SchifffahrtVorwärts in der Flaute

Mitten in der größten Krise der Schifffahrt gründen zwei junge deutsche Unternehmer eine Reederei. Was folgt, ist spannend wie ein Krimi. von Pierre-Christian Fink

Am 23. Juli 1998, dem ersten Tag seiner Sommerferien, steigt Alexander Tebbe im Hamburger Hafen die Gangway zu einem Frachtschiff hinauf. Das Schiff trägt 700 Container, ist schwarz-gelb gestrichen und heißt MS Borussia Dortmund. Der Sohn des Reeders ist Tebbes Freund, und er ist Dortmund-Fan. Die beiden sind in derselben Pfadfindergruppe. So kommt Tebbe mit 16 Jahren auf die MS Borussia Dortmund.

Drei Wochen lang fährt er auf dem Containerschiff nach Sankt Petersburg und zurück. »Die meiste Zeit habe ich auf der Toilette verbracht«, sagt Tebbe. »Seekrankheit.« Als die MS Borussia Dortmund wieder in Hamburg anlegt, weiß Tebbe, dass aus ihm kein Kapitän wird.

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Er will Schiffe steuern, aber vom Land aus.

Knapp zehn Jahre später arbeitet Tebbe im vierten Stock der Reederei Ernst Russ an der Hamburger Außenalster. Am Schreibtisch gegenüber sitzt Lucius Bunk. Abends sind die beiden zu Cocktails und Sushi ins Hotel Atlantic eingeladen. Sie hören, wie sich Reedereiangestellte unterhalten: »Hätten wir uns doch selbstständig gemacht!« Anfang 2002 hatte der Hamburg Index für die Charterraten großer Containerschiffe bei 4 Punkten gelegen. Jetzt, im Juli 2007, steht er bei 14 Punkten.

»Für mich war damals schon klar: Wenn ich mich eines Tages selbstständig mache, dann nur zusammen mit Lucius«, sagt Tebbe und fügt hinzu: »Wir haben eine Streitkultur und eine Bierkultur entwickelt.« Bunk sagt: »Als ich Alex getroffen habe, wusste ich sehr schnell: Das passt.«

Mit einem Stückgutfrachter fangen sie ihr Geschäft an

Als im September 2008 die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbricht, frieren viele Banken ihr Schiffsgeschäft ein. Bis Anfang 2010 sinkt der Hamburg Index auf 3 Punkte. Viel schlimmer kann es kaum kommen. Tebbe ruft bei Bunk an, der inzwischen in Shanghai arbeitet. »Ist jetzt wieder der richtige Zeitpunkt? Werden wir in fünf Jahren sagen: ›Hätten wir uns doch bloß selbstständig gemacht!‹?«

Am 4. Oktober 2010 gehen die beiden in das Hamburger Notariat an den Alsterarkaden und gründen ihre eigene Reederei. Sie stecken alles, was sie in den Boomjahren gespart haben, in ihr Unternehmen. Da ist Bunk 31, Tebbe 28.

Die beiden suchen nach einem Weg, wie sie sich in der Branche etablieren können: Sie wollen bescheiden sein, aber nicht schäbig. Jung, aber nicht unreif. Sie mieten ein Büro, 25 Quadratmeter mit Blick auf die Mülltonnen im Innenhof, aber es liegt in einem Haus an der Binnenalster, neben dem Sitz der Hapag-Lloyd, die auf das Jahr 1847 zurückgeht. Sie richten eine Facebook-Seite für ihr Unternehmen ein, aber nennen es nach Goethes Faust Auerbach Schifffahrt. Sie tragen im Büro Turnschuhe, aber bei Geschäftsterminen Manschettenknöpfe in Form eines Ahornblatts, des Logos ihrer Reederei.

Wie man auftritt, ist wichtig in einer Branche, die über Beziehungen funktioniert. Für Frachtschiffe gibt es keine Zeitungsanzeigen, kein Internetportal. Es kommt darauf an, den richtigen Tipp zu bekommen. Die Chancen steigen, je mehr Kontakte man pflegt. Bunk und Tebbe verabreden sich zum Businessfrühstück, zum Businesslunch, zum Kaffee. Jede Woche mindestens zehn Termine.

Ende Januar 2011 bekommt Bunk einen Anruf von einem Reeder aus Dänemark. »Der sagte: ›Ich habe da von einem Schiff gehört, der Honest Rays. Das ist genau, was ihr sucht.‹« 120 Meter Länge, 5300 PS Motorleistung, 12.000 Tonnen Tragfähigkeit. Kein Containerschiff, wie es die meisten deutschen Reeder bevorzugen. Sondern ein Stückgutschiff, das transportiert, was nicht in Container passt. Auf diese Nische setzen Tebbe und Bunk.

Die Besitzer der Honest Rays müssen verkaufen, weil sie sonst ihren Kredit nicht mehr bezahlen können. Fünf Jahre zuvor haben sie das Schiff für rund 20 Millionen Euro bauen lassen. Jetzt geben sie sich mit etwa 10 Millionen Euro zufrieden. Nur schnell muss es gehen. Sie brauchen das Geld im März.

Leserkommentare
    • alkyl
    • 11. Dezember 2012 12:13 Uhr

    Schade, dass ich sie erst heute gefunden habe.

    Ich finde, das Wichtigste ist, dass die beiden Herren sich der Mahnung der "Beluga"-Geschichte bewusst bleiben, wenn sie weiter erfolgreich sind. Der ehemalige "Beluga"-Reeder ist über sein Geld größenwahnsinnig geworden. So weit, dass er sogar glaubte, damit eine ganze Insel samt Bewohnern und Urlaubern kaufen zu können. Gut, dass das letztlich nicht funktioniert hat. Schlecht für all die Menschen, die mit ihrer Arbeit seine Reederei erst zum Erfolg geführt hatten.

    • hareck
    • 11. Dezember 2012 12:14 Uhr

    und tatsächlich sehr spannend geschrieben.

    Illustriert wunderbar den Kick des Unternehmertums...kein Wunder, dass in manchen Büros das Licht noch so spät an ist.

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