Datencenter von Facebook im US-Bundesstaat North Carolina © Rainier Ehrhardt/Getty Images

Als Mantra aller Internetaufklärer gilt der Satz "Das Netz vergisst nie!" Diese Mahnung lässt so manchen Finger vor der Enter-Taste innehalten: Soll man dieses Foto wirklich hochladen, jenes Posting tatsächlich senden? Oder wird man sich später für das schämen, was man heute unbedacht preisgibt? Schließlich gilt das Internet als weltweites digitales Gedächtnis , das einmal gewonnene Informationen bis in alle Ewigkeit speichert.

Um den alles aufsaugenden Datenschwamm zum Vergessen zu bewegen, wurden schon verschiedenste Methoden ersonnen. Der Netzpolitikexperte Viktor Mayer-Schönberger propagierte 2009 ein Verfallsdatum für Informationen im Netz, mit dem sich Daten nach einer gewissen Zeit von alleine wieder löschen. Dieses "Recht auf Vergessenwerden" hat in den Entwurf der Datenschutzreform Einzug gehalten, den EU-Institutionen derzeit beraten : Betreiber Sozialer Onlinenetzwerke, die die Daten ihrer Kunden trotz deren Aufforderung nicht löschen, müssten demnach künftig Bußgelder zahlen.

Parallel dazu hat ein IT-Professor an der Universität des Saarlands eine Art digitalen Radiergummi entwickelt , den die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner in den höchsten Tönen lobt. Das Firefox-Plug-in X-Pire sorgt dafür, dass entsprechend codierte Bilder nur für einen bestimmten Zeitraum angezeigt werden und sich danach quasi selbst vernichten.

Nach einem Jahr 11 Prozent verschwunden

Doch nun legt eine neue Studie nahe, dass all das gar nicht nötig sein könnte: Den Informatikern Hany M. SalahEldeen und Michael L. Nelson zufolge verschwinden Onlinequellen sehr viel schneller als bisher angenommen. Das Netz vergisst sehr wohl, könnte man ihre Untersuchung zusammenfassen, die sie in dieser Woche bei der Conference on Theory and Practice of Digital Libraries in Zypern vorstellen.

Für ihre Studie hatten die Informatiker der amerikanischen Old Dominion University insgesamt 11.000 Links untersucht, die zu Großereignissen in den Jahren 2009 bis 2011 getwittert wurden: zu Michael Jacksons Tod und zum Ausbruch des Virus H1N1, zur Vergabe des Friedensnobelpreises an Barack Obama und zu den Wahlen im Iran , zur Revolution in Ägypten und zum Aufstand in Syrien . Die Links führten zu YouTube-Videos, Medienartikeln und Blogs, zu Fotos bei Twitpic und anderen Diensten.

Dabei zeigte sich, dass längst nicht mehr alles Material auffindbar war. Bereits nach einem Jahr waren rund 11 Prozent der Quellen verschwunden, nach zweieinhalb Jahren fehlten 27 Prozent, stellten die Forscher fest.

Im Gegenzug prüften SalahEldeen und Nelson, wie viel Material von Web-Archiven gespeichert worden war . Dazu nutzten sie Memento, einen von der US-Kongressbibliothek finanzierten Onlinedienst, der zahlreichen Archiven die Speicherung von Web-Vergangenheit ermöglicht. Innerhalb eines Jahres waren magere 20 Prozent der Quellen archiviert worden, nach zweieinhalb Jahren waren es gerade mal 41 Prozent.