Das Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert ist seit 1954 ein Hotel. © Gräflicher Landsitz Hardenberg

Auf dem Hardenberg haben sie Schwein gehabt. Im 13. Jahrhundert nämlich warnte ein Keiler die gräfliche Familie vor einer Attacke benachbarter Ritter. Man sagt, das laute Gegrunze des Tieres habe die Burgherren nachts aus dem Schlaf gerissen und damit ermöglicht, die Angreifer in die Flucht zu schlagen. Der Keiler hat den Lauf der Geschichte also maßgeblich beeinflusst. Ohne ihn wäre das Wappentier der Familie Graf von Hardenberg heute kein Keilerkopf und das Fachwerkhaus unterhalb der Burg wohl kein Hotel. Wo früher Angestellte des Gutes und das liebe Vieh wohnten, nächtigen seit 1954 Gäste. Manch eines der Zimmer erinnerte bis vor Kurzem allerdings auch noch an die fünfziger Jahre, und das waren ja nicht gerade die geschmackvollsten. Doch nun wurde das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert renoviert und restauriert, fünf Millionen Euro hat es gekostet.

Das Hardenberg Burghotel liegt am Rande von Nörten im tiefen Grün Niedersachsens. Von Weitem schon sieht man die Reste der alten Burg und am Fuße das Hotel. Von außen hat sich offensichtlich nichts verändert, zumindest nicht auf der Vorderseite, und auch die lauschige Empfangshalle mit den schweren Fauteuils und dem präparierten Keilerkopf über dem Kamin ist geblieben, Gott sei Dank. Nur die Rezeption wurde versetzt, die Angestellten haben nun einen Blick auf den Parkplatz und damit auf eintreffende Gäste. Deshalb stand auch umgehend ein junger Angestellter mit Kofferkuli vor einem und nahm das Gepäck entgegen – ein Service alter Schule, den man in Hotels heutzutage nicht mehr oft erlebt.

Die Dame an der Rezeption hat gleich gesehen, dass man Golfgepäck dabeihat. Beim Einchecken fragt sie, ob sie eine tee time auf einem der Hardenbergschen Golfplätze reservieren darf. Hier weiß man, dass tee time »Abschlagzeit« bedeutet, das ist oft nicht einmal in Golf-Resorts der Fall. Auf dem Weg zum Zimmer fällt einem eine Anekdote aus dem Four Seasons in Südfrankreich wieder ein. Bei der Reservierung einer Abschlagzeit wurde man gefragt: »Möchten Sie den Tee in der Lobby oder auf der Terrasse einnehmen?«

Dann öffnet man die Zimmertür und ist mehr als überrascht: Aus den kleinen, dunklen Kammern mit strapazierter Auslegware sind geräumige Zimmer mit riesigen Fensterfronten geworden, Blick auf die eigene Veranda und den Reitplatz. Man läuft über geöltes Holz, das selbst im Bad ausgelegt ist. Die Sessel sind mit feiner, karierter Wolle bezogen, Kirschholztischchen flankieren das Bett, und in einer neu angefertigten Kommode mit Intarsien liegt eine Wärmflasche, die einen roten Wollmantel mit aufgenähtem Keilerkopf trägt.

Dem Keiler sind die Hardenberger noch immer sehr verbunden. Die zum Gut gehörende Schänke etwa heißt Keilerschänke – man erreicht sie über einen neu angelegten Kräutergarten, in dem auch Rosen und Lavendel blühen. Der Flachmann aus der eigenen Kornbrennerei trägt den Namen Kleiner Keiler. Doch die größte Hommage an das Tier zeigt sich auf dem Niedersachsen Course. Es ist einer der schönsten Golfplätze Deutschlands, obwohl oder vielleicht gerade weil er einen an den Rand der Verzweiflung bringt. Es geht rauf und runter, durch eine steinerne Schlucht, eine Plackerei!, bis man irgendwann mit einem betörenden Blick belohnt wird. Da liegt er, majestätisch und formvollendet: ein Keilerkopf als Halbinsel in einem künstlich angelegten See – komplett begrünt für Loch 11. Ob man trifft? Man greift erst zum Flachmann, dann zum Schläger. Und? Haarscharf daneben! Darauf gibt’s noch einen ordentlichen Schluck. Zum Glück holt das Hotel Gäste auf Wunsch vom Platz wieder ab – von den Kleinen Keilern ist man nämlich schon ein bisschen angeknallt.

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Dabei ist der Tag noch gar nicht zu Ende. Zunächst geht es in die Mühle gleich hinter dem Hotel. Darin ist das neue Spa aus Holz und Naturstein. Aus der Sauna blickt man direkt ins Grün, und im Ruheraum knistert das Holz im Kamin. Kaum liegt man, ist man schon eingeschlafen, bis sich irgendwann später der Magen meldet und einen ins Restaurant Novalis ordert – ach ja, der romantische Dichter gehörte ja auch zur Familie! Ein Porträt von ihm hängt an einer Steinwand, vor der die weißen Tischdecken im Kerzenschein leuchten. Der Kellner sieht sofort, dass man selbst nicht viel sieht, zumindest nicht auf der Speisekarte, und reicht, sehr aufmerksam, vielen Dank, eine Schatulle mit Brillen. Küchenchefin Katja Burgwinkel empfiehlt Loup de Mer mit gebratenen Pfifferlingen, gefüllter Zucchiniblüte und Feigen-Risotto – was so gelungen ist wie die Poesie von Novalis. Und dann klingt der Abend auch noch mit einem Verveine-Tee auf dem Balkon aus. Hoch oben über dem Hotel leuchtet die Burgruine, und im Blauschwarz des Nachthimmels leuchten die Sterne. Es ist still. Das Grunzen eines Wildschweines käme noch immer wie ein Donnerhall daher.