Ein Radfahrer vor Börsenkursen Ende September in Tokio. Anfang Oktober wurde bekannt, dass der Absatz von Toyota in China im Vormonat um 40 Prozent eingebrochen war. © Yoshikazu Tsuno/Getty Images

Natürlich: In diesem Streit um ein paar Felseninseln im Ostchinesischen Meer geht es um die Rohstoffe. Japan, die Industrienation ohne eigene Bodenschätze, kann ohne ständige Einfuhren nicht viel produzieren. Und China will seine Macht demonstrieren, ist zugleich aber auch auf eine große Menge von Rohstoffeinfuhren angewiesen. Doch in Wirklichkeit, sagt Masuda Masayuki vom Nationalen Institut für Verteidigungsforschung in Tokio, stecke hinter dem augenblicklichen Konflikt noch sehr viel mehr. Er erlaube einen Blick in die Zukunft. »Was jetzt passiert«, sagt er, »ist eine rapide Verschiebung des wirtschaftlichen Gleichgewichts der Region.«

Das erklärt jedenfalls die ungleichen Bilder, die in diesen Tagen aus China und aus Japan um die Welt gehen. In China kocht der Volkszorn hoch, japanische Autos und Geschäfte auf chinesischem Boden werden demoliert. Dagegen üben sich die Japaner in Beschwichtigung und vorsichtiger Diplomatie. Man bewahrt die Ruhe. Japans Wirtschafts-Trendforscher Kenichi Ohmae gibt sich betont lässig: »Es wäre ja nicht die erste Unstimmigkeit.« Hinter den Kulissen versuchen einzelne Vertreter japanischer Handelsverbände und Unternehmen Schadensbegrenzung, teils in privater Initiative.

Doch bei aller japanischen Coolness lässt sich eines nicht verhehlen: Die Angst, vom großen und wachsenden Nachbarn China abgeschnitten zu werden – und zwar von Rohstoffen wie auch von Märkten –, wird größer. Es gab sie schon immer: Die Japan AG hat stets äußerst zurückhaltend in China investiert. Wenn es um eine engere Kooperation mit der Volksrepublik ging, war die Zahl der Zauderer im Wirtschaftsverband Keidanren stets größer als die Zahl der Völkerverständiger. »In Japan war man sich immer im Klaren: China will Technologie, wird aggressiv und rücksichtslos vorgehen«, erklärt Jesper Koll, Chefökonom für Japan bei J.P. Morgan. So haben Nippons Unternehmen lieber ihre Produktionsstätten über ganz Asien verteilt.

Doch die Abgrenzungsstrategie nützt heute kaum noch etwas. Weil der chinesische Markt so unglaublich schnell wächst, hängt Japan sowieso eng am ungeliebten Nachbarn. Der Handel zwischen beiden Ländern hat sich über zehn Jahre auf mehr als 34 Milliarden US-Dollar verdreifacht. China ist Japans größter Exportmarkt, die Japaner haben im vergangenen Jahr 12 Milliarden Dollar in China investiert.

»Im Moment planen japanische Unternehmen Rekordinvestitionen«, sagt Martin Schulz vom Fujitsu Research Institute in Tokio, »und dafür ist nun mal China der wichtigste Markt. Vor Jahren hat man dort Maschinen verkauft, doch jetzt ist alles zunehmend von Konsumenten und Stimmungen getragen.« Sprich: Der Konflikt und die Sorgen um noch größere Auseinandersetzungen in der Zukunft richten echten wirtschaftlichen Schaden an.

Ein paar Beispiele: All Nippon Airways erwägt Stornierungen. Japan Airlines will seine täglichen Flugangebote nach China bis Ende Oktober verringern. In den vergangenen Tagen hatten 12.000 Kunden Flüge von oder nach China bei Japan Airlines gecancelt. Und Japans Hoffnungsträger, die Autoindustrie, ist hart getroffen. Toyota, Honda und Nissan hatten größere Kapazitäten in China aufgebaut. Aber jetzt mussten nach Informationen der Bank of America japanische Autobauer in Verkaufsräumen in der chinesischen Provinz Guangdong einen Absatzrückgang von 60 Prozent hinnehmen. Vielen Verbrauchern sei signalisiert worden, keine japanischen Autos zu kaufen, wenn sie Probleme vermeiden wollten. Etwa an Tankstellen, wo möglicherweise kein Benzin an sie ausgegeben werde. He Maochun, Ökonom an der Tsinghua-Universität, glaubt gar, dass einige japanische Firmen China verlassen müssen.

Das alles ist durchaus auch zum Schaden der Chinesen selbst. Japanische Niederlassungen in der Volksrepublik verkaufen alles von Autos bis Konsumelektronik, man schätzt sehr die japanische Qualität. Und natürlich wird ein großer Teil japanischer Güter von chinesischen Arbeitern mit lokalen Materialien gefertigt. Ein Boykott japanischer Waren trifft also so oder so auch die chinesische Wirtschaft. Und China kann sich das nicht unbedingt leisten: Nach Jahren des Turbowachstums droht dort gerade eine schnelle Abkühlung der Konjunktur. Der Handelsbilanzüberschuss ist kollabiert, manche Leistungsträger verlassen das Land, Kapital fließt ab. In Peking sorgt man sich eigentlich darum, dass Direktinvestitionen aus dem Ausland zurückgehen könnten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio