Deutsches FernsehenDas tolle Programm

Alle jammern über das deutsche Fernsehen – wir nicht von Matthias Kalle

Natürlich sind die alle bescheuert beim Fernsehen , ein Haufen Wahnsinniger, genau darum geht es. Aber es geht nicht um die Katastrophen, die jeden Tag im Fernsehen laufen. Es geht nicht darum, zu jammern, denn das Jammern über das Fernsehen ist noch langweiliger als langweiliges Fernsehen. Es ist vergleichbar mit dem Jammern über die Bahn. Könnte es nicht vielleicht sein, dass dieses Jammern daher kommt, dass die Leute mit beidem überfordert sind – mit dem Bahnfahren und mit dem Fernsehen? Wenn die Menschen nicht immer in die mittleren Wagen einsteigen würden, also dort, wo sie die Treppe ans Gleis geführt hat, sondern in die vorderen oder hinteren Wagen, würden sie feststellen, dass es kein Gedränge gibt, keine überfüllten Wagen – freie Plätze, gute Fahrt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Fernsehen: Viele können mit dem Gerät nicht umgehen. Sie schalten zu den falschen Zeiten zu den falschen Sendern. Wenn dann die Kritiker in den Zeitungen über all die seelenlosen Inhalte herfallen, die es natürlich gibt, entsteht der Eindruck, im Fernsehen wären nur Flitzpiepen zu sehen. Aber ist daran wirklich das Fernsehen schuld? Der Buchdruck kann doch auch nichts für 50 Shades of Grey .

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Das Fernsehen ist ein Ding der Unmöglichkeit, maßlos, ausufernd, in dem eben alles möglich ist. Das Fernsehen schafft Nischen, und in einer dieser Nischen hat es sich Ralf Husmann gemütlich gemacht. Husmann war früher Chefautor der Harald Schmidt Show , in den großen Anfangsjahren, danach erfand er Serien wie Stromberg , Dr. Psycho und Der kleine Mann , 30-minütige Meisterwerke des Humors. Husmann schreibt lustige Kolumnen und lustige Bücher, und wenn man den Mann trifft, lacht man oft, denn er redet über das Fernsehen ohne Bitterkeit, mit mildem Zynismus. Er sagt, er sei in seiner Nische ziemlich alleine, aber so ist das eben: »Humor ist den Deutschen manchmal schwer vermittelbar, vor allem wenn er im Fernsehen stattfindet. Aber ich habe es längst aufgegeben, die Deutschen zu einem besseren Humor zu erziehen.« Ralf Husmann bekommt für seine Serien Lob und Preise, aber nicht viele Zuschauer. Dr. Psycho wurde nach zwei Staffeln abgesetzt, Der kleine Mann nach einer. Und natürlich sagt Ralf Husmann, dass gutes Fernsehen in Deutschland immer ein Nischenprogramm sein wird. »Aber immerhin ist diese Nische da. Und weil sie da ist, ist es mir auch zu billig, wenn es immer heißt, den Verantwortlichen beim Fernsehen fehle der Mut. Die Leute wollen halt lieber was anderes sehen. So einfach ist das.«

Man hört kaum Klagen darüber, dass in den Hitparaden anspruchsvolle Popmusik so gut wie nie auf den vorderen Plätzen zu finden ist (beim Kino ist es ähnlich). Wieso also sollte das ausgerechnet beim Fernsehen umgekehrt sein? Und es ist ein Märchen, dass das in den USA anders ist, dem Heimatland so hochgelobter Serien wie Mad Men . Die schaut sich dort auch niemand an, die erste Staffel haben in den USA 900.000 Menschen gesehen.

Können die Zuschauer gutes Fernsehen nicht erkennen?

Ach, die Quote. Der Regisseur Dominik Graf und der Drehbuchautor Rolf Basedow schufen vor zwei Jahren mit Im Angesicht des Verbrechens , ein Krimi-Epos, wie es das in Deutschland noch nie gab: kompliziert, verzwickt, Figuren voller Schuld und Sühne. Die Dreharbeiten waren auch ein Krimi, eine Produktionsfirma ging pleite, aber irgendwann war die Serie fertig, und was alle Beteiligten dann geschaffen hatten, kann man ein Meisterwerk nennen. Der Fernsehsender Arte zeigte Im Angesicht des Verbrechens zuerst, dann die ARD , allerdings auf dem Sendeplatz, auf dem Wiederholungen vom Tatort laufen. Keine einzige Folge von Im Angesicht des Verbrechens schaffte es, mehr Zuschauer für sich zu gewinnen, als die alten Tatort- Folgen. Aber was kann das Fernsehen dafür, wenn die Zuschauer nicht einschalten? Können die Zuschauer gutes Fernsehen nicht erkennen?

Doch. Können sie. Der Rostocker Polizeiruf 110 ist im Moment der Höhepunkt des Sonntagabendkrimis, er hat das Niveau auf diesem Sendeplatz gesteigert, weil er ausgereifter ist, anstrengender – und wird trotzdem eingeschaltet. Das ist eine gute Nachricht für die Produzentin Ilka Förster, die Producerin Iris Kiefer und die NDR-Redakteurin Daniela Mussgiller. Gemeinsam haben sie den Krimi für den NDR erfunden, sie haben sich das Ermittlerduo ausgedacht und vor allem die »Horizontale«, die Geschichte, die über mehrere Folgen erzählt wird. Die Horizontale schafft die Spannung zwischen den Figuren, sie ist aber immer ein Risiko, weil sie vom Zuschauer viel verlangt: Interesse, Intelligenz, Anteilnahme. Förster sagt, es sei sehr mutig vom Sender gewesen, dass er sich auf die Horizontale eingelassen habe. Sie ist im Rostocker Polizeiruf ziemlich kompliziert, es geht um die Vergangenheit des Helden, darum, dass seine neue Kollegin ihm nicht traut, dass sie gegen ihn ermittelt, es geht um Andeutungen, Vermutungen, Ahnungen, um Schuld, um Verrat und um etwas anderes, das immer mitschwingt: Vergebung, Sehnsucht, Liebe. Mussgiller sagt: »Im Vordergrund steht nicht der Fall, sondern die Beziehung der beiden Ermittler.« Und es ist das Glück dieses Krimis, dass mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau zwei Schauspieler gefunden wurden, die den Figuren genau das geben, was sie brauchen: Brüche. Kiefer sagt: »Der Charakter der Protagonisten kann sich verändern, sie sind nicht statisch, sie sollen Brüche haben.«

Wenn man sich mit den drei Verantwortlichen unterhält, dann fällt vor allem eines auf: Wie viele Gedanken sie sich über einen Krimi machen, darüber, was man wie am besten erzählt. Man hat nicht das Gefühl, dass sie ihre Arbeit mit jener Verachtung ausüben, die man den Menschen, die fürs Fernsehen arbeiten, oft nachsagt. Sie glauben an die Kraft einer Geschichte, sie glauben an spannende Figuren, sie glauben an eine Idee, aber vor allem glauben sie, dass man den Zuschauern etwas zumuten kann.

Natürlich arbeiten beim Fernsehen auch Leute, die an gar nichts glauben. Oliver Welke kennt solche Leute, und er kennt eine schöne Geschichte: »In Köln fand mal ein Seminar statt, Redakteure von RTL trafen Redakteure der BBC. Die BBC-Leute fragten dann die RTL-Leute, was die so machen, und sie antworteten: Wir beobachten das Programm in Holland und in Italien und in England, und wenn das eine gute Quote hat, dann machen wir eine Adaption, dann eine Marktforschung, werten die dann aus. Der BBC-Mann sagte: Gut, habe ich alles verstanden. Aber: Was machen Sie denn eigentlich?«

Leserkommentare
    • Rychard
    • 27. September 2012 19:46 Uhr

    nicht schlecht, leider nur sehr oft sehr schlecht gemacht. Zumindest für meine Sinne. Da nehme ich lieber Eindrücklicheres wahr. Wer will schon mit einer Bahn fahren, die nie ankommt, weil sie nicht einmal weiß, was wirklich abfahren ist ..

    3 Leserempfehlungen
  1. ... wie recht er schon in den 1960er Jahren hatte, als er sagte: "Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie mit dem Fernsehen noch machen werden."

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    • FabMax
    • 28. September 2012 15:31 Uhr

    Da werden ein paar Beispiele herausgepickt und dann so verkauft, als würde das deutsche Fernsehen den ganzen Tag hochqualitatives Zeug senden. Mal abgesehen davon, dass die "Heute Show" kein originäres Konzept ist, sondern von der "Daily Show" abgekupfert wurde (welche außer Comedy auch noch hochqualitativen Journalismus liefert), und dass "Roche & Böhmermann" sowie "NeoParadise" in einem Spartenkanal versauern, der von vielen Menschen nicht empfangen wird.

    Auch bei den am Ende aufgezählten US-Sendungen sind einige dabei, die noch nie gut waren (die Historienseifenoper The Tudors) oder schon lange ihre Qualität stark eingebüßt haben (außer Scrubs und In Treatment der Rest). Aber wie sollen die Autoren das auch wissen, wenn die wirklich guten Serien aus England und den Staaten in Deutschland entweder nicht gezeigt werden (Homeland, Misfits, Luther, Whitechapel, etc.), auf irgendwelchen dämlichen Sendeplätzen landen (siehe Justified, samstags um 23 Uhr) und/oder die Qualität der Synchro so unterirdisch ist, dass einem jegliches Vergnügen vergeht.

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    Zur Synchro: Leider ist es immer noch sehr selten, dass im digitalen Zeitalter (kann hier nur von DVB-T reden) der Originalton nicht mit übertragen wird außer vielleicht bei Arte, dem sorbischen Sandmann und der TV-Debatte morgen.

    • dacapo
    • 02. Oktober 2012 23:00 Uhr

    ......der Ihrige.

    Es sind doch genug Sendungen genannt worden, die auf die Woche verteilt, kaum alle angesehen werden können. So wahnsinnig müssen hin und wieder nur Kritiker sein, wie die Pfeiffers.

    Es würde ja mal interessieren, was Sie so schauen. Ich ahne, es würde mir auch nicht gefallen.

    • Kelhim
    • 13. Oktober 2012 19:00 Uhr

    Zwar sehe die Daily Show wahnsinnig gerne, aber auch Jon Stewart hat den "Vorwurf", Journalismus zu betreiben, weit von sich gewiesen. Die Daily Show ist kein Ersatz für einen differenzierten und tiefgründigen Journalismus. Es sagt bloß viel über die amerikanischen Nachrichtensendungen aus, welche die Show parodiert, dass die Daily Show als informativ oder gar besser wahrgenommen wird.

  2. Der Böhermann kann dies und das, ist aber der Mann für die Nische, nicht der Mann für die große Bühne (fraglich wie viele große Bühnen es überhaupt noch geben wird bei der Unterhaltungsvielfalt, die wir jetzt bereits haben). Aber auch dafür bekommt man Applaus und genug Geld.

    Heufer-Umlauf und Winterscheidt werden gerade heftig gehypt. Leider fehlt beiden die Substanz. Gerade Winterscheidt hat wenig Unterhaltungstalent, eher ein Moderator. Heufer-Umlauf profiert von der aktuellen Lage, unter den Blinden ist der mit Stock der König (Zum Einäugigen reichts beim ihm leider auch nicht).
    Beide machen schon sehr lange fernsehen und haben bisher nie etwas Eigenes oder Originelles auf die Beine gestellt. Alles ist bisher schon da gewesen. Wie gesagt, die Substanz und das Talent fehlt, um wirklich bei den großen Jungs mitzuspielen. Für eine Sendung, die einmal wöchentlich läuft ist neoparadise einfach inhatlich viel zu schwach. Und die Gesprächsführung mit Gästen ist teilweise auf Raab Niveau, der kann dafür aber viele andere Dinge sehr gut.

    Die "heute show" ist nicht schlecht, aber man sollte eben auch Plagiate nicht zu hochjubeln, ebenso Stromberg, klauen ist nicht originell.

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  3. Schon gesehen, heute läuft sogar ein Polizeiruf: http://tatort-fans.de/pol...

  4. seit mehr als zehn jahren gibt es endlich eine sendung, deren nächste ausstrahlung ich woche für woche kaum abwarten kann. die genialität und spitzfindigkeit der show ist kaum in worte zu fassen. dass mich deutsches fernsehen nochmal so vom hocker reißen kann, hätte ich nicht für möglich gehalten. aber wer braucht schon fernsehen, wenn er internet hat? wiederum ein punkt, den roche & böhmermann kurzerhand aufgreift. willkommen im zweiten deutschen internet!

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    • snoek
    • 19. Oktober 2012 6:43 Uhr
  5. Wie so oft ist es einfach finde ich, etwas zu kritisieren und etwas runter zu machen, aber ich denke doch, dass man auch würdigen sollte, dass z.b. ZDF Neo Formate anbietet, die nicht lieblos nur wegen des Rundfunkstaatsvertrag gemacht werden müssen, sondern die sich genau neuen Ideen, Look und Inhalten auseinandersetzt. Natürlich kann man nicht erwarten, dass unser deutschen Fernsehen gleich solche qualitativ herausragende Meilensteine und innovative, experimentelle Serien hervorbringt wie die BBC am laufenden Band, aber Formate wie z.B. BAMBULE ( http://www.zdf.de/ZDF/zdf... )können da locker mithalten. Und anstelle, dass sich die Zuschauer auf ein neues, anderes und vor allen Dingen den Zuschauer auch forderndes Format einlassen, wird wieder hier und da gemäkelt und kritisch beäugt. Wieso machen das Zuschauer bei uns so gerne und freuen sich nicht lieber, sich auf etwas Neues einzulassen? Das ist schade und es zeigt, dass sich in unserer TV-Landschaft leider die Katze in den Schwanz beißt.

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  6. daß hier nichts über Reportagen, nichts über den deutschen Film jenseits des Tatort oder vergleichbarer Produkte des Genres, nichts über die teils sehr gelungenen Dokumentarspiele, die in den 70igern und frühen 80igern noch in recht großer Zahl produziert wurden steht, aber man sich seitenlang über diverse Formen von "show" ausläßt. Der Inhalt des Artikels bestätigt die Kritik, gegen die er sich wenden wollte?

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