NorwegenGepolt aufs Fliegen

Von Spitzbergen aus lieferten sich Forscher und Abenteurer seit dem 19. Jahrhundert ein Wettrennen zum nördlichsten Punkt der Erde. Eine Schiffsreise auf den Spuren berühmter Luftfahrt-Expeditionen. von 

Eisschollen bei Spitzbergen

Eisschollen bei Spitzbergen  |  © BERIT ROALD/AFP/Getty Images

Virgohamna liegt an diesem Morgen grau und abweisend vor uns. Tief hängen die Wolken über der Bucht, gehen an den Berghängen konturlos in Schneefelder über. Es ist kalt, vielleicht drei Grad Celsius, aber nicht windig. Wir steigen aus dem Schlauchboot und betreten den Kiesstrand. Der Expeditionsleiter schultert sein Gewehr und ermahnt uns, beisammen zu bleiben wegen der Eisbären, die hier umher streifen. Es fühlt sich an, als würden wir Feindesland betreten, eine Invasion in Gummistiefeln.

Der Archipel Spitzbergen, zu dem diese Bucht der Däneninsel gehört, übt auf Menschen schon lange eine besondere Faszination aus. Wie ein spitzer Keil liegt er im Eismeer, fast tausend Kilometer nördlich des Mutterlandes Norwegen, ein letzter Außenposten der Zivilisation. Seit dem 19. Jahrhundert erkundeten Forscher und Abenteurer von hier aus die Arktis und lieferten sich Wettrennen zum Nordpol – Hunderte strapaziöse und wagemutige Expeditionen zu Fuß, mit Hundeschlitten, Schiffen, Gasballons und Flugzeugen.

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Beeindruckt von ihren Berichten, folgten ihnen bald Touristen nach, so wie wir auf dieser Expeditionskreuzfahrt: An Bord eines Schiffes für 78 Passagiere werden wir in sieben Tagen Spitzbergen umrunden, die arktische Tierwelt erleben, kilometerlange Gletscherfronten sehen und Orte ansteuern, an denen Expeditionsgeschichte geschrieben wurde, vor allem die der Luftfahrt. Auf dieser Reise wollen wir unser eigenes, wohldosiertes Abenteuer erleben. Ein bisschen frösteln in der Kälte, ein wenig erschaudern beim Anblick eines Eisbären. Einen Hauch Erobererstolz spüren, wenn wir mit Festrumpfschlauchbooten anlanden, wo erst wenige einen Fuß auf die Erde gesetzt haben.

Auf der Däneninsel folgen wir unserem Expeditionsleiter Heiko Kühr, einem kantigen Mann mit Dreitagebart, über karges Land. Selbst im Sommer wachsen hier kaum Pflanzen, nur ein paar Moose und Flechten. Oberhalb des Kiesstrands hat jemand ein Mahnmal errichtet, einen Sockel aus groben Steinen, auf dem ein rostiger Anker liegt. Eine Plakette erinnert an den schwedischen Ingenieur Salomon August Andrée, nach dessen Dampfer Virgo die Bucht benannt ist.

Um das Mahnmal herum sind rostige Metallteile auf dem Boden verstreut, Bleche und Bolzen, abgerissene Stahlseile und zersplitterte Flaschen. Die bleichen Holzlatten stammen von dem Ballonschuppen, aus dem Andrée am 11. Juli 1897 mit zwei weiteren Männern gen Nordpol entschwebte. Es war der erste Arktisflug überhaupt. Sie flogen für Schweden und für die Wissenschaft, wollten die Region kartieren und aus der Höhe fotografieren.

»Ich ahne, dass diese fürchterliche Reise für mich das Tor zum Tod darstellt«, hatte Andrée am Vorabend der Tour noch in sein Testament geschrieben. Er sollte recht behalten: Kurz nach dem Start verloren die Männer durch ein Missgeschick die Schleppseile, mit denen sie Höhe und Geschwindigkeit regulieren konnten; Wasserstoff entwich durch winzige Lecks im Ballon. Sie hielten sich 65 Stunden in der Luft, trieben hilflos im Wind, schlugen bei 82 Grad und 55 Minuten nördlicher Breite schließlich auf dem Packeis auf. Von dort marschierten sie fast drei Monate lang über die Eismassen nach Süden. Erst Jahrzehnte später fand man ihre Körper, Aufzeichnungen und Filmrollen auf der Weißen Insel im äußersten Osten Spitzbergens. Woran die Männer starben, ob an verdorbenem Eisbärenfleisch, Kälte oder Entkräftung, ist bis heute ungeklärt.

Auf dem Weg zum anderen Ende der Bucht kommen wir an erhöhten Steinkreisen im Sand vorbei – die Reste einer Transiederei. Nachdem Willem Barents die Inseln 1596 entdeckt und von reichen Walgründen berichtet hatte, kamen Walfänger in Scharen nach Spitzbergen. Sie rotteten die schwimmenden Riesen beinahe aus, um den wertvollen Tran aus ihrem Speck zu gewinnen und als Brennstoff zu verkaufen. »Weil so hoch im Norden keine Bäume wachsen, musste man als Walfänger das Holz für seinen eigenen Sarg mitbringen«, erzählt der Expeditionsleiter und deutet auf ein paar Gräber in der Nähe: mit losen Steinen abgedeckte, aus groben Latten gezimmerte Holzsärge, in denen noch Knochen liegen.

Etwas weiter lagern verrostete Treibstofffässer auf dem Felsgeröll. Was wie ein gigantischer Schrottplatz wirkt, sind die Spuren eines weiteren Arktis-Abenteurers. Wie Andrée wollte auch der amerikanische Reporter Walter Wellman der erste Mensch am Nordpol sein. Wie Andrée wählte er die geschützte Bucht als Ausgangspunkt. Seine Zeitung, der Chicago Record Herald, bezahlte die Expedition.

Dort, wo rostrote Eisenspäne zu klumpigen Haufen auf dem Fels verschmolzen sind, müssen Wellmann und seine Leute im Jahr 1907 aus Eisen und Schwefelsäure den nötigen Wasserstoff erzeugt haben, um den Ballonkörper seines Luftschiffs zu füllen. Doch die America, eine 56 Meter lange, dunkle Zigarre, kam nicht weit. Ein Schneesturm zog auf, und sie zerschellte fast an den Bergflanken in der Nähe. Nach mehreren Kreisflügen musste sie auf einem Gletscher am Festland notlanden.

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Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Das Luftschiff wurde zerlegt und abtransportiert – doch Wellman gab nicht auf. Zwei Jahre später versuchte er es noch einmal, mit einer verbesserten America. Die erste Zeit des Fluges verlief so gut, dass Wellman hoffte, den Pol in weniger als 30 Stunden zu erreichen. Dann verlor das Luftschiff plötzlich die mit Proviant gefüllten Schlepptaue – Lederschläuche, in denen die Besatzung Speck, Brot und Butter mit sich führte. Die America wurde leichter, stieg ruckartig auf. Die Männer ließen Traggas ab, und das Luftschiff machte eine Notlandung auf dem Wasser. Ein Frachter, der zufällig in der Gegend war, nahm die Mannschaft an Bord und schleppte die America zur Küste, der Ballonkörper wurde noch auf dem Meer vom Wind abgerissen und explodierte.

Eisige Böen scheuchen uns zurück zum Schlauchboot. Die Wolken scheinen noch tiefer über dem Sund zu hängen, die Kälte durchdringt uns bis auf die Knochen, lässt den Abenteurergeist erstarren. Durch tiefschwarzes Wasser fahren wir zum Schiff zurück.

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