DIE ZEIT: Herr Behrendes, auf einer Dienststelle in Köln haben 2002 sechs Polizeibeamte ihren Job verloren. Die Männer hatten einen psychisch kranken Beschuldigten so misshandelt, dass er an den Verletzungen starb.

Udo Behrendes: Für die Aufdeckung des Falles haben zwei Kollegen gesorgt, die den Gewaltexzess beobachtet und angezeigt haben. Ich habe die Polizeiinspektion danach als Leiter übernommen und versucht, mit allen 400 Mitarbeitern den Vorfall aufzuarbeiten.

ZEIT: Welche Rolle haben Sie in diesem Reinigungsprozess gespielt?

Behrendes: Unterstützt durch eine Studie der Fernuniversität Hagen, haben wir uns mit Kultur und Struktur der Dienststelle beschäftigt. Es war keine verschworene Gemeinschaft von Beamten gewesen, die da zugeschlagen und zugetreten hat, sondern eine einsatzbedingte Zufallsgemeinschaft, die sich aus unterschiedlichen Wachen zusammensetzte. Es gibt drei Faktoren, die polizeiliches Verhalten beeinflussen. Zunächst die äußeren Rahmenbedingungen: Die Beamten meiner damaligen Dienststelle arbeiten in den Brennpunkten der Kölner Innenstadt. Der ununterbrochene Umgang mit Problemgruppen und Aggressionen – ob in einer Großstadt oder bei Bundesligaeinsätzen – kann dazu führen, dass Kollegen insgesamt härter agieren und reagieren. Zweiter Faktor ist das Klima, die Polizeikultur, die unter den Kollegen herrscht. Wie versteht man sich selbst? Als repressiv ausgerichteten crimefighter oder als professionellen Konfliktmanager im öffentlichen Raum? Und drittens hängt das Verhalten natürlich von der Einstellung und vom Rückgrat des Einzelnen ab. Das zeigt auch unser Fall: Sechs Polizeibeamte haben einen Menschen misshandelt – aber zwei haben nicht mitgemacht, sondern die Tat angezeigt.

ZEIT: Hat Ihnen die Aufarbeitung geschadet?

Behrendes: Nein. Man hatte mich zu diesem Zweck ja extra in die Dienststelle umgesetzt. Natürlich wurde mir damals in der betroffenen Inspektion nicht der rote Teppich ausgerollt. Zunächst duckten sich manche weg, weil sie glaubten: Jetzt wird aufgeräumt, und viele müssen gehen. Ich machte ihnen aber bald klar, dass es mir nicht darum ging, weitere Schuldige zu finden – das war Sache der ermittelnden Mordkommission. Ich wollte an der Polizeikultur der Dienststelle arbeiten, damit solche Vorfälle unwahrscheinlich werden. Und dies ist mir – mit der Unterstützung vieler Führungskräfte – auch gelungen.

ZEIT: Bemerken Sie eine Sensibilisierung der Kollegen beim Thema illegale Polizeigewalt?

Behrendes: Im Moment haben wir ja eher die Diskussion über Gewalt gegen Polizeibeamte.

ZEIT: Das Thema wird von den Polizeigewerkschaften nach Kräften gepflegt. Da drängt sich der Eindruck auf, die seien vor allem dazu da, Fehler der Polizei kleinzureden. Das kann der Institution nicht guttun.

Behrendes: Ich stimme Ihnen zu. Gewerkschaften und politisch Verantwortliche versuchen häufig, den Blick der Öffentlichkeit auf die Gewalt gegen Polizeibeamte zu fokussieren. Aber natürlich muss sich die Polizei ständig selbst hinterfragen und fragen lassen, ob sie angemessen mit dem staatlichen Gewaltmonopol umgeht. Ich selber blicke auf 40 Jahre Polizeidienst zurück, mir fällt nicht auf, dass Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber den Beamten gewachsen wären: Als ich in den Siebzigern zur Polizei ging, lebten wir in der Bedrohung durch die RAF-Terroristen. In den Achtzigern hatten wir erhebliche Probleme mit linksautonomen Gewalttätern bei Hausbesetzungen und Demonstrationen. Zu extrem gewalttätigen Konflikten mit PKK-Angehörigen kam es in den neunziger Jahren. Die Behauptung »Es wird immer schlimmer« begleitet mich von Anfang an. Ich persönlich kann sie nicht bestätigen. Sie hat eher berufspolitische Hintergründe und soll oft Forderungen nach mehr Personal, besserer Ausstattung und besserer Bezahlung unterstützen. Aber auch die höheren Anzeigezahlen der Beamten gegen Bürger sollte man differenziert beurteilen. Sie weisen eher auf eine insgesamt gestiegene Sensibilität gegenüber aggressivem Verhalten hin.

ZEIT: Was kann man besser machen, um illegale Polizeigewalt zu vermindern?

Behrendes: Polizeikultur hängt immer von Dienststrukturen ab und umgekehrt. Wir haben die Kölner Dienststelle nach dem Skandal umgebaut und dafür gesorgt, dass die Kollegen des Streifendienstes weniger mit den immer gleichen Problemgruppen konfrontiert sind. Dazu haben wir Organisationen aus freiwilligen Beamten aufgebaut, die sich mit der Drogenszene, der Punkszene und den aggressiven Eventszenen auseinandersetzen und so die Belastungen der »normalen« Streifenbeamten minimieren. Wichtig ist auch der Austausch mit Sozialarbeitern, um der Stereotypenbildung entgegenzuwirken. Die meisten Beamten arbeiten jetzt nicht mehr in festen Dienstgruppen, mit denen sie auch ihre Freizeit verbringen, sondern in wechselnden Pools. So werden Abschottungstendenzen und fragwürdiger Korpsgeist vermieden. Alle Vorgesetzten treten für das Berufsverständnis einer Bürgerrechtspolizei ein, deren Professionalität darin besteht, mit dem ihr anvertrauten Gewaltmonopol verantwortlich umzugehen.