Schweizer UhrenDas Risiko am Handgelenk

Wer wissen will, wie es der Welt und der Schweiz geht, der muss sich die Verkaufszahlen der Schweizer Uhren anschauen. Sie messen den Zeitgeist genauer als vieles sonst. von Ralph Pöhner

Uhren-Werbung in Zürich

Uhren-Werbung in Zürich  |  © Arnd Wiegmann / Reuters

Am vergangenen Freitag wurde es endgültig Zeit: Die Kommunistische Partei Chinas feuerte Yang Dacai, einen hohen Funktionär der Provinz Shaanxi. Yang, unter anderem zuständig für die Arbeitsplatzsicherheit in seiner Provinz, war Ende August landesweit bekannt und verhasst geworden, weil er sich am Ort eines furchtbaren Busunfalls mit einem Lächeln, vielleicht gar mit einem Grinsen im Gesicht fotografieren ließ. Das Bild gelangte ins Netz, und danach nützten dem 55-Jährigen alle Beteuerungen, dass die Sekundenaufnahme ein völlig falsches Bild abgebe, nichts mehr. Denn auf Weibo – Chinas Twitter – stellten nun anonyme Nutzer eifrig Fotografien ein, die stets ein ähnliches Sujet zeigten: ein Porträt Yangs, versehen mit einem Kreis um die Uhr an seinem Handgelenk. Einmal trug der Mann eine Rolex Datejust, dann eine Omega Constellation, dann eine IWC Portugieser, schließlich sogar eine Vacheron Constantin, die rund 30000 Franken kostet. Elf Schweizer Uhren konnten die Weibo-Jäger allein in den vergangenen drei Wochen festhalten. Ihr Gesamtwert entsprach dem Jahreseinkommen von einem Dutzend chinesischer Arbeiter.

Es hatte sich abgezeichnet. Im Reich der Mitte entwickelt die Schweizer Uhr langsam eine ähnliche Wirkung wie das Swiss bank account in den USA: Sie wird riskant. Sie kann eine politische Karriere gefährden. Denn sie unterstellt, dass hier etwas faul sein könnte. Bereits im September letzten Jahres sahen sich die Zensoren gezwungen, einen Blog namens Huaguoshan Zongshuji zu sperren. Der hatte landesweit Beachtung erlangt, weil er nichts anderes zeigte als Beamte und ihre Piagets, Cartiers, Omegas, Tag-Heuers oder Rolex. Mit der Sperrung veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua allerdings auch einen warnenden Kommentar: »Eine einfache Uhr kann die versteckte Korruption einiger gieriger Beamter enthüllen, und sie zeigt, dass Bestechlichkeit ihre Spuren hinterlässt.«

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Tatsächlich will, wer eine Schweizer Uhr trägt, auch etwas mitteilen. Und damit steht es der Umgebung frei, wie sie die Botschaft liest – ob als Ausdruck von Stil oder von Reichtum, ob als Maß der Bestechlichkeit. Diese neue, andere Deutung der Schweizer Uhr schlägt sich offenbar bereits statistisch nieder. Laut den neusten Verkaufszahlen der Fédération de l’industrie horlogère in Biel verliert das Geschäft ausgerechnet im Schwellen- und Uhren-Boomland China an Höhe: Dorthin exportierten die helvetischen Uhrenhersteller im letzten Monat gerade noch 1,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zum Vergleich: Weltweit betrug der Zuwachs satte 13 Prozent. Im Juni und Juli waren die Lieferungen in die Volksrepublik – gemessen am Vorjahresmonat – sogar leicht negativ gewesen. Der Chef eines australischen Hedgefonds, John Hempton, witterte denn Anfang August einen Zusammenhang zwischen den plötzlich so gedämpften Wachstumszahlen aus Biel und den Säuberungen im Umfeld des chinesischen Provinzfürsten Bo Xilai. »Bling wird dich als Feind des Volkes kennzeichnen«, kommentierte der Geldmanager die neue Stimmung. »Damit ändert sich der Spieleinsatz, und es wird strukturell.« Denn jetzt verkünde eine teure Uhr bloß noch: »Seht her, ich bin ein Kleptokrat.«

Europas Krisenstaaten sind ein Boommarkt für die Schweizer Uhr

Und doch wird man sich um die Schweizer Uhrmacher kaum sorgen müssen. Sie beherrschen ohnehin fast alle Bereiche der Zeitmessung, und so liefern sie, wenn es sein muss, auch Diskretion statt Bling, völlige Schlichtheit statt äußerst komplexer Werke, Stahl statt Gold. Gemessen am Wert, besetzt die Schweizer Uhrenbranche etwa 55 Prozent des Weltmarktes, und dabei stellt sie in fast allen Preissegmenten die Referenzgröße dar, von der Swatch-Spaßliga bis zur Tourbillon-Uhr im Wert von mehreren Hunderttausend Franken. Beziehungsweise vom Gymnasium über den vornehmen Gentlemen’s Club bis zum Rapper-Ghetto.

Und dies wiederum macht sie zum feinen wie vielfältigen Indikator für Zeitgeist und weltwirtschaftliche Strömungen. Blickt man etwa auf Europa, so erzählen die Tabellen der Schweizer Uhrenhersteller auch hier unerwartete Geschichten: Nichts da von Euro-Krise. Die Italiener langen lustvoll zu (im August 14 Prozent mehr Umsatz als im August 2011, 64 Prozent mehr als 2010), die Spanier kaufen emsig (plus 15 Prozent), die Franzosen stürzen sich regelrecht darauf (plus 23 Prozent), und bei den Deutschen darf man von einem Boom sprechen, aber die können es sich ja leisten: Fast 100 Millionen Franken gaben sie im August für Schweizer Uhren aus – das waren gleich 36 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Selbst die Griechen halten mit, immerhin investierten auch sie 23 Prozent mehr in Geräte mit Namen wie Omega, Breitling, Blancpain oder Breguet.

Künden die neuen Verkaufszahlen also von neuer Hoffnung? Verraten sie gar eine unentdeckte Partystimmung? Das dann doch nicht. Auffällig war, dass der Durchschnittspreis der verkauften Uhren deutlich angestiegen ist, oder anders: Zwar mögen alle Schweizer Werke gefragt sein, aber wirklich wild sind die Menschen derzeit auf die teuren Stücke. Damit spiegeln die Tabellen der Fédération horlogère wohl ebenfalls Unsicherheit und Sorgen, denn wenn im Mittelmeerraum deutlich mehr Swiss watches verkauft werden als vor einem oder zwei Jahren, so dürfte dies auch die Reaktion auf fatale Nachrichten sein. Eine Schweizer Uhr ist wie Gold – sie schafft einen Tick Sicherheit, ist zeitlose Zuflucht, mobiles Kapital. Und je weiter also die Notenbanken ihre Geldschleusen öffnen; je mehr sich die Regierungen bemühen, Steuern zu erhöhen; je vehementer sie Steuerflucht bekämpfen – desto gefragter wird wohl auch diese kleine Form der Geldanlage.

In der Schweizer Uhr trifft sich Genuss mit Vernunft. Und Verschwendung dient hier sogar der Werterhaltung.

Leserkommentare
  1. Es gibt alle Rolex etc. auch in Weißgold, oder Platin.
    Sieht dann nicht so protzig aus. Mit den Vollgold+ Angeberstücken kann man sowieso nur noch in den USA auftreten!
    Aber zu einem Blenderland passt das auch!

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    Seitdem sogar die Nationalmannschaft IWC trägt, sind die Uhren doch völliger MAinstream. Die Big Pilot als Indikator von Stilbewustsein bei Löw: schöne ,neue Welt. Tragisch, wie sich Männern nun um ihr Aussehen sorgen.

    EGal: auch dieser Artikel scheint ein Blendbild von den bösen REichen schaffen zu sollen. Redaktionell flankiert er die Artikel über Agaben und Umverteilung, die sich die Zeit zum Ziel gesetzt hat, außer die Mitarbeiter im Feuilleton (hier mal nen schönen Gruß an die : ) ).
    Die Exporte der Uhren zeigen nur eins: Nicht hier umverteilen, für irgendwelche Eurostaaten, sondern einfach dort die Steuerflucht eindämmen. DAs wäre wirklich gerecht

  2. Seitdem sogar die Nationalmannschaft IWC trägt, sind die Uhren doch völliger MAinstream. Die Big Pilot als Indikator von Stilbewustsein bei Löw: schöne ,neue Welt. Tragisch, wie sich Männern nun um ihr Aussehen sorgen.

    EGal: auch dieser Artikel scheint ein Blendbild von den bösen REichen schaffen zu sollen. Redaktionell flankiert er die Artikel über Agaben und Umverteilung, die sich die Zeit zum Ziel gesetzt hat, außer die Mitarbeiter im Feuilleton (hier mal nen schönen Gruß an die : ) ).
    Die Exporte der Uhren zeigen nur eins: Nicht hier umverteilen, für irgendwelche Eurostaaten, sondern einfach dort die Steuerflucht eindämmen. DAs wäre wirklich gerecht

    Antwort auf "Tarnung nötig."
  3. vor allem die mechanischen mit Handaufzug oder Automatik. Sehen gut aus und was da drin steckt ist schon sehr faszinierend. Schweizer sind da natürlich das non-plus ultra, aber für die meisten Leute sind die Opportunitätskosten wohl zu hoch. Für mich auch, daher begnüg ich mich alte russische oder sowetische Uhren zu sammeln. Sind auch sehr schick und meist auch sehr einfach gehalten. Vielleicht wär ja das was für die chinesische Führung?

  4. ..., dass langsam im Reich der Mitte auch so etwas, wie Sozialneid aufkommt. Das zeigt wohl, dass sich die Arbeiter in Zukunft dort nicht mehr alles gefallen lassen werden und damit auch die Billigproduktion nicht mehr so billig weiterlaufen wird.

    • spogg
    • 01. Oktober 2012 17:01 Uhr

    dass die alle echt waren. Es gibt dort wirklich viele -zumindest auf den ersten Blick- gute Fakes auf dem Markt. Kosten ca. 20 Euro pro Stück.

  5. Es wundert mich nicht das Statussymoble in von der Krise betroffenen EU Laender nicht an Kraft verlieren. Es ist wie gutes Make-up ueber einem blauen Auge.
    Die Schweiz verdient schon lange an denn "Schwaechen" anderer Menschen. Zwei ihrer wichtigesten Wirtschaftszweige(Banken & Pharma) sehen darin, zum grossen oder kleiner teil(behaupten wir das mal so) ihre Geschaeftsgrundlage.
    Das nennt man Bauernschläue.
    Das koennt ihr sehen wie ihr wollt.
    Dort interessiert es eh wirklich niemanden.

    Wir koennen uns nur davon abwenden und/oder eingestehen das man dort ein Gleichgewicht hat das wir so eifnach nicht finden koennen. Vielleicht auch weil wir morlisch(so meine Erfahrung) mehr verpflichtet sind als andere. Vom Gefuehl her. Und eigentlich macht mich das sehr froh. Es gibt ja immer noch mehr als genug Leute in diesem Land die schlimme Dinge drehen oder sich sonst wie muehsam benehmen im Alltag.
    Alles hat halt seinen Preis. Fuer die Freheit der Gefuhele und Ideen muss genauso oft gekaempft werden wie um das innere Gleichgewicht. Und wenn es das eines ganzen Landes ist, umso schlimmer.

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    In Bezug zu Bauernschlaeue ist der akademische Bildungsstandard aber auch ziemlich gut.
    Besser als hier auf jeden Fall.
    Das kann ich aus Erfahrung sagen.

    Wenn sie oft nur nicht so raffgierig und hossenschisserisch waeren. Nur in sachen Polemik koennen sie sich noch n fettes Stueck abschneiden.
    Und Humor. Ich meine den, den man selber hat.
    Bargeld lacht nicht wirklich. Das sagt man nur so.

  6. In Bezug zu Bauernschlaeue ist der akademische Bildungsstandard aber auch ziemlich gut.
    Besser als hier auf jeden Fall.
    Das kann ich aus Erfahrung sagen.

    Wenn sie oft nur nicht so raffgierig und hossenschisserisch waeren. Nur in sachen Polemik koennen sie sich noch n fettes Stueck abschneiden.
    Und Humor. Ich meine den, den man selber hat.
    Bargeld lacht nicht wirklich. Das sagt man nur so.

    • omnibus
    • 01. Oktober 2012 17:40 Uhr

    findet man an jeder Ecke Händler mit gefälschten Luxusuhren. Wie wollen die Leute auf Fotos feststellen, ob die Uhren echt sind?

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    ... perfekt gekleidet in schwarzer Hose, blütenweißem Hemd und goldener Armbanduhr. Ob diese Uhr selbstbewußt nachempfunden oder echt war, schien noch nicht so wichtig zu sein. Sollte sich hier auf dem chinesischen Festland etwas geändert haben?!

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