Erzählt euch eure Geschichten, eure Biografien: Seit mehr als zwanzig Jahren nun hören die Deutschen diese Aufforderung aus mahnenden Politikermündern. Der Sinn des Appells entstand durch eine andere, ebenso klangvolle wie nebulöse Rede, oft vorgetragen zum wieder anstehenden Nationalfeiertag: die von der inneren Einheit.

Erzählt euch eure Geschichte: Das bedeutete nebenbei auch den endgültigen Siegeszug der therapeutischen Idee in der Gesellschaftspolitik. Zwei Wunden sollten jetzt durch das Therapiegespräch wenn nicht geheilt werden, so doch vernarben, bis Normalpolitik irgendwann hinterhergehechelt käme: die Teilung und das soziale Drama im Osten nach 1990. Diese stabilisierende Funktion allerdings ist kein Einwand gegen das Geschichtenerzählen – auch wenn man schwer ächzt unter der erdrückenden Fülle an Ost-Storys und zudem leider einige im Osten die Angelegenheit unterdessen als Freibrief missverstanden, die Öffentlichkeit ständig mit ihren belanglosen Erinnerungen an Bummi- Lektüren oder Ähnlichem zu behelligen (im Namen der inneren Einheit: so hieß die mit 700.000 Exemplaren auflagenstärkste Kinderzeitschrift in der DDR).

Uwe Tellkamp ist hingegen ein fulminanter Geschichtenerzähler. Der knapp tausendseitige Roman, den der 1968 geborene Dresdner Schriftsteller 2008 unter dem Titel Der Turm veröffentlichte, wurde zu einem der großen Bucherfolge der letzten Jahre, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2008; mit bislang 750.000 Käufern in Ost und West, übersetzt in 15 Sprachen. Tellkamp erzählt darin die Geschichte der Familien Hoffmann und Rohde im Dresden der Jahre 1982 bis 1989: Ärzte, Intellektuelle, illusionslose Betriebsleiter, jung und alt, meist Nischenbürger der untergehenden DDR, zwischen Lüge und Wahrheit, Karriere, Anpassung, Verweigerung und Ausreise in den Westen, zwischen sozialistischem Schulalltag, Stasi und Wehrdienst und vor allem Kultur als alltäglichem Lebenselixier. Der Roman ist ein anspruchsvolles Epochenpanorama, das vor Handlung und Figuren wimmelt. Vielen Westdeutschen eröffnete das Buch einen Blick auf den Osten, den sie so zuvor nicht hatten; der Turm wurde zum vorläufig letzten großen Volksbuch der Deutschen. Pünktlich zum 3. Oktober kann die Nation an zwei Abenden in der ARD sehen, wie Fernsehen, das immer noch mächtigste Medium unserer Zeit, uns diese Geschichte erzählt.

Als der Suhrkamp Verlag die Turm-Filmrechte an den Produzenten Nico Hofmann und seine Firma Teamworx vergab, war manchem unwohl. Um die 30 Mal habe er bei der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz vorsprechen müssen, berichtet Hofmann heute. Der Produzent hat seit der Jahrtausendwende das populäre Geschichtsbild hierzulande geformt wie niemand sonst. Besessen von Geschichte, wie er es selbst oft nannte, sind viele seiner Produktionen generalstabsmäßig inszenierte, von Starinterviews und Vorabberichterstattung flankierte TV-Events, die beim Zuschauer, ob öffentlich-rechtlich oder privat, »ein Must-See-Momentum wecken« (Hofmann).

Kitsch ist gerne dabei, wenn es um die Quote geht; unter seinen circa 30 Filmen im Jahr waren Die Frau am Checkpoint Charlie, Die Mauer, Dresden (2006 mit der Rekordquote von fast 13 Millionen Zuschauern), Die Sturmflut, Mogadischu, Der Mann aus der Pfalz, Das Wunder von Berlin, Die Flucht, Die Luftbrücke, neulich erst ging die Laconia unter, bald kommt Rommel, irgendwann Guttenberg. Hofmann schneidet Filme seiner Regisseure auch mal zu Ende, bis sie ihm ins Format passen: »Wir sind eine Manufaktur, wer uns beauftragt, bekommt genau den Film, den er für sein Programm und seine Zuschauer passgenau einsetzen kann.« Im Serien- und Internetzeitalter sind allerdings die ganz großen Publikumserfolge solcher TV-Events kaum mehr möglich: Zu flüchtig ist der zappende Zuschauer geworden.

Achtbares Ergebnis

Kann unter diesen Umständen eine TV-Adaption von Tellkamps Turm gut gehen? Braucht dieser so farbenprächtige, bilderreiche Roman nicht ohnehin das Breitwandkino, wie es jedem Leser sofort vor Augen steht und wie es bei Literaturverfilmungen von Boris Pasternaks Doktor Schiwago und Giuseppe Tomasi di Lampedusas Leopard so unterschiedlichen Regisseuren wie David Lean und Luchino Visconti gelang?

Eine der vielversprechendsten deutschen Regiehoffnungen hat sich nun trotz allem auf den Fernseh-Turm eingelassen: Christian Schwochow, Jahrgang 1978, aufgewachsen in Leipzig und Ost-Berlin, reiste mit seiner Familie 1989 in den Westen aus und lebt heute wieder in Prenzlauer Berg. Mit seinem Debütfilm Novemberkind, in den Hauptrollen Ulrich Matthes und Anna Maria Mühe, hat er 2008 einen Achtungserfolg bei Kritik und Publikum vorgelegt. Jetzt probierte er in seiner erst dritten Filmproduktion populäres Fernsehen aus sowie den Umgang mit einem 7-Millionen-Budget. Angesichts der ästhetischen Grenzen des Genres ist das Ergebnis durchaus achtbar.