KomödieSoll das ein Witz sein?

Meryl Streep und Tommy Lee Jones kämpfen sich durch die Sex-im-Alter-Komödie "Wie beim ersten Mal". von Ingeborg Harms

Der Originaltitel von Wie beim ersten Mal ist noch sentimentaler als die Übersetzung. Die mit Tommy Lee Jones und Meryl Streep hochgradig besetzte Ehekomödie heißt Hope Springs, zu Deutsch "Hoffnungsquellen". Das ist nicht nur der fiktive Ort in Maine, an den sich Kay und Arnold zur Paartherapie begeben, der Titel deutet auch den evangelikalen Optimismus des Drehbuchs an, den beide Stars auf ihre Weise ad absurdum führen. Die Handlung versetzt sie ins tiefste Amerika , nach Nebraska, wo sich die Feier ihres einunddreißigsten Hochzeitstags auf die Erneuerung des Pay-TV-Abos beschränkt. Dabei ist der Fernseher ausschließlich Arnolds Domäne. Abend für Abend schläft er vor einer Golfsendung ein, in der ein Coach den perfekten Hüftschwung vormacht. Und wenn sie allmorgendlich ein Ei in die Pfanne schlägt und Arnold sich hinter der Zeitung vergräbt, dann wissen wir, es herrscht der Fluch der ewigen Wiederkehr.

"Ist etwas mit deiner Heizung?", fragt Arnold, als Kay zu später Stunde in einer Vamp-Robe aus Hollywoods besten Zeiten an seinem Bett erscheint. Das Kleid ist in jenem Cölinblau eingefärbt, dessen Begriff in Der Teufel trägt Prada für die Sachkompetenz der von Meryl Streep gespielten tyrannischen Chefin eines New Yorker Modemagazins steht. David Frankel, der schon dort Regie führte, hat auch in diesem Film auf Streeps weiblichen Machiavellismus gesetzt. Allerdings ist er auf die subtilen Frequenzen einer amerikanischen Vorstadtgeisha heruntergedimmt, auf die feine Kunst des Jiu-Jitsu, der bewährten Samurai-Technik, durch Nachgeben zu siegen. Dass sie in einer Boutique den lieben langen Tag Pullover faltet, ist dieser Meisterstrategin kaum abzunehmen. Im Vorstand eines börsennotierten Unternehmens wäre sie glaubhafter gewesen. Nur hätte das die für das Happy End konstitutive Prämisse noch absurder gemacht, dass keiner von beiden in dreißig Jahren Ehe je an einen Seitensprung gedacht hat. Das Äußerste, was Arnold mit zähneknirschender Genugtuung gesteht, ist die Fantasie von einem Dreier mit der Nachbarin.

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"Selbst gute Ehen müssen furchtbare Jahre durchleben", erklärt Doktor Feld, den Steve Carell mit der entwaffnenden Sportlichkeit eines Mister-Bean-Zwillings spielt. Solche grimmigen Mutansagen mögen im Mittleren Westen noch ihre Abnehmer finden, aber zeigen sie wirklich den Stand der Dinge an? Dass Arnold sich von den niedlichen Häusern in Hope Springs an Hänsel und Gretel erinnert fühlt, spricht Bände. Stress nistet sich in Ehen ein, weil sie sich ihre Metamorphose in eine Bruder-Schwester-Beziehung nicht eingestehen. Doch in der Welt von Hope Springs ist Sexualität nicht die Urgewalt, mit der sich nicht handeln lässt, sondern eine per Trauschein verbriefte Reserve, die man nur behutsam freilegen muss; Dr. Feld spricht von abzutragendem Narbengewebe.


All das wäre schwer erträglich, wenn Tommy Lee Jones seinen Arnold nicht wie ein ins Einfamilienhaus verirrtes Mitglied des Rat Pack spielen würde, jener glamourösen Generation amerikanischer Männer, die sich durch zu viel Whiskey, Glücksspiel, Drogen und leichte Mädchen selbst abschaffte. Wenn Kay ein weiblicher Wolf im Schafspelz ist, dann ist ihr Ehegatte ein Dean-Martin-Revenant im Prokrustesbett der Biederkeit. Es ist eine Wonne, ihm dabei zuzusehen, wie er sich auf der Therapeutencouch windet, ein Augenlid wie ein Kampfhund hebt und mit verquälter Wut seine Bügelfalte plättet, als Doktor Feld nach unausgelebten Fantasien fragt. "Das ist ein Witz, oder?", kommt es wie aus der Pistole geschossen. "Wollen Sie die ganze Liste?" Sein Sarkasmus rettet uns über die Szenen, in denen das Paar seine Hausaufgaben in Angriff nimmt. "Möchtest du anfangen?", fragt Kay, als es an den Oralsex geht. "Das ist Jacke wie Hose", knurrt Arnold mit der Kinnladenbewegung eines Profiboxers. Streep hingegen ist nicht einmal dann lustig, wenn man ihr eine Banane als Requisit in die Hand drückt. Ihre Slapstick-Einlage auf dem Klo mit Lehrbuch und gebogener Südfrucht reicht gerade für ein müdes Lachen. Als zum ersten Mal das Wort "Orgasmus" fällt, knöpft sie sich die Jacke zu.

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Es ist schwer zu sagen, wann der Film spielt. Auf Kays Geständnis, sie habe die Therapie schon von ihrem Ersparten bezahlt, wettert Arnold: "Wie bist du denn da rangekommen?!" Eine Ehefrau ohne Bankzugang datiert die Handlung um fünfzig Jahre zurück. Dass Die Caine war ihr Schicksal im Fernsehen läuft, hilft nicht weiter. Kays Vorliebe für große Drucke im Pucci- und Laura-Ashley-Stil verweist auf die siebziger und achtziger Jahre. In Wahrheit jedoch spielt Wie beim ersten Mal in einem puritanischen Disneyland, wo man daran glaubt, dass Sex eine ebenso durch Technik und Verstand steuerbare Maschine wie eine Geister- oder Rollercoasterbahn ist. "Soll das ein Witz sein?", möchte man mit Arnold fragen, als das Paar nach jüngster amerikanischer Mode im Schlussbild sein Eheversprechen erneuert.

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Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Danke für die Rezension, ich hab' sie gern gelesen, d.h. ausführlich, jeden Satz. Und ich kann mich echt nicht erinnern, wann ich das das letzte Mal gemacht habe! Also Filmkritiken lesen und nicht einfach drüberfliegen, weil die Texte wirken, als hätte man sie direkt aus der Werbebroschüre des Verleihers übernommen.

  2. auch wenn das Buch "Müll" ist.
    Ist eben einer der ganz wenigen "Typen" in Hollywood.

    • Hagmar
    • 27. September 2012 20:03 Uhr

    ...aufgestanden und nach Hause gegangen. Sowas von öde.

  3. ...und ich habe ihn gesehen. Und ja...das einzige was mich daran freut ist, dass ich jetzt die Rezension mit dem Film vergleichen kann. Und ja: Die Rezension bringt es auf den Punkt: Das Bühnenbild und die Ausstattung sind Camouflage; in Wirklichkeit spielt der Film
    "in einem puritanischen Disneyland, wo man daran glaubt, dass Sex eine ebenso durch Technik und Verstand steuerbare Maschine wie eine Geister- oder Rollercoasterbahn ist."
    Also heute.

    Der typische Hollywood-Therapie-Happy-End-Scheiß. Und bald werden uns auch deutsche Filmemacher mit solchem Müll bombardieren: Sex im Alter. Das ist ja jetzt schon das ewige Thema im Fernsehen, im Radio, in der der Rentner-Bravo (Apothekenzeitung) und wahrscheinlich auch beim Urologen. Ich sag's mal mit dem alten Bukowski: Das Währungssystem Möse wird leider hoffnungslos überschätzt.

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.9.2012 Nr. 40
  • Schlagworte Meryl Streep | Tommy Lee Jones | Kampfhund | Komödie | Prada | USA
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