Natürlich sind die alle bescheuert beim Fernsehen , ein Haufen Wahnsinniger, genau darum geht es. Aber es geht nicht um die Katastrophen, die jeden Tag im Fernsehen laufen. Es geht nicht darum, zu jammern, denn das Jammern über das Fernsehen ist noch langweiliger als langweiliges Fernsehen. Es ist vergleichbar mit dem Jammern über die Bahn. Könnte es nicht vielleicht sein, dass dieses Jammern daher kommt, dass die Leute mit beidem überfordert sind – mit dem Bahnfahren und mit dem Fernsehen? Wenn die Menschen nicht immer in die mittleren Wagen einsteigen würden, also dort, wo sie die Treppe ans Gleis geführt hat, sondern in die vorderen oder hinteren Wagen, würden sie feststellen, dass es kein Gedränge gibt, keine überfüllten Wagen – freie Plätze, gute Fahrt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Fernsehen: Viele können mit dem Gerät nicht umgehen. Sie schalten zu den falschen Zeiten zu den falschen Sendern. Wenn dann die Kritiker in den Zeitungen über all die seelenlosen Inhalte herfallen, die es natürlich gibt, entsteht der Eindruck, im Fernsehen wären nur Flitzpiepen zu sehen. Aber ist daran wirklich das Fernsehen schuld? Der Buchdruck kann doch auch nichts für 50 Shades of Grey .

Das Fernsehen ist ein Ding der Unmöglichkeit, maßlos, ausufernd, in dem eben alles möglich ist. Das Fernsehen schafft Nischen, und in einer dieser Nischen hat es sich Ralf Husmann gemütlich gemacht. Husmann war früher Chefautor der Harald Schmidt Show , in den großen Anfangsjahren, danach erfand er Serien wie Stromberg , Dr. Psycho und Der kleine Mann , 30-minütige Meisterwerke des Humors. Husmann schreibt lustige Kolumnen und lustige Bücher, und wenn man den Mann trifft, lacht man oft, denn er redet über das Fernsehen ohne Bitterkeit, mit mildem Zynismus. Er sagt, er sei in seiner Nische ziemlich alleine, aber so ist das eben: »Humor ist den Deutschen manchmal schwer vermittelbar, vor allem wenn er im Fernsehen stattfindet. Aber ich habe es längst aufgegeben, die Deutschen zu einem besseren Humor zu erziehen.« Ralf Husmann bekommt für seine Serien Lob und Preise, aber nicht viele Zuschauer. Dr. Psycho wurde nach zwei Staffeln abgesetzt, Der kleine Mann nach einer. Und natürlich sagt Ralf Husmann, dass gutes Fernsehen in Deutschland immer ein Nischenprogramm sein wird. »Aber immerhin ist diese Nische da. Und weil sie da ist, ist es mir auch zu billig, wenn es immer heißt, den Verantwortlichen beim Fernsehen fehle der Mut. Die Leute wollen halt lieber was anderes sehen. So einfach ist das.«

Man hört kaum Klagen darüber, dass in den Hitparaden anspruchsvolle Popmusik so gut wie nie auf den vorderen Plätzen zu finden ist (beim Kino ist es ähnlich). Wieso also sollte das ausgerechnet beim Fernsehen umgekehrt sein? Und es ist ein Märchen, dass das in den USA anders ist, dem Heimatland so hochgelobter Serien wie Mad Men . Die schaut sich dort auch niemand an, die erste Staffel haben in den USA 900.000 Menschen gesehen.

Können die Zuschauer gutes Fernsehen nicht erkennen?

Ach, die Quote. Der Regisseur Dominik Graf und der Drehbuchautor Rolf Basedow schufen vor zwei Jahren mit Im Angesicht des Verbrechens , ein Krimi-Epos, wie es das in Deutschland noch nie gab: kompliziert, verzwickt, Figuren voller Schuld und Sühne. Die Dreharbeiten waren auch ein Krimi, eine Produktionsfirma ging pleite, aber irgendwann war die Serie fertig, und was alle Beteiligten dann geschaffen hatten, kann man ein Meisterwerk nennen. Der Fernsehsender Arte zeigte Im Angesicht des Verbrechens zuerst, dann die ARD , allerdings auf dem Sendeplatz, auf dem Wiederholungen vom Tatort laufen. Keine einzige Folge von Im Angesicht des Verbrechens schaffte es, mehr Zuschauer für sich zu gewinnen, als die alten Tatort- Folgen. Aber was kann das Fernsehen dafür, wenn die Zuschauer nicht einschalten? Können die Zuschauer gutes Fernsehen nicht erkennen?

Doch. Können sie. Der Rostocker Polizeiruf 110 ist im Moment der Höhepunkt des Sonntagabendkrimis, er hat das Niveau auf diesem Sendeplatz gesteigert, weil er ausgereifter ist, anstrengender – und wird trotzdem eingeschaltet. Das ist eine gute Nachricht für die Produzentin Ilka Förster, die Producerin Iris Kiefer und die NDR-Redakteurin Daniela Mussgiller. Gemeinsam haben sie den Krimi für den NDR erfunden, sie haben sich das Ermittlerduo ausgedacht und vor allem die »Horizontale«, die Geschichte, die über mehrere Folgen erzählt wird. Die Horizontale schafft die Spannung zwischen den Figuren, sie ist aber immer ein Risiko, weil sie vom Zuschauer viel verlangt: Interesse, Intelligenz, Anteilnahme. Förster sagt, es sei sehr mutig vom Sender gewesen, dass er sich auf die Horizontale eingelassen habe. Sie ist im Rostocker Polizeiruf ziemlich kompliziert, es geht um die Vergangenheit des Helden, darum, dass seine neue Kollegin ihm nicht traut, dass sie gegen ihn ermittelt, es geht um Andeutungen, Vermutungen, Ahnungen, um Schuld, um Verrat und um etwas anderes, das immer mitschwingt: Vergebung, Sehnsucht, Liebe. Mussgiller sagt: »Im Vordergrund steht nicht der Fall, sondern die Beziehung der beiden Ermittler.« Und es ist das Glück dieses Krimis, dass mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau zwei Schauspieler gefunden wurden, die den Figuren genau das geben, was sie brauchen: Brüche. Kiefer sagt: »Der Charakter der Protagonisten kann sich verändern, sie sind nicht statisch, sie sollen Brüche haben.«

Wenn man sich mit den drei Verantwortlichen unterhält, dann fällt vor allem eines auf: Wie viele Gedanken sie sich über einen Krimi machen, darüber, was man wie am besten erzählt. Man hat nicht das Gefühl, dass sie ihre Arbeit mit jener Verachtung ausüben, die man den Menschen, die fürs Fernsehen arbeiten, oft nachsagt. Sie glauben an die Kraft einer Geschichte, sie glauben an spannende Figuren, sie glauben an eine Idee, aber vor allem glauben sie, dass man den Zuschauern etwas zumuten kann.

Natürlich arbeiten beim Fernsehen auch Leute, die an gar nichts glauben. Oliver Welke kennt solche Leute, und er kennt eine schöne Geschichte: »In Köln fand mal ein Seminar statt, Redakteure von RTL trafen Redakteure der BBC. Die BBC-Leute fragten dann die RTL-Leute, was die so machen, und sie antworteten: Wir beobachten das Programm in Holland und in Italien und in England, und wenn das eine gute Quote hat, dann machen wir eine Adaption, dann eine Marktforschung, werten die dann aus. Der BBC-Mann sagte: Gut, habe ich alles verstanden. Aber: Was machen Sie denn eigentlich?«