Bioeier : Welches Ei darf’s noch sein?

Bioeier sind in Verruf geraten. Worauf man beim Kauf achten muss, zeigt die Visite einer großen Hühnerfarm.

Routiniert schlägt Thomas Häde ein Ei auf. Es kam soeben über ein Förderband fast huhnwarm aus dem Stall. »Hier, probieren Sie«, sagt er. Es kostet Überwindung, – doch dann denkt man an Rocky Balboa vor seinem entscheidenden Boxkampf und schluckt. Und staunt. Lecker! Wie Frühstücksei. Mit zartem Oregano-Aroma.

Muss so ein frisches Bioei schmecken? Und kann man bei dessen Verzehr wirklich ein rundum gutes Gewissen haben? Thomas Häde ist zwar mit seinen 43.000 Hennen noch keiner der Großen der Eierbranche, bei denen geht das Geschäft mit 100.000 Hennen gerade erst los. Doch auch bei einem eher mittelgroßen Bioeierproduzenten ist neuerdings Skepsis angebracht. Bioeier sind nämlich in Verruf geraten. In den vergangenen Monaten häuften sich Berichte über Bioeierhöfe, die von Amts wegen geschlossen wurden, weil sich Spuren von Dioxin und ähnlichen Giften in den Eiern fanden. Im Fernsehen waren Bilder zu sehen, die man so schnell nicht loswird: Man sah fast federlose, blutige Hühner, lebend zwar, aber schon wie Suppenhühner wirkend, die zwischen toten Hühnern herumliefen.

Die Aufnahmen waren heimlich auf ostdeutschen Bauernhöfen gemacht worden – und sie zeigten nicht etwa die Zustände in bösen Industriebatterien, sondern das Leben angeblich glücklicher Biohühner. Seither fragt sich der Kunde verunsichert: Ist Bio wirklich besser? Zu allem Überfluss veröffentlichte kürzlich die kalifornische Stanford-Universität eine Studie, der zufolge Biolebensmittel nicht einmal gesünder als konventionell hergestellte sind. Was also unterscheidet da noch das normale vom Bioei?

Recht voll hier: Sechs Biohühner teilen sich einen Quadratmeter

Tatsächlich sind Bioartikel längst keine Nischenprodukte mehr. Auch Aldi, Lidl und Co. bieten heute entsprechende Lebensmittel an, versehen mit Siegeln wie BioBio, BioTrend oder GutBio. Über die Hälfte der in Deutschland verkauften Biokost geht heute beim Discounter über den Ladentisch. Und die steigende Nachfrage führt beim Erzeuger fast zwangsläufig zur Massenproduktion – und damit zu ähnlichen Problemen wie in der konventionellen Landwirtschaft. Welche Folgen das hat und wie man ihnen begegnet, lässt sich exemplarisch auf Thomas Hädes Hof studieren.

In Alheim, Altkreis Rotenburg an der Fulda. Der Ortsteil Heinebach hat einen Landhandel, eine Spedition, einen Solarhersteller – und sehr viele Hühner. Lässt man den Blick hügelan schweifen, sieht man bis zum Waldrand Ställe, Wiesen und überall weiße oder braune Hühner. »Hühnerberg« sagen die Leute. Sie hören das Gegacker nicht erst seit gestern. Seit 1927 ist Heinebach ein Hühnerdorf. Zunächst züchtete Hädes Opa Leonard Legehühner und verkaufte sie. Später behielt dessen Sohn Albert einige der Hühner und verkaufte ihre Eier. Anfang der Siebziger, als es gerade die ersten Bioläden gab, war Albert einer der Pioniere in Sachen Bioei.

Damals wollten die Reformhäuser gesunde Eier von glücklichen Hühnern ins Sortiment nehmen. Also karrte Thomas Hädes Vater die Reformhäusler mit Sonderzügen und Bussen aus dem ganzen Bundesgebiet nach Heinebach – und machte Eindruck. Seit dieser Zeit finden sich die Häde-Eier in den meisten Reformhäusern als Bioeier unter der Marke Heirler. Als »Sonnenei« begegnen sie einem auch in Geschäften und auf Wochenmärkten bis hin nach Frankfurt.

Zum Beginn des Rundgangs auf seinem Hof schlägt Thomas Häde gleich als Erstes einen Besuch bei seiner heikelsten »Herde« vor: 2.500 Vögel, fast am Ende ihrer Legetätigkeit, mithin kurz vor dem Ende ihres Lebens. Wer Bilder von zerrupften, federlosen Hühnern sucht, findet sie am ehesten hier. In 12 bis 14 Monaten legen die Tiere zwischen 280 und 350 Eier – danach sind sie ihr Futter nicht mehr wert. Die höchstens eineinhalb Jahre alten Hühner kommen nun auch beim Biobauern in den Topf (genauer: Der Schlachthof bekommt sie für 14 Cent das Kilo. Aus Biohühnern wird Katzenfutter).

Anzeige

Stellenangebote in Wissenschaft & Lehre

Entdecken Sie Jobs mit Perspektive im ZEIT Stellenmarkt.

Job finden

Kommentare

66 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Dafür sollte das Siegel da sein!

Im Infokasten steht und so ähnlich auch im Text formuliert: "Wer ans Huhn denkt, sollte nicht auf Biosiegel schauen – sondern seinem Bauern auf die Finger."
Wenn ein Hof mit 43.000 Hennen eher ein kleiner oder mittelgroßer Betrieb ist, wie soll ich denn da als einzelner Endverbraucher einen Überblick haben?
Soll nun jeder Privathaushalt zu den Höfen pilgern, die erstmal alle in Erfahrung gebracht werden müssen, dort ein Besuchsrecht einfordern und in die Ställe schauen?
Ich finde der Vorwurf, man kümmere sich nicht genug um die Herkunft seiner Lebensmittel, ist obsolet und falsch adressiert.
Wenn so ist, dass ich jedem Bauern "auf die Finger schauen" muss, ja, dann kann ich meinen Job an den Nagel hängen, meine Familie vernachlässigen und jeden Tag quer durch Deutschland reisen, um zu wissen, was abgeht.
Diese Siegel sollen eben genau das gewährleisten: "Zufriedene" Tiere, gesundes Essen ohne schädliche Zusatzstoffe. Dafür muss es mehr Kontrolle geben, sicher. Das müssen aber die Länder gewährleisten oder meinetwegen die Ketten, die die Produkte vertreiben. Und es muss Konsequenzen geben: Wenn ein Hof auffällig wird, dann muss es sofort Sanktionen geben. Wenn die Bio-Eier dann wieder von 15 Cent auf 25 steigen - O.K., ich denke da gehen viele noch mit. Die, die nicht so viel ausgeben können, hätten vorher ja auch keine Bio-Eier für 15 Cent bekommen, die sich von denen aus Freilandhaltung qualitativ abheben.

Bezeichnend

Wissen Sie, so sehr sie auch Recht haben mit der Feststellung, dass es sich viele Arbeitende überhaupt nicht erlauben können, ihr Essen genau zurückzuverfolgen bis zum Ursprungsprodukt, so sehr ist diese Aussage, distanziert betrachtet, doch auch irgendwie erschreckend und zeigt, was für eine fast schon perverse Einstellung wir zu dem bekommen haben, was uns tagtäglich ernährt.

Tausende Hühner, die in einem Käfig herumrennen, Futter vom Band fressen und denen ihre Eier per Fließband wegtransportiert werden, damit es am Sonntag in deutschen Haushalten ein Frühstücksei gibt.

Seriously?

Da haben Sie einen sehr treffenden Kommentar verfasst,

nicht umsonst ist ein Großteil der Berichterstattung in Qualitätsmedien mit der Verdrängung der Realität beschäftigt.
In der Realität geht nun mal ein Großteil der Konsumenten nach dem Preis, und der wird von den Discountern und ihrer Nachfragemacht bestimmt. In der Realität gibt es einererseits die endlose Flut von Berichten über Lebensmittelskandale unhd auf der anderen Seite nur einen sehr kleinen Anteil von Käufern, die überhaupt Biowaren, handwerkliche, koschere/halal oder rein vegetarische Nahrungsmittel nachfragen, kombiniert dürfte der Anteil aller "ethisch orientierten Kunden" keine 10%* der Nachfrage bestimmen, in der "Zeit" aber vermutlich im Fokus von 90% der Berichterstattung stehen. Daher wird diese Minigruppe von Konsumenten eben mit einer Flut von Erwartungen überschüttet, die sie unmöglich erfüllen kann.
Ich selbst gehöre zwar ebenfalls zu die "Nischengruppe", die viel Aufwand mit ihrer Ernährung treibt, aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass die wichtigen Entwicklungen Agrar- und Lebensmittelsektor auf dem Massenmarkt der über 90% passieren. Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit, Welthunger - all diese Dinge haben mit den Vorlieben von uns Gastrosophen, Biokäufern etc. wenig zu tun.
Der obige Bericht ist daher zwar sehr interessant und gut geschrieben, aber immer nur an die Nische der "gehobenen Stände" adressiert.

*(0,1% Veganer, 1,6% Vegetarier, 0,6% halal, 0,6% Vollwert, 4% Bio-Marktanteil, Daten v. 2008/2009)

Das Problem ...

>> Tausende Hühner, die in einem Käfig herumrennen, Futter vom Band fressen und denen ihre Eier per Fließband wegtransportiert werden, damit es am Sonntag in deutschen Haushalten ein Frühstücksei gibt.

Seriously? <<

... ist: wenn ich bei jedem Lebensmittel so verfahre, steht gar nichts mehr auf dem Frühstückstisch. Selbst wenn man auf vegane Ernährung umstellt, müsste man noch überprüfen, woher Gemüse, Getreide, Honig usw. kommen und unter welchen Bedingungen sie erzeugt wurden. Das ist nicht zu bewältigen.

Wie in Kommentar #1 schon geschrieben ist der ursprüngliche Sinn der Siegel, dem Verbraucher diesen Aufwand abzunehmen.

Wenn Missbrauch betrieben wird, ist der Gesetzgeber gefordert, damit Bio-, Fair Trade und andere Siegel nicht zum reinen Marketinggag verkommen.

Seriously...

Ja, ich bin mir dieser Konsequenzen auch bewusst, versuche mich entsprechend zu informieren und zu ernähren.
Dennoch: Traue ich den Verbrauchern diese an sie gestellte Verantwortungshaltung in der Umsetzung und der Realität nicht zu.
Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil sie nicht können!
Unsere Gesellschaft und die darin anerkannten Normen und Werte basieren auf Vertrauen. Das wird, besonders in den Bereichen Ernährung, Pharmazie und Wirtschaft massivst auf die Probe gestellt und z-Z. immer wieder stark enttäuscht und abgebaut.
Klar gehe ich einmal die Woche zum Bauernmarkt um die Ecke, esse ca. (wenn überhaupt) einmal pro Woche Fleisch und versuche drauf zu achten, dass Gemüse und Obst aus der gegend kommen.
Aber seriusly... wie soll man das jedesmal, bei jedem Kauf mit gutem (nein - besser reinem!) Gewissen bewältigen?
Ich muss auf diese Siegel vertrauen können, ansonsten kann ich gleich die Ja!-Produkte nehmen und dabei noch etwas sparen. Ernsthaft.

Sie sollten

sich nicht auf dieses lasche Euro-Biosiegel verlassen. Eine gute Marke ist z.B. Bioland und demeter auf deren Internetseiten auch Bezugsquellen aufgeführt sind.
Aber das Euro-Biosiegel ist immer noch deutlich tierfreundlicher als die konventionelle Massentierhaltung!

Aber vergessen Sie bitte nicht: Alle diese Biotiere werden in denselben Schlachthöfen umgebracht u. genauso wie diese oft auch lebendig geschlachtet.
Besser Sie versuchen mit weniger Fleisch/Eiern auszukommen und irgendwann auf die vegetarische, vegane Ernährung umzustellen.
Gute Rezepte/Infos gibts hier:
http://www.mehr-als-rohko...
http://www.veganr.de/
wwww.albert-schweitzer-sti...

Zustimmung, aber

Das ist ja alles richtig. Deshalb war mein Kommentar ja auch keine direkte Aufforderung, ab morgen nur noch Steine und Gras zu essen, sondern lediglich ein am Beispiel der Legehennen bestens darstellbarer Appell, Nahrungsmittel (die, wie im Falle des Frühstückseis, eher zu den Genuss- anstatt Grundnahrungsmitteln zählen) in Hinblick auf Herkunft und Erzeugung so gut wie möglich zu hinterforschen.

Weniger

als 10% der Nachfragenden sind potentielle Kunden, und das sage ich als Nebenerwerbsbauer mit Freilandschweinen und Freilandgeflügel.
Max. 5% sind so ernsthaft an Qualität interessiert, daß sie sich auf den Weg machen und in ihrer Umgebung in vertretbarer Entfernung die gewünschten Produzenten ihrer Nahrung suchen und aufsuchen, um am Ende dieser Suche dann auch den angemessenen Preis für die entsprechenden Produkte zu zahlen.
Lediglich diese 5% sind bereit, am Aufbau genossenschaftlicher Netzwerke von Produzenten und Abnehmern mitzuwirken.
Die Klagen aller Qualitätsbewußten sind durchaus berechtigt, wenn über den Preis für Nahrungsproduktion hinaus noch weitere Kriterien gelten sollen. Machen Sie dann bitte als Abnehmer/-in und Genießer/-in den konsequenten nächsten Schritt. Schauen Sie in ihre Umgebung, und Sie werden fündig, weil viele kleine Produzenten von Nahrungsmitteln auf ihren Besuch warten.

arbeitsgeteilte gesellschaft

Wir leben in einer hoch spezialisierten und arbeitsgeteilten Gesellschaft, in welcher wir uns darauf verlassen müssen, dass der jeweils andere seinen Job regelrecht und zuverlässig macht. Ich muss mich als Patient darauf verlassen, dass der Arzt mich korrekt behandelt und nicht nur seinen neuen Mercedes mit meiner Bahndlung abzahlt. Ich müsste darauf vertrauen können, dass mein Bankberater mir nicht windige Finanzprodukte aufschwätzt, nur um eine Bonuszahlung zu kassieren. Ich müsste darauf vertrauen können, dass meine S-Bahn korrekt gebaut und gewartet wird, und nicht nur von der Deutschen Bahn zur Aufhübschung ihrer Bilanzen vor dem Börsengang missbraucht wird usw. usw.

Es ist völlig unmöglich, für jeden einzelnen Bürger, sich das Expertenwissen anzueignen und die Zeit aufzubringen, um dieses notwendige Vertrauen durch Kontrolle zu ersetzen. Das kann nur gemeinschaftlich, d.h. durch den Staat und seine Instanzen erfolgen. Es obliegt dem Staat, in einer solchen arbeitsgeteilten und vernetzten Gesellschaft--zumal im von Profitinteressen beherrschten Spätkapitalismus--das notwendige Vertrauen zu etablieren, aber dieser scheint sich in zunehmenden Maße aus dieser Verantwortung zu stehlen, unterfüttert von einer neoliberalen Propaganda des "schlanken Staats" und "Freiheit" von Bevormundung und Kontrolle.

Wer dem Staat durch Steuersenkungen bei gleichzeitiger Privatisierung von dessen Aufgaben die finanzielle Grundlage entzieht, zerstört sowohl Freiheit als auch Sicherheit.

Aus Biohühnern wird Katzenfutter.

Schon das zeigt, dass auch BIO am grundsätzlichen Irrsinn unserer landwirtschaftlichen Produktion und der Produktverwendung nichts ändert. Erhellend dazu die Lüge "alten Hühner kommen nun auch beim Biobauern in den Topf", die sich mit dem Vermerk "Katzenfutter" selbst überführt.
Da ändert auch der Aufbau einer "vertrauensvollen Lieferantenbeziehung" (fürs Verbraucher-Individuum ist das übrigens ein ziemlicher Akt über die Breite des Bedarfs) wenig. Die Welt der Nahrungsmassen sieht eben anders aus.

Wirtschaftssystem

Überraschung: auch Bio-Produzenten produzieren nichht im luftleeren Raum, sondern unter real-kapitalistischen Bedingungen, unterliegen mithin genau denselben Mechanismen von Konkurrenz und Profitinteressen wie der konventionelle Produzent auch.
"Bio" als bloßes Verkaufsargument führt natürlich zu diversen green-washings und eben auch fragwürdigen Bio-Produkten.
Der Verbraucher soll's nun richten: sich ordentlich informieren und gefälligst mehr zahlen.
Nicht etwa die Produktionsbedingungen sind scheinbar der Skandal, sondern daß "der Konsument" nicht nur gesund essen, sondern auch noch wohnen, sich kleiden und unterhalten will. Und das von durchaus begrenztem Budget...

Falscher Denkansatz

Der Verbraucher soll/muss gar nichts richten, sondern -Überraschung: Er will es richten. Er will auch mehr Geld bezahlen, denn ich z. B. halte es für pervers ein Hühnchen für 2 Euro zu essen (sind die wirklich soo billig?).
Das hier angesprochene Problem ist, dass es nicht damit getan ist Bioprodukte zu kaufen, sondern dass man eben leider noch etwas genauer hinschauen muss. Das Biosiegel unterliegt leider letztlich auch den Interessen der Nahrungslobby, so dass man hier wenig Hilfe erwarten kann.

Aber auf dem Wochenmarkt bzw. beim Biobauern/Biometzger in der Nähe müssten die meisten fündig werden, die sich etwas Zeit für die Suche nehmen. Und wenn man fündig wurde, ist es ja nur noch ein geringer Mehraufwand, Tierprodukte nicht im Supermarkt, sondern beim Händler seines Vertrauens zu kaufen. Das sollte zu schaffen sein für all diejenigen, die wirklich von der Sache überzeugt sind und nicht, wie hier von einem Vorkommentator treffend beschrieben wurde, einen Ablassbrief für ihr Konsumverhalten kaufen möchten.

Sie sind der der Skandal

Da Sie mit ihren Aussagen Lohndumping und menschenunwürdige Bezahlung zementieren.
Durch die Massenmenschhaltung mit schlechter Bezahlung und und und (Agenda 2010) werden solche Zustände zementiert.
Wenn alle gerecht und menschenwürdig bezahlt werden, könnten alle dazu betragen das die Tiere nicht gequält werden.
aber auch so ist der Konsument immer schuldig. Sie könnten ja auch mal Druck machen auf den Produzenten. Geht via Internet ziemlich gut und ihc habe durch aus positive Erfahrungen gemacht mit den Bioproduzenten. Leztens erst be Alnatura.

Pferd aufzäumen

Lohndummping betreiben, menschenunwürdige Löhne zahlen nunmal aber die Produzenten, und dies eben aufgrund der Konkurrenzsituation, in der sie sich befinden. "Wenn alle gerecht und menschenwürdig bezahlen" das ist keine Kategorie, mit der im Kapitalismus operiert wird, werden kann...Die Konsumenten in Summe werden immer weniger verdienen, als es zu kaufen gibt, das liegt in der Natur der Sache: die Differenz zwischen produzierten Werten und ausgezahlten Löhnen ist ja gerade der Profit der Produzenten! Die Konsumenten, die wirklch die Wahl haben, was sie nachhaltig und damit teurer konsumieren wollen, sind doch in der Minderheit. Ich sage ja nicht, das sich der Einzelne aus der Verantwortung stehlen soll, aber solange Sie nicht bereit sind, die Systemfrage zu stellen, zementieren Sie den status quo. Es gibt sehr wohl Alternativen, aber die liegen nicht in der Änderung des Einkaufsverhaltens, sondern der der Produktionsverhältnisse begründet. Nicht selbstbestimmtes Konsumieren, selbstbestimmtes Produzieren ist der Schlüssel. Selbstbestimmt, emanzipiert, bedürfnisorientiert statt fremdgesteuert, abhängig, profitorientiert!

Katzenfutter

Das wirklich skurrile an der Geschichte ist ja, dass das Katzenfutter dann auch das Siegel "Bio" trägt...

Aber mal zu der "artgerechten Haltung": Was soll an der Haltung von Hühnern "bio" sein, wenn die armen Viecher auch nur einen Lebensraum von der Fläche eines DIN-A3-Papiers zur Verfügung gestellt bekommen? Das ist zwar immer noch besser als "konvetionell", aber mit artgerecht hat das nichts zu tun. Man sollte sich eh nicht der Illusion hingeben, dass es möglich wäre, Deutschland mit artgerecht gehaltenem Fleisch zu versorgen. Diese Annahme zeigt immer wieder eine Arroganz der Biobildungsbürger, die sie jeder Zeit bereit sind, anderen scheinbar moralisch Unterlegenen aufs Brot zu schmieren.

1987?

Ist mir irgendwas entgangen? Seit 1987 bestimmt also der Konsument, was in welcher Form und Menge von wem unter welchen Bedingungen produziert wird?
Aus meiner Sicht ist es nachwievor so, das der Kapitaleigner bestimmt was er produziert, und da er sich in Konkurrenz zu anderen befindet, ist er gezwungen dies möglichst billig oder in immer neuer toller Form, mit entsprechendem Werbeaufwand auf dem Markt platziert, zu tun. Kein Konsument hat nach verwässerten Schnitzeln oder 5 Klingen am Rasierer geschrien! Wen sich das Kapital nach Ansicht des Kapitaleigners im Biosektor vermehren läßt, dann eben hier, wenn konventionell, dann hier...Egal in welcher Nische: Kapitalien konkurrieren miteinander über den Preis!

Was haben Sie eigentlich gegen Katzenfutter?

Haben Sie gedacht, die Hühner kommen am Ende Ihrer Legetätigkeit in ein Altersheim, wo sie in Ruhe ihren Lebensabend verbringen, bis sie eines natürlichen Todes sterben und würdig bestattet werden? Nein. Wer tierische Lebensmittel verzehrt wird damit klarkommen müssen, dass Tiere für ihn sterben. Bio ändert daran überhaupt nichts, und selbst Vegetarismun nur graduell: Weder Huhn noch Mensch kann überhaupt leben, ohne Ressourcen zu verbrauchen, die anderen Lebewesen ebenso gut oder ebenso wenig zustehen wie einem selbst.

Ich habe nicht gegen Katzenfutter

aber was haben Sie gegen vernünftigen Umgang mit Suppenhühnern?

Doch die erstaunte (und mit etwas seltsamen Unterstellungen verbundene) Frage zeigt ja nur, wie sehr wir uns in 2-3 Generationen von einer umfassenden Ausnutzung unseres Nutzviehs verabschiedet haben. Meine Großmutter noch hätte Ihnen was hinter die Ohren gegeben, für den Vorschlag, ein älteres Huhn der Katze zu geben. Die pflegte aus sowas Brühe zu kochen und 90% vom Huhn in die Suppe zu tun.
Aber reden Sie ruhig weiter über Ressourcenverbrauch.

okay, aber

da kann der Produzent doch nichts für. Wenn es einen Markt für so alte Suppenhühner gäbe würden die Hühner auch zweifellos dort landen. Oder meinen Sie nicht?

Im übrigen müssen Katzen auch was essen, und wenn man nicht so weit gehen will, die Hauskatzenhaltung insgesamt als Nahrungsmittelverschwendung zu betrachten, dann kann man ihnen vermutlich nichts ressourcenschonenderes geben, dal Fleisch, für das es anscheinend keinen Markt gibt.

Wenn es einen Markt gäbe ... bla bla

Wir sind mit unserer Nachfrage der Markt.
Wenn wir nur Hähnchenbrustfilet essen (und bitte billig aber Bio) und in Kauf nehmen, dass alles andere als minderwertig abgetan wird, dann ist es nicht der Markt, dann ist es unser Verhalten.
Und ja, es ist Nahrungsmittel-/Ressourcenverschwendung was mittlerweile im Tierfutter landet, von der Widernatürlichkeit bestimmter Futtermittel ganz zu schweigen (aber da verlassen wir das engere Thema Bio).

Nu ja

ohne jetzt den "Biohof" verteidigen zu wollen, aber ein "Masthuhn", das lediglich zum Verzehr gezüchtet, aufgezogen, geschlachtet und in den Supermarkt verfrachtet wird (um mal alle zu nennen, die an diesem Tier Geld verdienen wollen), mit einer Legehenne am Ende ihres Daseins zu vergleichen, ist ja wohl nonsens. Na kommen Sie drauf? ich helfe Ihnen mal mit dem Stichwort "Resteverwertung"...

Wir verlassen das Thema Bio schon lange

und nichts anderes wollte ich sagen.

Dass die Menschen nicht nur Hähnchenbrustfilets essen sollen, finde ich auch. Aber Sie und ich zusammen, wir werden nicht viel mehr als zwei Suppenhühner die Woche schaffen, auch wenn wir uns anstrengen. Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass Sie das Problem dem Produzenten der Bioeier anlasten wollen. Dabei produziert der eben nur Eier, und am Ende fallen tote Hühner an: Die kann er nun wegschmeissen oder dem verkaufen, der sie kaufen möchte, aber weder kann er alle selber essen, noch die Menschen dazu zwingen, es zu tun.

Oder wollen Sie sagen, niemand darf Tiere züchten und halten, von denen er nicht annehmen darf, dass sie am Ende gegessen werden? Dann darf man gar keine Eier mehr produzieren, Bio oder nicht.

Und wenn Sie das Argument "bla bla" für sich behalten könnten, wär's mir auch ganz recht.

Der mündige Bürger hat leider nciht die Zeit

bei jeder Sache mündig nachzuschauen.
Wenn zu jeden Produkt was ich kaufe eine große Odyssee starte, weil die Kennzeichnungen auf der Verpackung unzureichend sind, werde ich jemals fertig. Besonders wenn man in der Stadt wohnt...

Hauptproblem seh ich darin, dass man es den Produkten nie ansieht, wie es hergestellt worden ist. Es gibt eine große Anzahl Leute, die würden kein Billighuhn essen, wenn sie mal einen Schlachtbetrieb mit 30.000 Schlachtungen am Tag sehen würden. (Ich sehe Vergleiche zum Milgram Experiment. Man fühlt sich nicht verantwortlich, also ist es einen egal).

Der Preis machts?

Ich verstehe das Fazit des Artikels so, dass Dumpingpreise schlecht sind, egal ob Bio-dumping oder konventionell.
Dabei bleibt bei mir immer ein schaler Beigeschmack. Woher soll ich wissen, ob der Supermarkt das "Mehr" an Geld an den Bauern auch weitergibt, oder ob er nur Gewinnmaximierung betreibt?
Und weiter: Auch wenn es beim Bauern ankommt: Investiert er es in "glückliche Tiere", oder in einen neuebn Porsche?

Da ich diese Fragen nichtbeantwortet bekommen kann, ist es Vertrauenssache, ob sich der höhere Preis auch für mich "lohnt" - wobei lohnen in diesem Sinne ja was sehr abstraktes ist, weil ich mir ja eigentlich nur ein gutes Gewissen kaufe, ohne Gegenwert.

Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr kommt es einem biologischen "Ablasshandel" gleich, da man trotzdem nicht weiß, ob es den Tieren nützt.