Hans von Dohnanyi"Könnte ich Dich doch sehen!"

Der Widerständler Hans von Dohnanyi schmuggelte 1945 aus der Nazihaft kurz vor seiner Hinrichtung Botschaften an seine Frau. Wir dokumentieren erstmals diese bewegenden Zeugnisse seiner Unbeugsamkeit.

25.2. [1945]

Liebste, Geliebte, mein alles Du! Jetzt haben wir uns ½ Jahr nicht gesehen!

Mein heisser Wunsch: Dich sehen! Es ist eine wahnsinnige Zeit, und dass ich Dir und den Kindern jetzt nicht zur Seite stehen kann, ist ein Martyrium für sich.

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I. Ein paar Dinge für die andern: über Lehrterstrasse 3 und was dort bis vor 3 Tagen vorgegangen ist, weiss ich Bescheid.

Ich lebe nur im Gedanken an Euch alle, das wisst Ihr, und möchte Euch allen mittragen helfen, wenn ich doch alles auf meine Schultern packen könnte! −

Vielleicht ist Euch folgendes wichtig: Leiter von Lehrter 3 ist Untersturmführer Knuth. Ueberaus anständig, hat Herz für seine Gefangenen, angelt nach Anker für die Zukunft. Auch Personal im Geschäftszimmer gut. Wenn Ursel und Emmi ihre Männer sehen wollen, sollen sie den Wunsch im Geschäftszimmer äussern, es wird möglich gemacht, wenn es irgend geht. Frau Perels hat ihn vor ca. 5 Tagen gesehen.

II. Für mich ist vor 3 Tagen ein praktischer Arzt aus Berlin Tempelhof, der auch Häftling ist, (Dr. Eugen Ense, Tempelhof Löwenhardtstr. 63) als Betreuer bestellt. Wenn jemand von ihm kommt (Tochter 15, Sohn 16½ J.), ist die Sache in Ordnung. Natürlich lasse ich nur Persönliches sagen, bitte vice versa. Bitte bitte keine Gefahren laufen, die Lage ist kritisch genug.

Ich war bis vor 3 Tagen einem Sachbearbeiter überantwortet, der an Brutalität nichts zu wünschen übrig liess. Er glaubte mich dadurch klein zu kriegen, dass er mich ohne jede Pflege einfach verwahrlosen liess. So ging das 3 Wochen. Aber ich habe mich aufs Stinken verlassen. Das hat geholfen. Nun kam Sonderegger und Ense, der frei bei mir aus und ein gehen kann (m. Zellentür ist offen), und das Gröbste ist überwunden. Es war eigentlich nur komisch und ich habe oft darüber gelacht, wie ich aussah.

Gesundheitlich hat es mir nichts ausgemacht. Du weisst, dass ich Dir kein X für ein U vormache! Also ich verlasse mich darauf, dass Du Dir in dem Punkt keine Sorgen machst. Ich benutze meine Krankheit als Kampfmittel. Dabei kommt mir zustatten, dass man mich für kränker hält, als ich bin. Ense vertritt die Meinung, dass ich in ein Krankenhaus gehöre und mein Zustand durch die hiesigen äusseren Verhältnisse sich laufend verschlechtern werde. Das ist zwar nicht massgeblich, weil Ense ja Häftling ist, aber Sonderegger fragt ihn und hat sich beeindrucken lassen. In Wirklichkeit fühle ich mich gut, bin durch Dich ja nun wirklich gut im Futter. Nachts bringe ich mir heimlich das Gehen bei; es geht schon ganz gut (ich muss ja sehen selbständig zu werden). Tags bin ich der hilflose Kranke.

III. Zeitgewinn ist die einzige Lösung. Ich muss sehen vernehmungsunfähig zu werden. Am besten wäre es, wenn ich eine solide Ruhr bekommen könnte. Eine Kultur müsste im Kochschen Institut für ärztliche Zwecke zu haben sein. Wenn Du eine Speise rot zudeckst, am besten auch noch einen Tintenklecks auf dem Becher, so weiss ich, dass darin ein anständiger Infekt ist, der mich ins Krankenhaus bringt. Ich scheue keine Krankheit, bin überzeugt, dass ich sie durchstehe. Es kann ja sein, dass ich auf den Bazillus nicht anspreche − dann ist es noch so.

IV. Man will jetzt die Sache mit Gewalt abschliessen, und das muss verhindert werden. Mich hatte man bisher fast völlig ungeschoren gelassen, weil ich Huppenkothen schon am 24.8. erklärt hatte, man solle sich bei mir keine Mühe geben, ich würde keine Namen nennen.

Jetzt, sagt Sonderegger, könne ich niemanden mehr belasten, es sei alles bekannt, und auch sonst erklingen Sirenentöne: man wolle mich bald in ein Krankenhaus schaffen, damit ich gesund würde, habe kein Interesse, mich vor den Volksgerichtshof zu stellen, habe Achtung vor meiner Haltung pp. Alles gelogen!! Jedenfalls: davon muss man primär immer ausgehen! Ich fürchte, andere sind auf solche Dinge hereingefallen. Andererseits hat Sonderegger gesagt, wenn ich jetzt nicht Hals gäbe, käme er möglicherweise in Schwierigkeiten unter dem Gesichtspunkt der »Sippenhaftung« (womit er wohl mit einer Festnahme von Dir drohen wollte). Aber ich glaube selbst, dass er das nicht gern täte. Es darf auch unter keinen Umständen dazu kommen!!! Sonderegger liebt es, wenn man den Gentleman in ihm betont, und ist nicht ohne Herz (aber verschlagen). Er kritisiert heftig die Roederschen Untersuchungsmethoden.

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