Routiniert schlägt Thomas Häde ein Ei auf. Es kam soeben über ein Förderband fast huhnwarm aus dem Stall. »Hier, probieren Sie«, sagt er. Es kostet Überwindung, – doch dann denkt man an Rocky Balboa vor seinem entscheidenden Boxkampf und schluckt. Und staunt. Lecker! Wie Frühstücksei. Mit zartem Oregano-Aroma.

Muss so ein frisches Bioei schmecken? Und kann man bei dessen Verzehr wirklich ein rundum gutes Gewissen haben? Thomas Häde ist zwar mit seinen 43.000 Hennen noch keiner der Großen der Eierbranche, bei denen geht das Geschäft mit 100.000 Hennen gerade erst los. Doch auch bei einem eher mittelgroßen Bioeierproduzenten ist neuerdings Skepsis angebracht. Bioeier sind nämlich in Verruf geraten. In den vergangenen Monaten häuften sich Berichte über Bioeierhöfe, die von Amts wegen geschlossen wurden, weil sich Spuren von Dioxin und ähnlichen Giften in den Eiern fanden. Im Fernsehen waren Bilder zu sehen, die man so schnell nicht loswird: Man sah fast federlose, blutige Hühner, lebend zwar, aber schon wie Suppenhühner wirkend, die zwischen toten Hühnern herumliefen.

Die Aufnahmen waren heimlich auf ostdeutschen Bauernhöfen gemacht worden – und sie zeigten nicht etwa die Zustände in bösen Industriebatterien, sondern das Leben angeblich glücklicher Biohühner. Seither fragt sich der Kunde verunsichert: Ist Bio wirklich besser? Zu allem Überfluss veröffentlichte kürzlich die kalifornische Stanford-Universität eine Studie, der zufolge Biolebensmittel nicht einmal gesünder als konventionell hergestellte sind. Was also unterscheidet da noch das normale vom Bioei?

Recht voll hier: Sechs Biohühner teilen sich einen Quadratmeter

Tatsächlich sind Bioartikel längst keine Nischenprodukte mehr. Auch Aldi, Lidl und Co. bieten heute entsprechende Lebensmittel an, versehen mit Siegeln wie BioBio, BioTrend oder GutBio. Über die Hälfte der in Deutschland verkauften Biokost geht heute beim Discounter über den Ladentisch. Und die steigende Nachfrage führt beim Erzeuger fast zwangsläufig zur Massenproduktion – und damit zu ähnlichen Problemen wie in der konventionellen Landwirtschaft. Welche Folgen das hat und wie man ihnen begegnet, lässt sich exemplarisch auf Thomas Hädes Hof studieren.

In Alheim, Altkreis Rotenburg an der Fulda. Der Ortsteil Heinebach hat einen Landhandel, eine Spedition, einen Solarhersteller – und sehr viele Hühner. Lässt man den Blick hügelan schweifen, sieht man bis zum Waldrand Ställe, Wiesen und überall weiße oder braune Hühner. »Hühnerberg« sagen die Leute. Sie hören das Gegacker nicht erst seit gestern. Seit 1927 ist Heinebach ein Hühnerdorf. Zunächst züchtete Hädes Opa Leonard Legehühner und verkaufte sie. Später behielt dessen Sohn Albert einige der Hühner und verkaufte ihre Eier. Anfang der Siebziger, als es gerade die ersten Bioläden gab, war Albert einer der Pioniere in Sachen Bioei.

Damals wollten die Reformhäuser gesunde Eier von glücklichen Hühnern ins Sortiment nehmen. Also karrte Thomas Hädes Vater die Reformhäusler mit Sonderzügen und Bussen aus dem ganzen Bundesgebiet nach Heinebach – und machte Eindruck. Seit dieser Zeit finden sich die Häde-Eier in den meisten Reformhäusern als Bioeier unter der Marke Heirler. Als »Sonnenei« begegnen sie einem auch in Geschäften und auf Wochenmärkten bis hin nach Frankfurt.

Zum Beginn des Rundgangs auf seinem Hof schlägt Thomas Häde gleich als Erstes einen Besuch bei seiner heikelsten »Herde« vor: 2.500 Vögel, fast am Ende ihrer Legetätigkeit, mithin kurz vor dem Ende ihres Lebens. Wer Bilder von zerrupften, federlosen Hühnern sucht, findet sie am ehesten hier. In 12 bis 14 Monaten legen die Tiere zwischen 280 und 350 Eier – danach sind sie ihr Futter nicht mehr wert. Die höchstens eineinhalb Jahre alten Hühner kommen nun auch beim Biobauern in den Topf (genauer: Der Schlachthof bekommt sie für 14 Cent das Kilo. Aus Biohühnern wird Katzenfutter).

Verfall der Marke "Bio"?

Es wirkt etwas albern, aber irgendwie auch respektvoll, wie Häde, nachdem wir Schutzkleidung angelegt und Plastiktüten über die Schuhe gezogen haben, an die Stalltür klopft. Doch es ist ein eingeübtes Signal: Keinen Schreck kriegen – jemand kommt rein! Ein paar Tausend Augen schauen uns argwöhnisch an. Dann wird weitergepickt am automatischen Futterförderband. Recht voll wirkt es hier; dabei können sich Biohühner zu sechst einen Quadratmeter teilen (statt zu neunt, wie in der konventionellen Haltung). Die meisten Hühner hocken auf einem Gitterboden, unter ihnen der Kot der vergangenen Monate. Einige sitzen auf Stangen, andere noch in einer Abteilung namens »Nest«, allerdings gewiss nicht auf ihrem Ei, denn das kullert sofort auf ein Förderband und verschwindet alsbald im Packraum. Häde greift sich eins der auffällig entspannten Hühner, kuschelt ein bisschen und weist auf das intakte Federkleid hin. »Kein gegenseitiges Picken, kein Kannibalismus. Denen geht es gut.« Das sehe man schon an der Kammfarbe, kräftig rot – »die sind viel an der frischen Luft«.

Stress, Enge, Unklarheiten über die Hackordnung, aber auch falsches Futter können dazu führen, dass Hühner übereinander herfallen. Ein Problem, das auch Kleinbauern mit fünf Hühnern kennen. Spätestens, wenn sie einmal Blut geleckt haben, hören Hühner mit dem »Kannibalismus« nicht mehr auf. Es kann so weit gehen, dass sie sich gegenseitig die Därme herausreißen. Dieses Verhalten wirkt ansteckend auf andere. In der konventionellen Massentierhaltung wird darum gern schon den Küken die Schnabelspitze abgeschnitten. So etwas gibt es bei Häde nicht. In seinen Herden scheint man sich zu vertragen.

Bioeier stammen – so will es die EU, wenn sie ihr Biosiegel vergibt – aus möglichst »artgerechter Haltung«. Ein undeutlicher Begriff, der gleichwohl populär ist: Die vermutete »artgerechte Tierhaltung« ist der am häufigsten genannte Grund für den Kauf von Biowaren. Nach dem »Ökobarometer 2012«, einer Umfrage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, legen 94 Prozent der Biokäufer darauf Wert; nur 69 Prozent kaufen Bio wegen des besseren Geschmacks.

Will ein Bauer das EU-Ökosiegel verwenden, darf die einzelne Biohuhnherde höchstens 3.000 Mitglieder haben (konventionell: 6.000); die Tiere müssen Sitzstangen haben, ruhige Nistplätze, die Möglichkeit zu scharren – und Auslauf. Vor dem Stall von Häde ist zunächst eine Art Wintergarten, da können die Hühner auch bei Regen an der frischen Luft sein. Und draußen ist eine große Wiese umzäunt. Mutige Hühner gehen Hunderte von Metern weit weg vom Stall. Bei Gefahr aus der Luft, in der Bussarde oder andere Räuber kreisen, können sich die Hühner unter großen Solarmodulen verstecken, die auf der Wiese stehen. Für diese Idee einer Doppelnutzung seiner Weiden hat Häde vor Jahren einen Innovationspreis bekommen.

Die Hühner wirken zufrieden und gesund – ist das schon artgerecht? »Es gibt sehr viele offene Fragen«, sagt Silke Rautenschlein, Direktorin der Geflügelklinik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Hühner werden zwar seit Jahrtausenden domestiziert. Doch was sie mögen und brauchen, ist noch immer nicht völlig geklärt. »Scharren, Nisten, Sandbaden, Picken, auf einer Stange schlafen – das wissen wir. Aber welches Licht sie brauchen, ob sie an die frische Luft sollen?«, fragt Rautenschlein zweifelnd. Man weiß inzwischen, dass das Huhn Licht anders wahrnimmt als der Mensch. Kann sein, dass es mit funzeliger Beleuchtung bestens bedient ist. Und die Bewegung im Freien sei nur »wahrscheinlich besser für die Tiergesundheit«. Sicher ist das nicht. Kritiker der Freilandhaltung warnen vor Krankheitserregern auf dem Erdboden, vor Vogelgrippeviren, von Zugvögeln übertragen (weshalb im niederländischen Hagestein soeben 38.000 Biohennen gekeult werden mussten), und vor Dioxinen aus Altlasten, die draußen zugänglich sein können.

Jede Freilandhaltung – ob biologisch oder nicht – lebt also mit dem Risiko Natur. Sie setzt auf Abhärtung sowie Stressreduktion und Gesundheit durch möglichst artgerechtes Verhalten. Sie verlässt sich auf die natürlichen Reflexe der Tiere, dass sie etwa bei Regen oder Einbruch der Dunkelheit in den Stall gehen, dass sie sich vor Beutegreifern schützen. Und dabei ein robustes Immunsystem entwickeln.

Erleben wir derzeit den schleichenden Verfall der Marke »Bio«?

Nur beim Futterkauf geht Häde kein Risiko ein: Seit Jahren bezieht er Biofutter von derselben Mühle aus der Region. Mais bekommt er vom Nachbarn. Sein stures Festhalten am vertrauten Lieferanten und der Verzicht auf Schnäppchen aus dubiosen Quellen schützt vor Pleiten wie dem großen Dioxinskandal Ende 2010. Damals hatten zahlreiche konventionell wirtschaftende Betriebe vergiftetes Tierfutter bezogen und wurden gesperrt. Das Futter war mit einem Fett versetzt, das bei der Biodieselherstellung abfällt.

Von der Einstellung des Bioeiproduzenten Häde kann auch der Eierkonsument lernen. Skepsis empfiehlt sich grundsätzlich gegenüber allem Billigessen, und das gilt eben auch für Billig-Bio. Besser, als jedem Sonderangebot beim Discounter hinterherzurennen, ist der Aufbau einer vertrauensvollen Lieferantenbeziehung. »In die Betriebe reingucken!«, empfiehlt die Hannoveraner Geflügelklinikchefin Rautenschlein. »Wie gut kommt der Landwirt mit seinem Betrieb und den Tieren zurecht? Bio ist nicht automatisch gut.«

Und gut ist nicht automatisch bio. Vielleicht erleben wir derzeit den schleichenden Verfall der Marke »Bio«. Das »Ökobarometer 2012« ist ja ein Hinweis darauf, was Biokunden neben Umweltschutz, Schadstoffarmut und eigener Gesundheit zunehmend interessiert: das Leben der Tiere, die für uns legen und sterben; die Unterstützung regionaler Betriebe; fairer Handel. Damit könnte auch das Bäuerlein auf dem Wochenmarkt wieder in den Fokus des verunsicherten Ökos rücken.

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