Klarer DenkenHände weg von News

von Rolf Dobelli

Erdbeben auf Sumatra. Flugzeugabsturz in Russland. Mann hält Tochter dreißig Jahre lang im Keller gefangen. Heidi Klum trennt sich von Seal. Rekordlöhne bei der Deutschen Bank. Attentat in Pakistan. Rücktritt des Präsidenten von Mali. Neuer Weltrekord im Kugelstoßen. Muss man das wissen?

Wir sind so gut informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir vor zweihundert Jahren eine giftige Wissensform namens »News« erfunden haben, Nachrichten aus aller Welt. News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich – und langfristig schädlich.

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Vor drei Jahren startete ich ein Experiment. Ich beschloss, keine News mehr zu konsumieren. Ich kündigte sämtliche Tageszeitungsabos. Fernseher und Radio wurden entsorgt. Ich löschte die News-Apps vom iPhone. Ich berührte keine einzige Gratiszeitung mehr und schaute bewusst weg, wenn im Flieger vor mir jemand die Zeitung aufspannte. Die ersten Wochen waren hart. Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen. Doch nach einer Weile stellte sich ein neues Lebensgefühl ein. Das Ergebnis nach drei Jahren: klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit.

Es gibt ein Dutzend Gründe, einen weiten Bogen um News zu machen. Hier die Top Drei. Erstens: Unser Hirn reagiert unverhältnismäßig stark auf skandalöse, schockierende, personenbezogene, laute, schnell wechselnde Reize – und unverhältnismäßig schwach auf abstrakte, komplexe und deutungsbedürftige Informationen. News-Produzenten nutzen dies aus. Packende Geschichten, schreiende Bilder und aufsehenerregende »Fakten« fesseln unsere Aufmerksamkeit. So funktioniert nun einmal das Geschäftsmodell – die Werbung, die den News-Zirkus finanziert, wird nur verkauft, wenn sie gesehen wird. Die Folge: Alles Feinsinnige, Komplexe, Abstrakte und Hintergründige muss systematisch ausgeblendet werden, obwohl diese Inhalte für unser Leben und das Verständnis der Welt oft relevanter sind. Als Folge des News-Konsums spazieren wir mit einer falschen Risikokarte in unseren Köpfen umher. News-Konsumenten gewichten die meisten Themen völlig falsch. Die Risiken, von denen sie in der Presse lesen, sind nicht die wahren Risiken.

Zweitens: News sind irrelevant. In den letzten zwölf Monaten dürften Sie etwa 10000 Kurznachrichten verschlungen haben – circa 30 Meldungen pro Tag. Seien Sie ganz ehrlich: Nennen Sie eine davon, die es Ihnen erlaubt hat, eine bessere Entscheidung – für Ihr Leben, Ihre Karriere, Ihr Geschäft – zu treffen. Niemand, dem ich diese Aufgabe gestellt habe, konnte mehr als zwei Nachrichten angeben – aus 10000. Eine miserable Relevanzquote. Nachrichtenorganisationen wollen Sie glauben machen, dass sie Ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Viele fallen darauf herein. In Wirklichkeit ist der News-Konsum kein Wettbewerbsvorteil, sondern ein Wettbewerbsnachteil. Falls News-Konsum Menschen tatsächlich weiterbringen würde, stünden die Journalisten an der Spitze der Einkommenspyramide. Tun sie aber nicht, im Gegenteil.

Drittens: Zeitverschwendung. Ein durchschnittlicher Mensch verschwendet einen halben Arbeitstag pro Woche mit News. Global betrachtet, ist der Verlust an Produktivität immens. Nehmen Sie die Terroranschläge in Mumbai im Jahr 2008. Terroristen töteten in einem Akt kühler Geltungssucht 200 Menschen. Stellen Sie sich vor, dass eine Milliarde Menschen durchschnittlich eine Stunde ihrer Aufmerksamkeit auf die Tragödie in Mumbai verwendeten: Sie haben die News verfolgt und sich das Geplapper irgendwelcher »Experten« und »Kommentatoren« im Fernsehen angeschaut. Eine durchaus realistische Schätzung, denn Indien allein hat mehr als eine Milliarde Einwohner. Doch rechnen wir konservativ. Eine Milliarde Menschen mal eine Stunde Ablenkung ergibt eine Milliarde Stunden Ablenkung. Umgerechnet: Durch News-Konsum wurden also an die 2000 Menschenleben »verschwendet« – zehnmal mehr als durch das Attentat. Ich gebe es zu: eine ungewöhnliche, ja sarkastische, aber leider wahre Betrachtung.

Fazit: Geben Sie Ihren News-Konsum auf, und zwar ganz. Lesen Sie stattdessen lange Hintergrundartikel, fundierte Analysen, erfrischende Meinungen und Bücher. Ja, es gibt nichts Besseres als Bücher, um die Welt zu verstehen.

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Leserkommentare
  1. Ich würde mich als Nachrichtenfetischist bezeichnen,sortiere aber die Nachrichtenquellen nach Seriösität.Als da sind D-Radio,von den öffentlich-rechtlichen die Infosender,"Die Zeit"(online + epaper),Tagesschau,heute usw,usw,.
    Die Nachrichten kommen nicht so laut und schrill rüber und wie ich finde, keine News.
    Aber es stimmt schon,man wird mit News und Nachrichten zugemüllt und zugekleistert.Deswegen habe ich vor einiger Zeit mein Abo der "SZ" gekündigt und mich bewußt nur noch für "Die Zeit" entschieden.Mein Nachrichten-oder meinetwegen auch Newskonsum habe ich eingeschränkt,aber meiner Meinung nach kann man es nicht völlig einstellen.
    Manche Hintergründe bzw. Berichte darüber könnte ich nicht verstehen,weil ich nicht verfolgen konnte, wie sie aktuell entstanden sind.

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