ExpeditionAm Ende der Eiszeit

Meldungen über die Erwärmung der Arktis sorgen für Schlagzeilen. Aber wie verändern sich Strömungen und Klima jenseits des Polarkreises tatsächlich? Wie mühsam die Suche nach Antworten ist, zeigt eine Fahrt auf dem Forschungsschiff "Polarstern". von 

Spitzbergen

Ein Blick auf Spitzbergen am Arktischen Ozean  |  © Berit Roald/AFP/Getty Images

Es poltert und braust, kracht, dröhnt und hallt. Stahl rammt ins Eis, Schollen bersten, Brocken prallen gegen den Schiffsrumpf. Die Polarstern bahnt sich ihren Weg durch das Packeis, von Spitzbergen schiebt sich der Eisbrecher nach Westen auf Grönland zu.

Einen Monat lang sind 45 Wissenschaftler auf Deutschlands größtem Forschungsschiff unterwegs, weit jenseits des Polarkreises. Hier geht im Sommer die Sonne nicht unter. Und Land ist keines in Sicht, wochenlang sieht man nur Wasser und Eis. Der Seeweg zwischen Spitzbergen und Grönland, die Framstraße, ist der einzige tiefe Zugang zum Polarmeer. Deshalb haben die Forscher dort eine ganze Kette von Messinstrumenten im Meer versenkt. Damit wollen sie klären: Wie viel Wasser strömt in die Arktis? Wie warm ist es? Und vor allem: Wie wirkt sich der Klimawandel aus? Hier, auf 78° 50' Nord, fühlt die Wissenschaft der Arktis den Puls.

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Hier sind die Temperaturen in den vergangenen 50 Jahren doppelt so stark gestiegen wie im weltweiten Durchschnitt. Die Arktis gilt deshalb als Frühwarnsystem für den Klimawandel. Zudem wird immer deutlicher, wie groß der Einfluss der Ozeane auf das Klima ist. Sie bedecken zwei Drittel der Erdoberfläche, eine gigantische Wassermasse. Diese kann enorm viel Wärme speichern; sie verleiht damit dem Klimasystem eine gewisse Trägheit – es bekommt ein Gedächtnis. Der Puls der Weltmeere geht langsam, und er hallt lange nach.

Labor auf See

Seit 1982 pendelt die »Polarstern« zwischen den Polen: Im Sommer wird in der Arktis geforscht, im Winter in der Antarktis. Neun Labore sind an Bord, zusätzlich können Laborcontainer untergebracht werden. Das Forschungsschiff ist an rund 320 Tagen im Jahr auf See – ein einziger Tag kostet mehr als 50.000 Euro. Vor allem der Treibstoffverbrauch schlägt zu Buche. Frühestens 2016 soll der Eisbrecher von der »Polarstern II« abgelöst werden, sie wird voraussichtlich 450 Millionen Euro kosten.

Im Klima-Schocker The Day After Tomorrow spielt eine Meeresströmung gar die Hauptrolle: Der wärmende Golfstrom wird vom Schmelzwasser grönländischer Gletscher ausgebremst, die Welt erstarrt zu Eis. »Das ist völlig übertrieben«, sagt Agnieszka Beszczynska-Möller, und ihre Mundwinkel zucken ungeduldig. Die Meeresforscherin vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven leitet die Expedition der Polarstern. Und wenn sie eines nicht ausstehen kann, sind es wissenschaftliche Kurzschlüsse: »Es ärgert mich, wenn sich die Leute nur einzelne Fakten herauspicken und nicht das ganze Bild sehen wollen.«

Das ganze Bild – oder zumindest ein möglichst genaues – wollen sich die AWI-Forscher in der Framstraße machen. Die Reporterin ist als Gast an Bord. »Früher konnten wir nur im Sommer mit dem Schiff herkommen und messen«, erzählt Beszczynska. »Aber das waren bloß Schnappschüsse.« Die fest verankerten Geräte dagegen zeichnen jede Stunde Strömung, Temperatur und Salzgehalt auf, sommers wie winters.

Die Framstrasse
Klicken Sie bitte aus die Grafik, um die Karte zu öffnen

Klicken Sie bitte aus die Grafik, um die Karte zu öffnen  |  © ZEIT-Grafik

Die Framstraße ist ein unwirtliches Forschungsgebiet: Oft peitscht schweres Wetter die Grönlandsee auf, das halbe Jahr über ist es stockfinster, und dann ist da noch das Eis. »Wir können keine Geräte an der Oberfläche aussetzen, keine Bojen, die Daten nach Hause schicken«, erklärt Beszczynska. »Das Treibeis würde sie einfach abräumen.« Deshalb müssen die Forscher ihre Instrumente auf dem Meeresgrund verankern und Jahr für Jahr austauschen, um an ihre Daten zu kommen.

10 Uhr, auf der Brücke der Polarstern. »Fast 80 Prozent Eisbedeckung«, sagt Matthias Monsees. Er ist für die Verankerungen zuständig. Seit zwei Wochen sind die Wissenschaftler unterwegs; je weiter sie in Richtung Grönland vordringen, desto dichter wird das Packeis – und desto schwieriger ist es, die Geräte zu bergen. Gleich ist Verankerung Nummer 9 dran, Position: 78° 50' Nord, 0° 49' West. »Zwei Kabel noch«, sagt Kapitän Stefan Schwarze. Aber als das Schiff die Stelle erreicht, liegt genau dort eine Eisscholle. »Die machen wir kaputt«, befiehlt der Kapitän. »Dreimal rüberfahren.«

Leserkommentare
  1. sofern Sie sich für zweckmäßiges Temperaturmonitoring im Meerwasser interessieren, hab ich hier eine Empfehlung:

    http://www.argo.ucsd.edu/

    MfG KM

  2. "Am Ende der Eiszeit - Meldungen über die Erwärmung der Arktis sorgen für Schlagzeilen."

    Wäre doch nett, wenn der Leser auch noch erführe, dass es derzeit am Südpol dafür soviel Eis gibt, wie noch nie seit Aufzeichung gemessen wurde. Trend zunehmend.

    OK, hab das auch nur aus den Nachrichten, von da:
    http://www.spiegel.de/wis...

    Übrigens ein schöner Artikel, hab's gern gelesen. Danke.
    aj

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    In der Antarktis gibt es mehr Eis als vor 30 Jahren. Ist die Erderwärmung womöglich doch nicht so schlimm? Ein Experte äußert eine klare Meinung: „Unsinn!“

    http://www.taz.de/Eis-Max...

    • Ascag
    • 08. Oktober 2012 9:59 Uhr

    Ich selbst war nie mit auf der Polarstern dabei, kenne aber einige Leute die als Doktoranden mit auf Tour waren.

    An weiteren Begegnungen zwischen der Mannschaft und den Forschern möchte ich noch das legendäre traditionelle Fußballspiel "Mannschaft vs. Wissenschaft" erwähnen, was zumindest in den 90ern abgehalten wurde wenn die Polarstern die Neumayerstation in der Antarktis angelaufen hatte, wo auf dem antarktischen Eis in Thermoparkas gekickt wurde, und regelmäßig neugierige Pinguine als Zuschauer vorbeikamen.

  3. In der Antarktis gibt es mehr Eis als vor 30 Jahren. Ist die Erderwärmung womöglich doch nicht so schlimm? Ein Experte äußert eine klare Meinung: „Unsinn!“

    http://www.taz.de/Eis-Max...

  4. Eine Statistik kann sich nicht "auswirken". Vor allem, wenn sie auf einem mangelhaften Datensatz beruht. Der Bericht zeigt sehr schön, daß genaue Messdaten erst langsam und mühsam beschafft werden müssen. Der politische Kampfbegriff "Klimawandel" ist durch die Wissenschaft nicht gedeckt. Er dient nur dazu parteipolitische und finanzpolitische Interessen hinter einer Wissenschaft zu verstecken, die selbst ganz am Anfang steht.

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