BioeierWelches Ei darf’s noch sein?

Bioeier sind in Verruf geraten. Worauf man beim Kauf achten muss, zeigt die Visite einer großen Hühnerfarm. von 

Routiniert schlägt Thomas Häde ein Ei auf. Es kam soeben über ein Förderband fast huhnwarm aus dem Stall. »Hier, probieren Sie«, sagt er. Es kostet Überwindung, – doch dann denkt man an Rocky Balboa vor seinem entscheidenden Boxkampf und schluckt. Und staunt. Lecker! Wie Frühstücksei. Mit zartem Oregano-Aroma.

Muss so ein frisches Bioei schmecken? Und kann man bei dessen Verzehr wirklich ein rundum gutes Gewissen haben? Thomas Häde ist zwar mit seinen 43.000 Hennen noch keiner der Großen der Eierbranche, bei denen geht das Geschäft mit 100.000 Hennen gerade erst los. Doch auch bei einem eher mittelgroßen Bioeierproduzenten ist neuerdings Skepsis angebracht. Bioeier sind nämlich in Verruf geraten. In den vergangenen Monaten häuften sich Berichte über Bioeierhöfe, die von Amts wegen geschlossen wurden, weil sich Spuren von Dioxin und ähnlichen Giften in den Eiern fanden. Im Fernsehen waren Bilder zu sehen, die man so schnell nicht loswird: Man sah fast federlose, blutige Hühner, lebend zwar, aber schon wie Suppenhühner wirkend, die zwischen toten Hühnern herumliefen.

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Die Aufnahmen waren heimlich auf ostdeutschen Bauernhöfen gemacht worden – und sie zeigten nicht etwa die Zustände in bösen Industriebatterien, sondern das Leben angeblich glücklicher Biohühner. Seither fragt sich der Kunde verunsichert: Ist Bio wirklich besser? Zu allem Überfluss veröffentlichte kürzlich die kalifornische Stanford-Universität eine Studie, der zufolge Biolebensmittel nicht einmal gesünder als konventionell hergestellte sind. Was also unterscheidet da noch das normale vom Bioei?

Recht voll hier: Sechs Biohühner teilen sich einen Quadratmeter

Tatsächlich sind Bioartikel längst keine Nischenprodukte mehr. Auch Aldi, Lidl und Co. bieten heute entsprechende Lebensmittel an, versehen mit Siegeln wie BioBio, BioTrend oder GutBio. Über die Hälfte der in Deutschland verkauften Biokost geht heute beim Discounter über den Ladentisch. Und die steigende Nachfrage führt beim Erzeuger fast zwangsläufig zur Massenproduktion – und damit zu ähnlichen Problemen wie in der konventionellen Landwirtschaft. Welche Folgen das hat und wie man ihnen begegnet, lässt sich exemplarisch auf Thomas Hädes Hof studieren.

In Alheim, Altkreis Rotenburg an der Fulda. Der Ortsteil Heinebach hat einen Landhandel, eine Spedition, einen Solarhersteller – und sehr viele Hühner. Lässt man den Blick hügelan schweifen, sieht man bis zum Waldrand Ställe, Wiesen und überall weiße oder braune Hühner. »Hühnerberg« sagen die Leute. Sie hören das Gegacker nicht erst seit gestern. Seit 1927 ist Heinebach ein Hühnerdorf. Zunächst züchtete Hädes Opa Leonard Legehühner und verkaufte sie. Später behielt dessen Sohn Albert einige der Hühner und verkaufte ihre Eier. Anfang der Siebziger, als es gerade die ersten Bioläden gab, war Albert einer der Pioniere in Sachen Bioei.

Bioeier

Im Jahr legen allein deutsche Hennen 10 Milliarden Eier, und jeder Bundesbürger isst durchschnittlich 220. Der Bioanteil ist auf 7,5 Prozent gestiegen. Supermärkte und Discounter verkaufen davon 70 Prozent, sie zwingen die Hersteller, billig zu produzieren.

Folge: Statt für 35 Cent im Bioladen ist ein Ei schon für 15 zu bekommen. Von Bauernhofidylle darf man dabei nicht träumen. Eine halbe Million Bioeier kommt täglich allein von Wiesengold Landei in Twistringen.

Selbst wenn solche Massenproduktion den Bio-Mindestanforderungen genügt – Gewähr für artgerechte Tierhaltung bietet sie nicht. Wer ans Huhn denkt, sollte nicht auf Biosiegel schauen – sondern seinem Bauern auf die Finger.

Damals wollten die Reformhäuser gesunde Eier von glücklichen Hühnern ins Sortiment nehmen. Also karrte Thomas Hädes Vater die Reformhäusler mit Sonderzügen und Bussen aus dem ganzen Bundesgebiet nach Heinebach – und machte Eindruck. Seit dieser Zeit finden sich die Häde-Eier in den meisten Reformhäusern als Bioeier unter der Marke Heirler. Als »Sonnenei« begegnen sie einem auch in Geschäften und auf Wochenmärkten bis hin nach Frankfurt.

Zum Beginn des Rundgangs auf seinem Hof schlägt Thomas Häde gleich als Erstes einen Besuch bei seiner heikelsten »Herde« vor: 2.500 Vögel, fast am Ende ihrer Legetätigkeit, mithin kurz vor dem Ende ihres Lebens. Wer Bilder von zerrupften, federlosen Hühnern sucht, findet sie am ehesten hier. In 12 bis 14 Monaten legen die Tiere zwischen 280 und 350 Eier – danach sind sie ihr Futter nicht mehr wert. Die höchstens eineinhalb Jahre alten Hühner kommen nun auch beim Biobauern in den Topf (genauer: Der Schlachthof bekommt sie für 14 Cent das Kilo. Aus Biohühnern wird Katzenfutter).

Leserkommentare
  1. Im Infokasten steht und so ähnlich auch im Text formuliert: "Wer ans Huhn denkt, sollte nicht auf Biosiegel schauen – sondern seinem Bauern auf die Finger."
    Wenn ein Hof mit 43.000 Hennen eher ein kleiner oder mittelgroßer Betrieb ist, wie soll ich denn da als einzelner Endverbraucher einen Überblick haben?
    Soll nun jeder Privathaushalt zu den Höfen pilgern, die erstmal alle in Erfahrung gebracht werden müssen, dort ein Besuchsrecht einfordern und in die Ställe schauen?
    Ich finde der Vorwurf, man kümmere sich nicht genug um die Herkunft seiner Lebensmittel, ist obsolet und falsch adressiert.
    Wenn so ist, dass ich jedem Bauern "auf die Finger schauen" muss, ja, dann kann ich meinen Job an den Nagel hängen, meine Familie vernachlässigen und jeden Tag quer durch Deutschland reisen, um zu wissen, was abgeht.
    Diese Siegel sollen eben genau das gewährleisten: "Zufriedene" Tiere, gesundes Essen ohne schädliche Zusatzstoffe. Dafür muss es mehr Kontrolle geben, sicher. Das müssen aber die Länder gewährleisten oder meinetwegen die Ketten, die die Produkte vertreiben. Und es muss Konsequenzen geben: Wenn ein Hof auffällig wird, dann muss es sofort Sanktionen geben. Wenn die Bio-Eier dann wieder von 15 Cent auf 25 steigen - O.K., ich denke da gehen viele noch mit. Die, die nicht so viel ausgeben können, hätten vorher ja auch keine Bio-Eier für 15 Cent bekommen, die sich von denen aus Freilandhaltung qualitativ abheben.

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    Ich habe nun mal eine Frage an alle: Wo kann man denn, als ungeübter Verbraucher, Infos über die jeweiligen Höfe erfahren? Auch nur die Adresse, eine Telefonnummer? Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich ein Betrieb in seine Ställe und Hallen gucken lässt, nur weil ich an einem Sonntag mal zeit finde, diesen aufzusuchen.
    Ich habe zum Thema Fleisch bereits mehrfach Verbraucherschutzzentralen angeschrieben und nie eine Antwort erhalten. Vielleicht finden sich hier findige Leser_innen, die mir sagen können, wie man als Privatdetektiv in der Sache weiterkommet. Danke!

    Wissen Sie, so sehr sie auch Recht haben mit der Feststellung, dass es sich viele Arbeitende überhaupt nicht erlauben können, ihr Essen genau zurückzuverfolgen bis zum Ursprungsprodukt, so sehr ist diese Aussage, distanziert betrachtet, doch auch irgendwie erschreckend und zeigt, was für eine fast schon perverse Einstellung wir zu dem bekommen haben, was uns tagtäglich ernährt.

    Tausende Hühner, die in einem Käfig herumrennen, Futter vom Band fressen und denen ihre Eier per Fließband wegtransportiert werden, damit es am Sonntag in deutschen Haushalten ein Frühstücksei gibt.

    Seriously?

    • Atan
    • 04. Oktober 2012 10:52 Uhr

    nicht umsonst ist ein Großteil der Berichterstattung in Qualitätsmedien mit der Verdrängung der Realität beschäftigt.
    In der Realität geht nun mal ein Großteil der Konsumenten nach dem Preis, und der wird von den Discountern und ihrer Nachfragemacht bestimmt. In der Realität gibt es einererseits die endlose Flut von Berichten über Lebensmittelskandale unhd auf der anderen Seite nur einen sehr kleinen Anteil von Käufern, die überhaupt Biowaren, handwerkliche, koschere/halal oder rein vegetarische Nahrungsmittel nachfragen, kombiniert dürfte der Anteil aller "ethisch orientierten Kunden" keine 10%* der Nachfrage bestimmen, in der "Zeit" aber vermutlich im Fokus von 90% der Berichterstattung stehen. Daher wird diese Minigruppe von Konsumenten eben mit einer Flut von Erwartungen überschüttet, die sie unmöglich erfüllen kann.
    Ich selbst gehöre zwar ebenfalls zu die "Nischengruppe", die viel Aufwand mit ihrer Ernährung treibt, aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass die wichtigen Entwicklungen Agrar- und Lebensmittelsektor auf dem Massenmarkt der über 90% passieren. Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit, Welthunger - all diese Dinge haben mit den Vorlieben von uns Gastrosophen, Biokäufern etc. wenig zu tun.
    Der obige Bericht ist daher zwar sehr interessant und gut geschrieben, aber immer nur an die Nische der "gehobenen Stände" adressiert.

    *(0,1% Veganer, 1,6% Vegetarier, 0,6% halal, 0,6% Vollwert, 4% Bio-Marktanteil, Daten v. 2008/2009)

  2. Ich habe nun mal eine Frage an alle: Wo kann man denn, als ungeübter Verbraucher, Infos über die jeweiligen Höfe erfahren? Auch nur die Adresse, eine Telefonnummer? Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich ein Betrieb in seine Ställe und Hallen gucken lässt, nur weil ich an einem Sonntag mal zeit finde, diesen aufzusuchen.
    Ich habe zum Thema Fleisch bereits mehrfach Verbraucherschutzzentralen angeschrieben und nie eine Antwort erhalten. Vielleicht finden sich hier findige Leser_innen, die mir sagen können, wie man als Privatdetektiv in der Sache weiterkommet. Danke!

    Eine Leserempfehlung
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    Sie können den Erzeugerbetrieb anhand der Nummer auf dem Ei ermitteln. Auf der Seite: http://www.was-steht-auf-...
    gibt es die Möglichkeit, nach dem jeweiligen Betrieb zu suchen.

    • pekka
    • 04. Oktober 2012 19:46 Uhr

    In $Heimat hängt beim Schlachter meines Vertrauens eine Tafel an der Wand, dort wird dann jeden Morgen aufgeschrieben wer welche Tiere geliefert hat. Zwar ohne Telefonnummer, aber den Hof findet man auch so…

    sich nicht auf dieses lasche Euro-Biosiegel verlassen. Eine gute Marke ist z.B. Bioland und demeter auf deren Internetseiten auch Bezugsquellen aufgeführt sind.
    Aber das Euro-Biosiegel ist immer noch deutlich tierfreundlicher als die konventionelle Massentierhaltung!

    Aber vergessen Sie bitte nicht: Alle diese Biotiere werden in denselben Schlachthöfen umgebracht u. genauso wie diese oft auch lebendig geschlachtet.
    Besser Sie versuchen mit weniger Fleisch/Eiern auszukommen und irgendwann auf die vegetarische, vegane Ernährung umzustellen.
    Gute Rezepte/Infos gibts hier:
    http://www.mehr-als-rohko...
    http://www.veganr.de/
    wwww.albert-schweitzer-stiftung.de

  3. Schon das zeigt, dass auch BIO am grundsätzlichen Irrsinn unserer landwirtschaftlichen Produktion und der Produktverwendung nichts ändert. Erhellend dazu die Lüge "alten Hühner kommen nun auch beim Biobauern in den Topf", die sich mit dem Vermerk "Katzenfutter" selbst überführt.
    Da ändert auch der Aufbau einer "vertrauensvollen Lieferantenbeziehung" (fürs Verbraucher-Individuum ist das übrigens ein ziemlicher Akt über die Breite des Bedarfs) wenig. Die Welt der Nahrungsmassen sieht eben anders aus.

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    Überraschung: auch Bio-Produzenten produzieren nichht im luftleeren Raum, sondern unter real-kapitalistischen Bedingungen, unterliegen mithin genau denselben Mechanismen von Konkurrenz und Profitinteressen wie der konventionelle Produzent auch.
    "Bio" als bloßes Verkaufsargument führt natürlich zu diversen green-washings und eben auch fragwürdigen Bio-Produkten.
    Der Verbraucher soll's nun richten: sich ordentlich informieren und gefälligst mehr zahlen.
    Nicht etwa die Produktionsbedingungen sind scheinbar der Skandal, sondern daß "der Konsument" nicht nur gesund essen, sondern auch noch wohnen, sich kleiden und unterhalten will. Und das von durchaus begrenztem Budget...

    Das wirklich skurrile an der Geschichte ist ja, dass das Katzenfutter dann auch das Siegel "Bio" trägt...

    Aber mal zu der "artgerechten Haltung": Was soll an der Haltung von Hühnern "bio" sein, wenn die armen Viecher auch nur einen Lebensraum von der Fläche eines DIN-A3-Papiers zur Verfügung gestellt bekommen? Das ist zwar immer noch besser als "konvetionell", aber mit artgerecht hat das nichts zu tun. Man sollte sich eh nicht der Illusion hingeben, dass es möglich wäre, Deutschland mit artgerecht gehaltenem Fleisch zu versorgen. Diese Annahme zeigt immer wieder eine Arroganz der Biobildungsbürger, die sie jeder Zeit bereit sind, anderen scheinbar moralisch Unterlegenen aufs Brot zu schmieren.

    Haben Sie gedacht, die Hühner kommen am Ende Ihrer Legetätigkeit in ein Altersheim, wo sie in Ruhe ihren Lebensabend verbringen, bis sie eines natürlichen Todes sterben und würdig bestattet werden? Nein. Wer tierische Lebensmittel verzehrt wird damit klarkommen müssen, dass Tiere für ihn sterben. Bio ändert daran überhaupt nichts, und selbst Vegetarismun nur graduell: Weder Huhn noch Mensch kann überhaupt leben, ohne Ressourcen zu verbrauchen, die anderen Lebewesen ebenso gut oder ebenso wenig zustehen wie einem selbst.

    • Nibbla
    • 04. Oktober 2012 10:31 Uhr

    bei jeder Sache mündig nachzuschauen.
    Wenn zu jeden Produkt was ich kaufe eine große Odyssee starte, weil die Kennzeichnungen auf der Verpackung unzureichend sind, werde ich jemals fertig. Besonders wenn man in der Stadt wohnt...

    Hauptproblem seh ich darin, dass man es den Produkten nie ansieht, wie es hergestellt worden ist. Es gibt eine große Anzahl Leute, die würden kein Billighuhn essen, wenn sie mal einen Schlachtbetrieb mit 30.000 Schlachtungen am Tag sehen würden. (Ich sehe Vergleiche zum Milgram Experiment. Man fühlt sich nicht verantwortlich, also ist es einen egal).

  4. Wissen Sie, so sehr sie auch Recht haben mit der Feststellung, dass es sich viele Arbeitende überhaupt nicht erlauben können, ihr Essen genau zurückzuverfolgen bis zum Ursprungsprodukt, so sehr ist diese Aussage, distanziert betrachtet, doch auch irgendwie erschreckend und zeigt, was für eine fast schon perverse Einstellung wir zu dem bekommen haben, was uns tagtäglich ernährt.

    Tausende Hühner, die in einem Käfig herumrennen, Futter vom Band fressen und denen ihre Eier per Fließband wegtransportiert werden, damit es am Sonntag in deutschen Haushalten ein Frühstücksei gibt.

    Seriously?

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    >> Tausende Hühner, die in einem Käfig herumrennen, Futter vom Band fressen und denen ihre Eier per Fließband wegtransportiert werden, damit es am Sonntag in deutschen Haushalten ein Frühstücksei gibt.

    Seriously? <<

    ... ist: wenn ich bei jedem Lebensmittel so verfahre, steht gar nichts mehr auf dem Frühstückstisch. Selbst wenn man auf vegane Ernährung umstellt, müsste man noch überprüfen, woher Gemüse, Getreide, Honig usw. kommen und unter welchen Bedingungen sie erzeugt wurden. Das ist nicht zu bewältigen.

    Wie in Kommentar #1 schon geschrieben ist der ursprüngliche Sinn der Siegel, dem Verbraucher diesen Aufwand abzunehmen.

    Wenn Missbrauch betrieben wird, ist der Gesetzgeber gefordert, damit Bio-, Fair Trade und andere Siegel nicht zum reinen Marketinggag verkommen.

    Ja, ich bin mir dieser Konsequenzen auch bewusst, versuche mich entsprechend zu informieren und zu ernähren.
    Dennoch: Traue ich den Verbrauchern diese an sie gestellte Verantwortungshaltung in der Umsetzung und der Realität nicht zu.
    Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil sie nicht können!
    Unsere Gesellschaft und die darin anerkannten Normen und Werte basieren auf Vertrauen. Das wird, besonders in den Bereichen Ernährung, Pharmazie und Wirtschaft massivst auf die Probe gestellt und z-Z. immer wieder stark enttäuscht und abgebaut.
    Klar gehe ich einmal die Woche zum Bauernmarkt um die Ecke, esse ca. (wenn überhaupt) einmal pro Woche Fleisch und versuche drauf zu achten, dass Gemüse und Obst aus der gegend kommen.
    Aber seriusly... wie soll man das jedesmal, bei jedem Kauf mit gutem (nein - besser reinem!) Gewissen bewältigen?
    Ich muss auf diese Siegel vertrauen können, ansonsten kann ich gleich die Ja!-Produkte nehmen und dabei noch etwas sparen. Ernsthaft.

    Wir leben in einer hoch spezialisierten und arbeitsgeteilten Gesellschaft, in welcher wir uns darauf verlassen müssen, dass der jeweils andere seinen Job regelrecht und zuverlässig macht. Ich muss mich als Patient darauf verlassen, dass der Arzt mich korrekt behandelt und nicht nur seinen neuen Mercedes mit meiner Bahndlung abzahlt. Ich müsste darauf vertrauen können, dass mein Bankberater mir nicht windige Finanzprodukte aufschwätzt, nur um eine Bonuszahlung zu kassieren. Ich müsste darauf vertrauen können, dass meine S-Bahn korrekt gebaut und gewartet wird, und nicht nur von der Deutschen Bahn zur Aufhübschung ihrer Bilanzen vor dem Börsengang missbraucht wird usw. usw.

    Es ist völlig unmöglich, für jeden einzelnen Bürger, sich das Expertenwissen anzueignen und die Zeit aufzubringen, um dieses notwendige Vertrauen durch Kontrolle zu ersetzen. Das kann nur gemeinschaftlich, d.h. durch den Staat und seine Instanzen erfolgen. Es obliegt dem Staat, in einer solchen arbeitsgeteilten und vernetzten Gesellschaft--zumal im von Profitinteressen beherrschten Spätkapitalismus--das notwendige Vertrauen zu etablieren, aber dieser scheint sich in zunehmenden Maße aus dieser Verantwortung zu stehlen, unterfüttert von einer neoliberalen Propaganda des "schlanken Staats" und "Freiheit" von Bevormundung und Kontrolle.

    Wer dem Staat durch Steuersenkungen bei gleichzeitiger Privatisierung von dessen Aufgaben die finanzielle Grundlage entzieht, zerstört sowohl Freiheit als auch Sicherheit.

  5. Ich verstehe das Fazit des Artikels so, dass Dumpingpreise schlecht sind, egal ob Bio-dumping oder konventionell.
    Dabei bleibt bei mir immer ein schaler Beigeschmack. Woher soll ich wissen, ob der Supermarkt das "Mehr" an Geld an den Bauern auch weitergibt, oder ob er nur Gewinnmaximierung betreibt?
    Und weiter: Auch wenn es beim Bauern ankommt: Investiert er es in "glückliche Tiere", oder in einen neuebn Porsche?

    Da ich diese Fragen nichtbeantwortet bekommen kann, ist es Vertrauenssache, ob sich der höhere Preis auch für mich "lohnt" - wobei lohnen in diesem Sinne ja was sehr abstraktes ist, weil ich mir ja eigentlich nur ein gutes Gewissen kaufe, ohne Gegenwert.

    Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr kommt es einem biologischen "Ablasshandel" gleich, da man trotzdem nicht weiß, ob es den Tieren nützt.

    • Atan
    • 04. Oktober 2012 10:52 Uhr

    nicht umsonst ist ein Großteil der Berichterstattung in Qualitätsmedien mit der Verdrängung der Realität beschäftigt.
    In der Realität geht nun mal ein Großteil der Konsumenten nach dem Preis, und der wird von den Discountern und ihrer Nachfragemacht bestimmt. In der Realität gibt es einererseits die endlose Flut von Berichten über Lebensmittelskandale unhd auf der anderen Seite nur einen sehr kleinen Anteil von Käufern, die überhaupt Biowaren, handwerkliche, koschere/halal oder rein vegetarische Nahrungsmittel nachfragen, kombiniert dürfte der Anteil aller "ethisch orientierten Kunden" keine 10%* der Nachfrage bestimmen, in der "Zeit" aber vermutlich im Fokus von 90% der Berichterstattung stehen. Daher wird diese Minigruppe von Konsumenten eben mit einer Flut von Erwartungen überschüttet, die sie unmöglich erfüllen kann.
    Ich selbst gehöre zwar ebenfalls zu die "Nischengruppe", die viel Aufwand mit ihrer Ernährung treibt, aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass die wichtigen Entwicklungen Agrar- und Lebensmittelsektor auf dem Massenmarkt der über 90% passieren. Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit, Welthunger - all diese Dinge haben mit den Vorlieben von uns Gastrosophen, Biokäufern etc. wenig zu tun.
    Der obige Bericht ist daher zwar sehr interessant und gut geschrieben, aber immer nur an die Nische der "gehobenen Stände" adressiert.

    *(0,1% Veganer, 1,6% Vegetarier, 0,6% halal, 0,6% Vollwert, 4% Bio-Marktanteil, Daten v. 2008/2009)

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    für die Zahlen! dann gehöre ich auch einer Minderheit an, was ich gar nicht so gerne glauben will.

    als 10% der Nachfragenden sind potentielle Kunden, und das sage ich als Nebenerwerbsbauer mit Freilandschweinen und Freilandgeflügel.
    Max. 5% sind so ernsthaft an Qualität interessiert, daß sie sich auf den Weg machen und in ihrer Umgebung in vertretbarer Entfernung die gewünschten Produzenten ihrer Nahrung suchen und aufsuchen, um am Ende dieser Suche dann auch den angemessenen Preis für die entsprechenden Produkte zu zahlen.
    Lediglich diese 5% sind bereit, am Aufbau genossenschaftlicher Netzwerke von Produzenten und Abnehmern mitzuwirken.
    Die Klagen aller Qualitätsbewußten sind durchaus berechtigt, wenn über den Preis für Nahrungsproduktion hinaus noch weitere Kriterien gelten sollen. Machen Sie dann bitte als Abnehmer/-in und Genießer/-in den konsequenten nächsten Schritt. Schauen Sie in ihre Umgebung, und Sie werden fündig, weil viele kleine Produzenten von Nahrungsmitteln auf ihren Besuch warten.

  6. Brance
    Tegut hat die Initiative "Bio mit Gesicht" ins Leben gerufen.
    Man gibt eine Nummber auf der BMG Site ein und bekommt die Adressen und auch Bilder der Höfe und der Bauern.
    Auch bei konventioneller Haltung muss der Bauer Mindeststandards von Tegut einhalten, welche sich mit denen für Bio fast deckt, bis auf das Futter halt.
    Zudem kommt dann auch fast alles aus der Region, wenn man auf diese Eigenmarken achtet.
    Wenn ich dort etwas kaufe achte ich daruf, das es ihre Eigenmarken sind.
    Wie man sieht, funktionert das! Alles andere Gerede ist Lobbypropaganda.
    Ach wegen Karankheiten und so. Die Viecher werden erstmal krank weil sie
    überzüchtet sind. In 3 bis 5 Jahren hat sich ne HErde soweit erholt das sie wieder ein normales Immunsystem hat.

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    ... was an der Fulda glänzt. Wenn man sich mal ausführlicher mit Tegut-Mitarbeitern unterhält, dann hat der häufig verhängnisvolle Wechsel auf die dritte Inhabergeneration auch hier nichts zum Besseren, aber viel zum Schlechteren bewirkt. Die Märkte wirken seit ein paar Jahren deutlich vernachlässigt, die Mitarbeiterfluktuation hat "normales" Maß erreicht, und selbst fragwürdiges Handeln in Sachen Etikettierung wird kolportiert. Merkwürdig auch, daß der vorherige Chef (2. Generation" seit kurzem im Kundenblättchen wieder als mit in der Geschäftsleitung tätig vorgstellt wird ...

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