USADie Magie der Prärie

Das texanische Städtchen Marfa ist zum Sehnsuchtsort für Kunsttouristen aus aller Welt geworden. Die einheimischen Cowboys müssen sich an die Fangemeinde noch gewöhnen. von Susann Sitzler

Alberto Garcias Tanz beginnt immer am Vormittag. Gegen zehn Uhr holt er den breiten, beweglichen Bodenfeger mit dem schlanken Stiel aus der Kammer und macht kurz darauf die ersten Schritte. In schwungvollen Schleifen gleitet der kräftige Mann zwischen den großen Aluminiumkuben hindurch, die in der langen Halle parallel in zwei Reihen aufgestellt sind. Auf keinen Fall darf die meterlange Kante seines Wischmopps die Würfel berühren. Die Oberflächen zerkratzen rasend schnell. Weit dringen die Strahlen der blassen Präriesonne durch die verglasten Wände ins Innere. Je nach Lichteinfall scheinen die Kuben zu schweben oder die spröde Weite des Landes in sich aufzunehmen. Bevor Alberto die Halle hinter sich lässt, hat der Wind schon wieder die ersten Sandkörner durch die Ritzen geblasen, gefährlich nah an die spiegelglatt gewalzten Metallflächen heran.

Die Kuben sind Kunstwerke. 100 Untitled Works in Mill Aluminum heißt die Installation. Sie stammt vom amerikanischen Künstler Donald Judd, einem Mitbegründer des Minimalismus. Zusammen mit etwa 80 anderen Werken stehen die glänzenden Würfel inmitten der texanischen Prärie, am Rand des stillen Städtchens Marfa, vier Stunden Autofahrt vom nächsten größeren Ort entfernt. Judd war in den 1970er Jahren von New York hierhergezogen, hatte einen alten Militärstützpunkt gekauft und auf dem weitläufigen Gelände zu arbeiten begonnen. Seit seinem Tod 1994 betreibt die von ihm initiierte Chinati Foundation das Areal.

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Marfa ist ein einzigartiger Ort für die Kunst. Aber auch einer, der ihr zusetzt und gegen den sie sich behaupten muss. Brennend heiße Sommer, eiskalte Winter und der Wüstensand greifen die empfindlichen Werke an. Und Marfa selbst gehört einer Welt an, in der man sich eher um Kühe kümmert als um Kunst. Eine einzige Verkehrsampel gibt es im Ort, dort, wo sich die Highways 90 und 67 kreuzen. Etwa 2000 Menschen leben um die Ampel herum, in einfachen, meist einstöckigen Häusern. Die einzige Hauptstraße erinnert an den Wilden Westen. Wer bei Sandy’s-7-to-11 an der Kreuzung nach der Chinati Foundation fragt, hört am Tresen der Tankstelle wettergegerbte Männer über ihrem Kaffee leise ächzen. Mittlerweile kommen jedes Jahr Zehntausende nach Marfa. Der verschlafene Ort wird immer mehr zum Sehnsuchtsort für metropolenmüde Städter, wie Judd selbst mal einer war. Und den Einheimischen ist nicht mehr ganz wohl bei dem Ansturm.

Alberto Garcia, vor 52 Jahren in Marfa geboren, gehört zu den wenigen, die sich in beiden Welten bewegen. Mit seinem Bodenfeger und Stapeln von Mikrofaserlappen kämpft er täglich dafür, dass Besucher die Kunstwerke auf dem Chinati-Gelände in ursprünglicher Schönheit erleben können. Alberto hat einmal Psychologie studiert und durchaus etwas übrig für Kunst. Den Überschwang der Gäste, die von weit her kommen, um Minimal Art vor Präriepanorama zu sehen, teilt er trotzdem nicht. Für ihn sind Judds Aluminiumwürfel vor allem Gegenstände, die bei der Reinigung ganz besonders viel Vorsicht und spezielle Putzabläufe verlangen.

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In der ehemaligen Panzerhalle mit den Kuben beginnen alle Führungen. Judd ließ die Wände verglasen und setzte Hangardächer obendrauf. Auf schmalen Wegen geht es dann zwischen lang gezogenen Armeebaracken und einstigen Kasernenbauten weiter. Viele Freunde von Judd haben Arbeiten auf dem Gelände hinterlassen. Im einstöckigen Verwaltungsblock gegenüber den Baracken schuf der Lichtkünstler Dan Flavin irritierende Neonspiele. Kalt und künstlich verstreuen sie ihren bunten Schein in abgedunkelte Räume. Sie bilden den größtmöglichen Gegensatz zum grellen Sonnenlicht, das draußen auf die Steppe brennt. Einer Armeebehausung fehlen die Fenster. Im Zweiten Weltkrieg waren hier deutsche Kriegsgefangene untergebracht. Durch leere Öffnungen schaut man in die grenzenlose Weite. Erst kurz vor dem Horizont wird der Blick von Judds 15 Untitled Works in Concrete eingefangen. Containergroße, leere Betonrahmen nehmen in der Ferne die Form der fehlenden Fenster auf. Gleichzeitig wirken sie wie Bilderrahmen. So entsteht plötzlich eine Beziehung zwischen Landschaft und Skulptur. Es ist ein Spiel zwischen klaren Linien und offener Prärie. Man beginnt neugierig auf jeden Gullideckel zu schauen. Ist das auch Kunst, oder liegt das bloß da? Die Objektkünstlerin Roni Horn hat zwei blank polierte Kupferspindeln in einer verfallenden Baracke abgelegt, als hätte ein Ufo ein paar gigantische Schrauben auf dem nackten Betonboden verloren. Sie sind tonnenschwer, sehen aber federleicht aus. Der Kontrast zur rauen Umgebung ist so groß, dass man wie ein Kind das glänzende Metall sofort befühlen will. Aber auch diese Oberfläche ist extrem empfindlich. Um spontanen Übergriffen vorzubeugen, dürfen sich jeweils nur vier Personen gleichzeitig in der Baracke aufhalten.

Die anderen Besucher warten so lange draußen im Schatten. Es sind typische Marfa-Touristen: stilbewusste Städter auf Landpartie, mit dickrandigen Brillen und ironisch getragenen Westernstiefeln. Ben, ein Kunstdozent aus Austin, hat ein Feinrippunterhemd an, damit sein Tattoo am Arm besser zur Geltung kommt. Das zeigt den Fußumriss seiner kleinen Tochter, die mit pinkfarbenem Cowboyhut neben ihm wartet. »Meine Studenten haben in letzter Zeit öfter von Marfa geschwärmt«, sagt Ben. »Ich dachte, wenn es so cool ist, dann will ich es auch mal sehen.« Was macht die Coolness aus? Es sind die schillernden Gegensätze. Bens Frau Sheela, die für den Ausflug ebenfalls ein Paar prachtvoll bestickte Boots angezogen hat und zum Jeans-Minirock eine riesige, ziselierte Gürtelschnalle trägt, sagt: »Es ist unglaublich – eine Cowboystadt wie aus einem alten Film, und dann stehen da diese ikonischen Werke der amerikanischen Gegenwartskunst rum. Das ist einfach ... wow.« Um Punkt zwölf Uhr wird die Tagesführung für zwei Stunden unterbrochen. Mittagspause. Die Chinati Foundation hält eine schmale Broschüre der lokalen Handelskammer bereit, in der alle Orte vorgestellt werden, die für Kunsttouristen in Marfa interessant sein könnten. Dazu gehören sieben Galerien, fünf Kunststiftungen und ein Dutzend Restaurants, von denen allerdings die Hälfte nur am Wochenende geöffnet ist.

Alberto Garcia empfiehlt zum Lunch das Mando’s am Highway 90. Es ist das beliebteste Einheimischenlokal und wird im Marfa-Guide aus dem Museum nicht erwähnt. Hier war Alberto schon zu Schulzeiten als hop angestellt, als Autokellner. »Die Gäste konnten bis unters Vordach fahren und hupen, dann kamen wir angerannt und nahmen durchs Autofenster die Bestellung auf.« Das Mando’s liegt einen Block von der Verkehrsampel entfernt und sieht aus wie eine stillgelegte Tankstelle. Hier scheint das ländliche Amerika der sechziger Jahre weiterzuleben. Die Fenster sind gegen die Hitze verhängt, im Innern stehen immer noch die alten, etwas wackeligen Diner-Tische aus Resopal mit den abgerundeten Ecken. Auf den rot gepolsterten Sitzbänken sind fast alle Plätze besetzt. Die Gäste unterhalten sich lebhaft, der Fernseher läuft. Cowboyfamilien, darunter viele mexikanische Einwanderer, lassen sich Botanas schmecken, die Spezialität des Hauses: geviertelte frittierte Teigfladen, die mit würzigem Hackfleisch belegt und mit Käse überbacken werden. Die Grenze zu Mexiko ist nur 100 Kilometer entfernt, Einwanderer aus dem Süden machen heute etwa die Hälfte der Bewohner von Marfa aus. 

Leserkommentare
  1. ...finden sie sicher nicht in Texas.

    Zunächst mal herzlichen Danke für diesen informativen und lebendigen Bericht. Da ich selbst Verwandtschaft in den USA und damit eine besondere Beziehung zu diesem Land habe, freue ich mich immer, solche kulturellen Geschichten zu hören oder zu lesen.
    Aber da sie das Wort Präre bereits in der Überschrift und mehrmals im Text bringen, lassen sie mich bitte eine kleinen Hinweis geben: In Texas finden sich viele "grosse" Dinge, aber die Prärie gehört sicher nicht dazu.
    Die Prärie ist eine Landschaftsform im semi-ariden Klima und gehört zu den Steppen. Geographisch liegt diese im (nördlichen und zentralen) Mittleren Westen der USA, d.h. in der Grossen Ebene östlich der Rocky Mountains. Geprägt vom (im Jahresmittel) nicht völlig trockenen Klima, finden sich vor allem hohe (1-2 m, im Osten) bis bodennahe Gräser (im Westen), aber stets in dichtem Bewuchs. Daher fühlten sich da die Bisons auch so wohl. Im Süden, in Texas, v.a. westlich, nahe der mexikanischen Grenze, findet sich nur arides (trockenes) Klima, d.h. Wüste mir sehr spärlichem Bewuchs!
    Ich denke, der Begriff "Prärie" ist in Deutschland von diversen Cowboy-Filmen etwas fehlgeprägt :)

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    Marfa liegt zwar nicht unbedingt in einer Prairie, so wie man per Definition verteht. Aber pauschal zu sagen, dass die ganze Region (Presidio County) arid sei, ist unkorrekt - nicht zuletzt kann man es hier nachlesen: http://www.tshaonline.org...

    Davon nun abgesehen (da es im Grunde keine große Rolle spielt, dass die Autorin mehrmals von einer Prairie gesprochen hat) kann ich MARFA als Reiseziel, absolut empfehlen - und zwar nicht nur für kunstinteressierte Menschen.

  2. Marfa liegt zwar nicht unbedingt in einer Prairie, so wie man per Definition verteht. Aber pauschal zu sagen, dass die ganze Region (Presidio County) arid sei, ist unkorrekt - nicht zuletzt kann man es hier nachlesen: http://www.tshaonline.org...

    Davon nun abgesehen (da es im Grunde keine große Rolle spielt, dass die Autorin mehrmals von einer Prairie gesprochen hat) kann ich MARFA als Reiseziel, absolut empfehlen - und zwar nicht nur für kunstinteressierte Menschen.

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