Martenstein"Es ist, als ob jemand den Stecker herausgezogen hätte"

Über Jungs mit Abitur, aber ohne Energie.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Ich traf einen Kollegen, der einen Sohn hat. Sein Sohn ist im gleichen Alter wie mein Sohn. Der andere Sohn hat ebenfalls kürzlich Abitur gemacht. Der Kollege sagte, sein Sohn schlafe meist bis zum frühen Nachmittag. Danach dusche er und setze sich an den Computer. Dort spiele er und chatte. Manchmal gehe er aus. Aber meistens sei er zu Hause. Er steht auf, er spielt, er isst, dann legt er sich wieder schlafen. Manchmal geht er arbeiten, das stimmt, er hat einen Job. Er arbeitet genau so viel, wie unbedingt erforderlich ist, keine Sekunde länger. Zukunftspläne sind vorhanden, werden aber mit extremer Gelassenheit und in aufreizend langsamem Tempo verfolgt. Sein Zimmer befinde sich in einem sehr, sehr traurigen Zustand. Ungeziefer gibt es dort nicht, dem Ungeziefer ist das Zimmer offenbar nicht behaglich genug. Die Mitarbeit des Sohnes im elterlichen Haushalt aber sei ein Thema, das zu schmerzhaft ist, um überhaupt darüber reden zu können. Das hätte ich an seiner Stelle alles, Wort für Wort, ebenfalls berichtet.

Die Mädchen aus der Abi-Klasse, sagte der Kollege, studieren inzwischen alle. Die sind alle auf der Autobahn Richtung Topjuristin, Chefärztin oder Konzernvorstand. Die Jungs dagegen, ach, es ist furchtbar, es ist traurig. Sie hängen rum. Eine lost generation. Ich sagte, dass mein Sohn sich eine neue Badehose kaufen möchte. Das Projekt, sich eine Badehose zu kaufen, verfolgt er seit nunmehr acht Wochen. Er hat keine Zeit. Nein, er hat keine Energie. Es ist, als ob jemand den Stecker herausgezogen hätte aus dieser Generation von Jungs. Das wird sich alles auswachsen, sagte ich, das kann ja nicht ewig so weitergehen. Eines Tages wird er sich eine Badehose kaufen. Er wird morgens um neun vor mir stehen, frisch geduscht, und er wird sagen, dass er jetzt zu Karstadt geht und sich die Badehose kauft. Jeden Morgen warte ich darauf. Dann gehe ich ins Büro, er schläft noch, und wenn ich vom Büro heimkomme, ist er gerade aufgestanden, die Cornflakes-Schüssel steht herum, und er macht sich fertig fürs Joggen. Eine Jogginghose hat er ja. Der Kollege sagte: »Es ist überall das Gleiche. Das tröstet dann doch irgendwie.«

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Wir haben durchgecheckt, woran es liegen könnte. Ich glaube nicht, dass es an der Erfindung des Computers liegt. Die Mädchen besitzen ebenfalls Computer. Ich glaube auch nicht, dass der Feminismus schuld ist. Gewiss, diese Generation von Jungs wird sich vermutlich extrem schwer damit tun, Spitzenpositionen zu erobern, solche Jobs werden in den nächsten Jahrtausenden hauptsächlich mit Frauen besetzt sein. Aber das kümmert die Jungs nicht, nein, es ist ihnen sogar recht. Unsere Jungs sind begeisterte Feministen. Wenn jemand unseren Jungs die Position eines Bundeskanzlers oder Bankchefs anbieten würde, dann würden unsere Jungs langsam aufstehen, ihre Chipstüte nehmen und in ihr Zimmer schlurfen, um dort in Ruhe Musik zu hören. Waren unsere Erziehungsmethoden zu lasch? Waren wir schlechte Vorbilder? Ist die Schule schuld, zu viel Gruppenarbeit, zu wenig Leistungsdenken, alle Lehrer immer krank?

»Es liegt an der Abschaffung der Wehrpflicht«, sagte der Kollege. Das hat mir sofort eingeleuchtet. Ich habe ja nach dem Abi Zivildienst gemacht, aber das bedeutete ebenfalls eineinhalb Jahre frühes Aufstehen, heftige Maloche, Hierarchie, Erwachsenenleben. Danach warst du eingenordet. Danach wusstest du Bescheid. Mein Gott. Wie ich rede.

Trotzdem. Einer Bürgerinitiative »Väter von Jungs für die Wiedereinführung der Wehrpflicht« würde ich beitreten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
    • Nest
    • 27.09.2012 um 10:54 Uhr

    ...der fehlende Wehr- oder Zivildienst ist es nicht.
    (ich musste den noch machen, trotzdem weist mein Tagesablauf eine gewisse strukturelle Ähnlichkeit mit dem Ihrer Jungs auf)

    25 Leserempfehlungen
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    • kshade
    • 30.09.2012 um 9:07 Uhr

    Des weiteren ist es verblüffend wie der Autor die anderen üblichen Erklärungen ("der Computer ist schuld!") mit der Begründung daß die Mädchen ja ebenfalls davon betroffen sind wegwischt, aber den Kriegsdienst, der seit jeher nur die männliche Bevölkerung (und davon, gerade in seinen letzten Jahren, auch immer weniger) trifft, der soll es dann sein?

    • kshade
    • 30.09.2012 um 9:07 Uhr

    Des weiteren ist es verblüffend wie der Autor die anderen üblichen Erklärungen ("der Computer ist schuld!") mit der Begründung daß die Mädchen ja ebenfalls davon betroffen sind wegwischt, aber den Kriegsdienst, der seit jeher nur die männliche Bevölkerung (und davon, gerade in seinen letzten Jahren, auch immer weniger) trifft, der soll es dann sein?

    • Nest
    • 27.09.2012 um 11:00 Uhr

    ...bereitet isch Ihr Filius aber auch, strategisch brilliant, auf eine Karriere als Hausmann vor.
    Das ist möglicherweise ein gefragtes Rollenmodell, wenn die Frauen erst einmal die ganze Arbeit machen.

    38 Leserempfehlungen
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    • csteel
    • 29.09.2012 um 21:04 Uhr

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    Ich bin zwar Mann, schlage Ihnen aber vor, falls sie verheiratet sein sollten und Kinder haben, einmal für vier Wochen mit ihrer Frau zu tauschen und natürlich deren Pensum zu erledigen.

    Sie gehen gerne wieder arbeiten. Es könnte allerdings auch sein, dass sie überfordert wären. Denn Experten, zu denen Sie anscheinend gehören, können bei dem Aufgabenspektrum nicht glänzen.

    Ich habe mich in diesen Jungs größtenteils wiedererkannt. Ich bin auch antriebslos und muss mich zu allem was nicht unmittelbar notwendig ist (Einkaufen, Waschen) mühsam aufraffen. Ich bin 20, habe Anfang letzten Jahres mein Abi gemacht und im darauffolgenden Wintersemester ein Studium begonnen, nur um nach ein paar Monaten festzustellen, dass mir das Fach nicht zusagt. Also hab ich beschlossen das Fach zu wechseln, bin mir aber nachwievor nicht sicher ob ich nicht vielleicht doch eine Ausbildung machen soll, da mir nach 13 Jahren (G9) Schule die Theorie einfach zum Hals raushängt. Ich weiß einfach nicht was ich konkret machen soll/will. Ich habe keine besonderen Begabungen die mir hier als Entscheidungshilfe dienen könnten, à la "ich bin künstlerisch begabt, ich studiere Mediendesign" o.ä. Ich habe eine ungefähre Vorstellung, wie mein Leben mit Anfang 30 aussehen soll. Aber insbesondere mit Abitur führen so viele Wege dorthin, dass man ohne o.g. Entscheidungshilfen erstmal komplett ratlos ist, welchen man einschlagen soll. Man neigt dann einfach dazu, sich irgendwie mit angenehmen Dingen die Zeit zu vertreiben und auf die Erleuchtung zu warten. Und damit zu dem, was auch meine Eltern nicht begreifen:
    Dieses Verhalten ist nicht durch die zeitgleich auftretende Undiszipliniertheit und Antriebslosigkeit begründet, sondern all das ist nur die Folge dieser Ziellosigkeit bezüglich der nahen und mittelfristigen Zukunft.

    • Zora01
    • 01.10.2012 um 15:40 Uhr

    dass die antriebslosen Jungen Männer in Zimmern hausen, die "für Ungeziefer zu unbehaglich" sind...

    Sie unterschätzen die Arbeit eines Hausmannes maßlos.

    • csteel
    • 29.09.2012 um 21:04 Uhr

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    Ich bin zwar Mann, schlage Ihnen aber vor, falls sie verheiratet sein sollten und Kinder haben, einmal für vier Wochen mit ihrer Frau zu tauschen und natürlich deren Pensum zu erledigen.

    Sie gehen gerne wieder arbeiten. Es könnte allerdings auch sein, dass sie überfordert wären. Denn Experten, zu denen Sie anscheinend gehören, können bei dem Aufgabenspektrum nicht glänzen.

    Ich habe mich in diesen Jungs größtenteils wiedererkannt. Ich bin auch antriebslos und muss mich zu allem was nicht unmittelbar notwendig ist (Einkaufen, Waschen) mühsam aufraffen. Ich bin 20, habe Anfang letzten Jahres mein Abi gemacht und im darauffolgenden Wintersemester ein Studium begonnen, nur um nach ein paar Monaten festzustellen, dass mir das Fach nicht zusagt. Also hab ich beschlossen das Fach zu wechseln, bin mir aber nachwievor nicht sicher ob ich nicht vielleicht doch eine Ausbildung machen soll, da mir nach 13 Jahren (G9) Schule die Theorie einfach zum Hals raushängt. Ich weiß einfach nicht was ich konkret machen soll/will. Ich habe keine besonderen Begabungen die mir hier als Entscheidungshilfe dienen könnten, à la "ich bin künstlerisch begabt, ich studiere Mediendesign" o.ä. Ich habe eine ungefähre Vorstellung, wie mein Leben mit Anfang 30 aussehen soll. Aber insbesondere mit Abitur führen so viele Wege dorthin, dass man ohne o.g. Entscheidungshilfen erstmal komplett ratlos ist, welchen man einschlagen soll. Man neigt dann einfach dazu, sich irgendwie mit angenehmen Dingen die Zeit zu vertreiben und auf die Erleuchtung zu warten. Und damit zu dem, was auch meine Eltern nicht begreifen:
    Dieses Verhalten ist nicht durch die zeitgleich auftretende Undiszipliniertheit und Antriebslosigkeit begründet, sondern all das ist nur die Folge dieser Ziellosigkeit bezüglich der nahen und mittelfristigen Zukunft.

    • Zora01
    • 01.10.2012 um 15:40 Uhr

    dass die antriebslosen Jungen Männer in Zimmern hausen, die "für Ungeziefer zu unbehaglich" sind...

    Sie unterschätzen die Arbeit eines Hausmannes maßlos.

    • Kometa
    • 27.09.2012 um 11:05 Uhr

    Ich werde den Teufel tun, irgendwelche Symptome oder Theorien oder Tröstungen für stuporeske, autistische oder sonstige Verweigerungshaltungen anzupreisen.
    Verschwörungstheoretiker werden genügend Pfade der Weisheiten finden, um zweier Männer psychologische Intuitionen zu therapieren.

    2 Leserempfehlungen
  1. Obwohl ich mich als zielstrebige Frau in Ihrem Artikel total bestätigt fühle, habe ich den leisen Verdacht, dass es noch besser geht! Schwach... weit unter Ihren Möglichkeiten!!!

  2. Wessen Aufgabe wäre es denn gewesen, ihn mit einem Mindestmaß an Ehrgeiz auszustatten, und ihm die Werkzeuge in die Hand zu geben, die er nutzen kann, um sich nach der Schule ein eigenes Leben aufzubauen?

    Den mit dem Sofa verwachsenen Sohn anzusehen, und zu lamentieren, dass diesem die starke Hand eines Ausbilders fehlt?
    Das ist dieselbe Erziehungs-Philosophie, die sich mit den Worten "jetzt kommt er in die Schule, jetzt wird er endlich erzogen" auf die Einschulung freut.

    Suchen Sie nicht die Schuld bei anderen, wenn Sie es nicht geschafft haben, ihrem Sohn zu vermitteln, dass der Schulabschluss - insbesondere das Abitur - ein Sprungbrett in einen neuen Lebensabschnitt ist!

    19 Leserempfehlungen
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    • Meykos
    • 27.09.2012 um 16:31 Uhr

    eventuell nochmal lesen? Abi war doch schon...

    Martenstein skizziert Weltbilder, er hat kein Problem mit seinem Sohn.

    ...Wie war das nochmal mit dem Hochmut...?

    • Meykos
    • 27.09.2012 um 16:31 Uhr

    eventuell nochmal lesen? Abi war doch schon...

    Martenstein skizziert Weltbilder, er hat kein Problem mit seinem Sohn.

    ...Wie war das nochmal mit dem Hochmut...?

    • Meykos
    • 27.09.2012 um 16:24 Uhr

    Aus dem verlinkten Artikel zum Wehrdienst:"Noch Jahre später hinken ehemalige Soldaten ihren Altersgenossen in Sachen persönlicher Reife hinterher."

    Sie machen das vermutlich richtig.Lassen Sie ihn noch ein wenig zuhause rumhinken und bald (wenn keiner damit rechnet)springt er in seine, im Internet bestellten Badehose und paddelt davon...

    9 Leserempfehlungen
    • Meykos
    • 27.09.2012 um 16:31 Uhr

    eventuell nochmal lesen? Abi war doch schon...

    Eine Leserempfehlung
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    eventuell auch nochmal lesen?

    Ich habe sehr wohl verstanden, dass Martenstein Jr das Abi schon in der Tasche hat.

    eventuell auch nochmal lesen?

    Ich habe sehr wohl verstanden, dass Martenstein Jr das Abi schon in der Tasche hat.

  3. eventuell auch nochmal lesen?

    Ich habe sehr wohl verstanden, dass Martenstein Jr das Abi schon in der Tasche hat.

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