Was ist los auf dem Buchmarkt? Wird die Buchpreisbindung gerade sturmreif geschossen? Ein Kartellrechtsverfahren, das die Europäische Kommission gegen vier große Verlage und Apple eingeleitet hatte, wurde mit einem Vergleich abgeschlossen. Die Verlage Hachette, Harper Collins, Georg von Holtzbrinck, der auch 50 Prozent der Gesellschaftsanteile der ZEIT hält, und Simon & Schuster haben den Vorwurf der E-Book-Preisabsprache untereinander und mit Apple zwar nicht eingeräumt. Aber sie haben ebenso wie Apple akzeptiert, dass sie die sogenannten Agency-Modelle, mit denen sie bislang gearbeitet haben, abschaffen.

Was das bedeutet? Dass die Preisvorschläge der Verlage auf dem Zukunftsmarkt der E-Books an Relevanz verlieren. Bislang war die Sache in Europa klar aufgeteilt: Die Verlage waren diejenigen, die die Preise setzten; die Verkäufer Apple, Amazon und Co. nahmen das hin und verdienten jeweils ihren Anteil daran. Bei Apple waren das 30 Prozent. Jetzt werden die Karten neu gemischt, die Verkäufer können die Preise selbst bestimmen – allerdings mit zwei Einschränkungen: Zum einen dürfen die E-Books nicht billiger gemacht werden als der Eigenanteil am Gesamterlös (bei Apple also nicht um mehr als 30 Prozent). Damit soll einem Unterbietungswettbewerb, wie ihn Amazon in den USA systematisch führt, Einhalt geboten werden. Zum anderen können nationale Gesetzgeber, auch wenn das den EU-Wettbewerbshütern ein Dorn im Auge ist, E-Book-Preisbindungen festlegen. So hat das Parlament in Frankreich 2011 beschlossen, dass jedes E-Book, egal, ob es von einem französischen oder einem internationalen Händler gekauft wird, dasselbe kostet.

Ein schrankenloser europäischer E-Book-Markt mit offenem Preiskampf ist also noch in weiter Ferne. Aber geht der Weg in diese Richtung? Für die EU-Kommission ist das ausgemachte Sache: »E-Books dürfen nicht von europäischen Grenzen eingeengt werden«, schrieb Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, in einem Artikel. Sie fordert einen einzigen digitalen Markt für die E-Book-Industrie Europas.

Was sich dort anbahnt, ist ein Kulturkampf, der den europäischen Buchmarkt in den kommenden Monaten und Jahren prägen wird. Auf der einen Seite stehen die »Modernisierer«: die EU-Kommission und der größte E-Book-Verkäufer Amazon. Amazon will möglichst viele Menschen dazu bringen, digital auf dem Kindle zu lesen. Am besten bekommt man sie dazu, indem man die Preise senkt, und das geht nur, wenn die Preisbindungen fallen. Auf der anderen Seite sammeln sich all diejenigen, für die die Buchpreisbindung eine Errungenschaft ist, die es zu verteidigen gilt. Sie fürchten zu Recht, dass durch die E-Book-Hintertür jegliche Preisregelung bei Büchern fallen und das Kulturprodukt Buch damit endgültig zur profanen Ware verkommen könnte.

Der Vergleich zwischen Verlagen, Apple und der EU-Kommission war ein Sieg der Modernisierer. Sie führen 1:0. Das Spiel hat aber gerade erst begonnen.