Frank Stronach : Berlusconi-Moment

Warum der Milliardär Frank Stronach mit seiner neuen Scheckbuchpartei Österreich umkrempeln will
Frank Stronach (Archiv) © Lisi Niesner/Reuters

Das Team, das jetzt Österreich auf Vordermann bringen will, besteht vorläufig aus einem recht rüstigen Senior, vier übergelaufenen Hinterbänklern aus dem Parlament, einer kleinen Riege abgehalfterter politischer Veteranen – und vor allem aus einer üppig gefüllten Schatulle, aus der die Kommandoaktion zur Rettung der Nation finanziert werden soll. Bis zu 100 Millionen Euro, so sagte der Milliardär Frank Stronach zuletzt, sei er bereit, für seine neue Privatpartei zu verpulvern , die er am Donnerstag präsentiert. Vielleicht sogar noch mehr, sollte es notwendig werden. Selbst aberwitzige Beträge spielen nur eine geringe Rolle, wenn ein Krösus es sich in den Kopf gesetzt hat, jenen Einfluss zu kaufen, von dem er überzeugt ist, er stehe ihm zu.

An sich ist es ein absurder Treppenwitz: Ein kanadischer Großindustrieller mit österreichischen Wurzeln, der den größten Teil seines Vermögens steuerschonend in der Schweiz geparkt hat, meint plötzlich, er müsse an seinem Lebensabend die Geschicke seines Herkunftslandes in die Hände nehmen. Solch eine schräge Klamotte dürfte eigentlich nur Unterhaltungswert besitzen. Doch ähnlich wie in Italien zum Zeitpunkt des Einzuges des Bau- und Medientycoons Silvio Berlusconi in die politische Arena, liegt derzeit das Parteiensystem in Österreich in Agonie. Die gesamte politische Architektur ist vermodert. Die zahlreichen Skandale blubbern vor sich hin, das Vertrauen in die Selbstreinigungskraft einer politischen Kaste, die sich einzig um ihre Posten sorgt, ist weitgehend erschöpft. Nur mangels glaubhafter Alternativen ist das Gefüge aus Klientelwirtschaft und Augenwischerei noch nicht implodiert.

Es ist daher gut möglich, dass Österreich demnächst seinen Berlusconi-Moment erlebt. Einer »Forza Stronach« prophezeien die Meinungsforscher durchaus Erfolg. Manche schätzen, der eigenwillige Wahlwerber könnte aus dem Stand 15 Prozent der Stimmen bei den nächsten Nationalratswahlen erringen. Der frischgebackene Kandidat fantasiert mittlerweile sogar von einer eigenen Mehrheit.

Manche seiner Ideen sind wirr, manche sind krude Vereinfachungen. Das meiste liest sich wie eine nationalökonomische Milchmädchenrechnung. Oder es geht von der gewagten Annahme aus, die eng verflochtene europäische Volkswirtschaft ließe sich ohne Weiteres im Vorgesetztenjargon aus der Großschlosserei herumkommandieren. Die meist konfusen Rezepte des politischen Newcomers, sei es die Zersplitterung der Währungsunion in ein Sammelsurium frei konvertierbarer National-Euros, sei es sein Flat-Tax-Modell, verblassen allerdings neben seiner zentralen Botschaft: Das ganze Land gehe den Bach hinunter, wenn nicht einer wie er das Ruder herumreiße – und zwar genau mit jenem gesunden Hausverstand, mit dem er sich aus seiner Garagenwerkstatt zum Privatjetbenutzer hochgearbeitet habe.

In einem Land, in dem die Gedankenwelt von den logischen Reflexen aus den Boulevardzeitungen bestimmt wird, ist diese Schlussfolgerung ein schlagendes Argument. Geld regiert die Welt, das leuchtet ein. Auch Franks kleine Welt, in der bloß die große ihre Probe hält. Wo Minister versuchen, sich mit Regierungsinseraten ein günstiges Meinungsklima einzuhandeln, findet niemand etwas dabei, wenn sich ein steinreicher Privatunternehmer seine Gefolgschaft am Markt der vagabundierenden Politiksöldner zusammenkauft – ob seinerzeit als Laufburschen für seinen Konzern oder nun als Funktionäre seiner Scheckbuchpartei.

In Österreich geht fast alle Macht von der Provinz aus. Und abseits der Handvoll urbaner Inseln sind die patriarchalischen Strukturen weiterhin intakt. Dort steht der großväterliche Starrsinn eines Mannes durchaus im Ansehen, der auf eine beeindruckende Lebensleistung verweisen kann und dennoch seine Bodenhaftung im Milieu seiner ärmlichen Herkunft nicht ganz verloren hat. Im Falle des Scharlatans Berlusconi dürfte das Geheimnis des Erfolges gewesen sein, dass er in seiner ganzen Wesensart italienischen Wunschvorstellungen entsprach. Einem ähnlichen Phänomen verdankt vermutlich auch Frank Stronach sein gegenwärtiges Meinungshoch: Er kann es sich leisten, seine eigenen Spielregeln zu diktieren.

Im Unterschied zu dem Cavaliere aus Mailand , der sich aus purem Eigennutz in die Politik einmischte, kann sich der 80-jährige Parteigründer allerdings keinerlei persönliche Vorteile aus seinem Engagement versprechen – die hat er auch nicht mehr nötig. Seine heimatliebe Besorgnis mag man ihm nicht recht glauben. Ihn treibt wahrscheinlich beleidigter Stolz an. Viele Jahre lang winkte der reiche Onkel aus Übersee mit seinen Dollarnoten, doch niemand wollte ihm folgen. Weder kickten die Fußballer nach seiner Pfeife, als er sie mit Geld überschüttete, noch unterstützten ihn die Dorfkaiser bei seinen exzentrischen Millionenprojekten. Und sein politisches Credo stieß vollends auf taube Ohren im Kartell der Parteien. Gerade einen dicken Orden bekam er umgehängt.

Jetzt will Frank Stronach den Beweis antreten, dass er doch recht hat. Wer über mehr Geld verfügt, kann effektiver die großen und kleinen Glücksritter im Land korrumpieren. Insofern ist er lediglich ein Symptom jener Krankheit, für deren Heilung er sich hält.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

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"In Österreich geht fast alle Macht von der Provinz aus."

Das ist jetzt doch ein Witz oder ?
Die Macht geht vor allem von Wien aus das mit seinen fast 2,5 Mio. Einwohnern (grossraum) für einen Staat mit 8 Mio Einwohnern völlig überdimensioniert ist.

Anhand einer Stadt die schon mal weit über ein viertel aller Wähler beinhaltet kann man wohl kaum von "fast alle Macht aus der Provinz" sprechen.

Warum nicht?

Das Stronach der "Die Zeit" nicht passt und daraus in diesen und älteren Artikeln rhetorisch kein Blatt vor Mund genommen wird wie es bei SPÖ/SPD oder Grünen gemacht wird ist doch schon Standard.

Doch ich persönlich finde es gut das auch mal ein Macher der sich selbst was aufgebaut hat in die Österreichische Politik geht.

Das Parteiensystem bringt nur noch D-Ware hervor.

In Deutschland hätte Herr Grupp (Trigema) auch gute Chancen direkt auf 8-15 Prozent mit einer Alternativen Partei zum Einheitsbrei zu kommen.