust«.

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Schluss mit dem Frohsinn! Jetzt wird in den Abgrund geguckt

Was für die Literatur gilt und wofür Praz vor allem de Sade und Baudelaire, Byron und Wilde als Zeugen zitiert, wächst und wuchert in der bildenden Kunst noch auf anderen Wegen und Umwegen, wirft seine Schatten bis hinein ins frühe 20. Jahrhundert, wo der Symbolismus auch gern zum Somnambulismus mutiert und der Surrealismus gelegentlich mit dem Entsetzen seine Scherze treibt.

Felix Krämer, der nun am Städel Museum in Frankfurt eine Ausstellung über die Schwarze Romantik – von Goya bis Max Ernst kuratiert hat, zitiert deshalb zurecht Jean Pauls Feststellung: »Man könnte behaupten, jedes Jahrhundert ist anders romantisch«. Die Ausstellung ist daher nicht einer Epoche, sondern einer Geisteshaltung auf der Spur. Und über diese geben nicht zuletzt die von Krämer im Katalog aufgezählten Neurosen des in die freie Wildbahn der Gefühle entlassenen Menschen Auskunft: Oikophobie (Angst vor dem Nachhausekommen), Anthropophobie (Angst vor dem Menschen oder der Gesellschaft), Asymmetriphobie (Angst vor asymmetrisch geformten Gegenständen), Triskaidekaphobie (Angst vor der Zahl 13) und die Phobophobie (die Angst vor der Angst). Als übergreifenden Terminus könnte man hier noch die Melancholie nennen, von der Raymond Klibansky als ausgewiesener Fachmann behauptete, dass der denkende Mensch nicht ohne sie zu denken sei.

»Das Absolute ist die Nacht und das Licht jünger als sie«, notierte einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Die Nacht des Absoluten. In der Dämmerung als dem Zwischenreich der Ungewissheit und in der Nacht als dem Reich des Traums haben die Geister der Finsternis ihren Auftritt, lassen den Traum zum Albtraum werden. Johann Heinrich Füsslis Nachtmahr ist die erste Begegnung des Ausstellungsbesuchers mit der schwarzen Romantik. Auf eine junge Frau, die mit Kopf und Oberkörper im unruhigen Schlaf halb aus dem Bett gerutscht ist, schauen ein grinsender Alp und, durch einen Vorhang hindurch, ein Geisterpferd mit drohend hervorquellenden Augen.

Ausstellung "Schwarze Romantik"

Im Städel Museum Frankfurt bis zum 20. Januar 2013; der Katalog (bei Hatje Cantz) kostet 34,90 €

Auf diesem Bild von Füssli, dem zum englischen Maler gewordenen jungen Theologen aus der Schweiz, ist der Schauder der schwarzen Romantik exemplarisch zu sehen, inklusive der theatralischen Elemente, die sich hier auch der Lektüre von Shakespeares Dramen verdanken. Zugleich aber ist mit der jungen Frau eine zentrale Protagonistin der Romantik, des Symbolismus und Surrealismus auf die Bühne der Bilder getreten. Für sie gibt es als Opfer und Täterin, als Unschuld und Sünde, als Engel und Hexe, Windsbraut und Vanitas, Venus und Vampir, als schillernd schlangenköpfige Medusa noch viele Rollen aus der Mythologie, der Literatur, dem Leben und dem Traum.

In diesem ersten Raum ist ein erster Kreis des Schreckens ausgelegt. Mit den Albtraumbildern von Füssli. Mit Der große rote Drache und die Frau, mit der Sonne bekleidet von William Blake, dem Künstler, der seine abgründig gigantischen Bildvisionen selbst als einen von der Wut getriebenen Weg zwischen den Gestirnen Gottes und den Abgründen des Anklägers, also des Satans, beschrieben hat. Francisco de Goyas Flug der Hexen und, direkter noch, seine kleinen Ölbilder der täglichen physischen Grausamkeiten des Krieges und der Revolte weisen die Herkunft der Träume und Albträume in einer Realität nach, von der Goya Zeugnis ablegt wie kein anderer.

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