Neil YoungMein Ich, das große Kind

Lieder kann er schreiben, Bücher leider nicht. Neil Youngs Autobiografie scheitert an der Selbstüberschätzung. von Jean-Martin Büttner

Der Musiker Neil Young

Der Musiker Neil Young  |  © Emily Dyan Ibarra

Er erzählt von einer Geburt, wie sich das für eine Autobiografie gehört, nur ist es nicht seine. Behutsam löst Neil Young das Klebeband vom Karton, hebt den schweren Inhalt aus der Schachtel, der noch in eine Schaumstofffolie gewickelt ist. Dann endlich hält er sie in dankbaren Händen: eine Rangierlokomotive der Firma Lionel, die er mit seinem Geld vor dem Ruin bewahrte; der Prototyp der Serie, ein Sammlerstück. Neil freut sich, seine Frau Pegi freut sich, nur Sohn Ben verzieht keine Miene: Er kann sich nicht bewegen. "Ben kam mit Tetraplegie zur Welt", erinnert sich der Vater eine Seite später, "und ich hatte damals gerade meine Liebe zur Modelleisenbahn wiederentdeckt."

Dieses Gruppenbild mit Lokomotive steht am Anfang der lange erwarteten Autobiografie von Neil Young . Auf fast 500 Seiten breitet der Musiker sein Leben aus. Glück fand Neil Young mit seiner zweiten Frau und seinen drei Kindern, obwohl diese mit Behinderungen kämpfen mussten. Glücklich lebt er als Kleinunternehmer, Bastler, Tierfreund, Autosammler, Modelleisenbahner und Umweltschützer auf seiner kalifornischen Ranch. Glücklich arbeitet der 66-Jährige auch als Musiker. Neben Bob Dylan und Paul Simon ist Neil Young einer der wenigen verbliebenen Heroen, die nicht von der eigenen Vergangenheit begraben werden.

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Er hat sein Publikum und die Plattenfirmen so oft brüskiert, dass er machen kann, was er will. Als Performer mit seiner unverwechselbar hohen, von wuchtigen Akkorden kontrastierten Stimme brennt er noch immer großartige Konzerte ab. Er hört nicht auf, Songs zu schreiben und aufzunehmen, Filme zu machen, sein Archiv aufzubereiten, Verstärker und Gitarren auszuprobieren und an seinem neuen Klangsystem mitzuarbeiten. Gerade ist eine Platte von ihm erschienenen, eine weitere ist angekündigt, die übernächste schon aufgenommen. Neil Young kann mit schütterem Haar und einer Piratenflagge über dem Schlagzeug fünfminütige Soli spielen, die kein Anfänger riskieren würde. Er darf.

Leicht ist ihm das alles nicht gefallen, auch er hat in diesem Leben Verletzungen erlitten. Der eigensinnige Kanadier aus der Kleinstadt Omemee erkrankte als Sechsjähriger an Kinderlähmung, er schleppte sich, von den Mitschülern gehänselt, auf Krücken durch die Kindheit. Dann die Trennung seiner Eltern; er wird dem Vater, einem angesehenen Journalisten, erst viele Jahre später wieder nahekommen. Als Erwachsener durchzucken Neil Young schwere Epilepsieanfälle, er leidet an Rückenschmerzen, er stolpert durch grelle Nächte voller Tequila und Kokain, er sieht Freunde und Kollegen am Heroin verenden. Dann, im Alter, stirbt er selbst beinahe an den Folgen einer Hirnoperation. Doch er ist immer noch da, unverdrossen und wach: "Nicht, dass es groß was zu bedeuten hätte, aber ich habe vor Kurzem mit dem Rauchen und Trinken aufgehört. Seit ich achtzehn war, war ich nicht mehr so bodenständig wie jetzt."

Nüchternes Schreiben über ein berauschtes Leben, das klingt wie eine ideale Kombination. Und doch ist Neil Youngs Autobiografie missglückt. Sie leidet ironischerweise an den nachwirkenden Kollateralschäden durch seine Lieblingsdrogen: an der Unschärfe des Kiffers und der Selbstüberschätzung des Koksers. Neil Young hat den Ruf, ein konsequenter Künstler zu sein. Er hat immer gemacht, was er wollte. Ist weitergezogen, wenn ihm etwas nicht gefiel. Er hat es nie lange in einer Band ausgehalten, weder bei Buffalo Springfield noch mit den Songschreiberkollegen Crosby, Stills und Nash. Er lässt sich ungern dreinreden und ist schwer von einer Idee abzubringen. Er lässt sich weder von Peinlichkeit, Widerspruch oder Erfolglosigkeit abhalten. Diese Haltung ehrt ihn als Individuum, sie hilft ihm als Musiker, als Autor hat sie ihm geschadet. Er habe erst einen einzigen Absatz umgeschrieben, notiert er nach einem Drittel des Buches stolz.

Er lässt uns wissen, wie leicht ihm das Schreiben falle, und so ist es wohl, es fällt ihm leicht, weil er nicht erzählt, sondern plaudert. Neil Young hat in seiner 44-jährigen professionellen Karriere 36 reguläre Alben, 12 Liveplatten, und 4 Soundtracks eingespielt, er publiziert seit Jahren aus seinen Archiven, er hat Hunderte von Konzerten gegeben und zwei Dutzend Filme gemacht oder darin mitgemacht. Er bewahrt jeden aufgenommenen Ton auf. Er scheint auch jedes Wort geliebt zu haben, das seine Tastatur wiedergab. Hier wird ein Leben nicht verdichtet, sondern ausgebreitet. Sein Buch, frei von Chronologie und weitgehend auch von Struktur, formuliert überlange Anekdoten. Überhäufig verwendet er relativierende Wörter wie "ungefähr", "irgendwie", "nicht unbedingt", er steigert sich zu superlativen Einwürfen im Stile von "unbeschreibliche Originalität" oder "das ultimative Plattenlabel" oder "eine wahnsinnige Vision" oder "er war echt unverwechselbar, ein absolutes Unikat". Es wirkt oft so, als schriebe hier nicht ein intelligenter, sensibler Musiker, dem die Welt zuhört, sondern der Herausgeber einer Schülerzeitung.

Leserkommentare
  1. »ungefähr«, »irgendwie«, »nicht unbedingt«, »unbeschreibliche Originalität« oder »das ultimative Plattenlabel« oder »eine wahnsinnige Vision« oder »er war echt unverwechselbar, ein absolutes Unikat«.
    .
    Trifft das Mr. Young oder die Übersetzer?
    Wie lauten die kritisierten Begriffe im Original, also in Herrn Youngs Worten und im Zusammenhang? ...das werd ich wohl selbst herausfinden müssen, wenn ich das Original lese.

  2. 2. [...]


    Entfernt. Bitte äußern Sie Kritik respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

    • aji
    • 29. September 2012 4:51 Uhr

    Die Redewendung heisst, korrekterweise "Don't quit your day job."

    "Keep your day job" ist ein Lied der Grateful Dead :)

    • orca62
    • 01. Juni 2013 15:47 Uhr

    "Selbstüberschätzung, manchmal auch Vermessenheitsverzerrung, ist eine Form der Fehleinschätzung eigenen Könnens und eigener Kompetenzen."
    Was muss Neil Young noch Können und Leisten, damit ein jugendlicher Schreiberling keine "Selbstüberschätzung des Koksers" anmahnt. Ist das nicht ein bissel der Neid der Talentlosen?

  3. ...deutsche Eiche, wenn sich die Wildsau daran schabt...

  4. Es ist superärgerlich, wenn Rezensenten nicht mehr merken, dass nicht ihre Weltsicht gefragt ist, sondern dass man etwas über das Buch erfahren will. Das Buch ist richtig gut (selbst wenn die Übersetzung vielleicht manchmal klemmt). U.a. weil N.Y. sich nicht so wichtig nimmt, sondern einfach seine Geschichte(n) erzählt. Sehr zu empfehlen!

  5. “Forcierte Naivität ist schon immer sein Problem gewesen“ - dieser Satz könnte nun tatsächlich aus einer Schülerzeitung stammen, zeugt er doch von einer teenagerhaften Entgrenzung von Subjekt und Objekt.
    Ein “Problem“ von Herrn Büttner ist, daß er keinen Sinn für Geschichte und schon garnicht für Rockn' Roll hat. Den braucht man als Rezensent, wenn man die Ehre hat über Jemanden wie Neil Young schreiben zu dürfen.

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  • Schlagworte Neil Young | Bob Dylan | Autobiografie | Buffalo | Gitarre | Musiker
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