SmartphoneDie Liebe meines Lebens

Niemand kennt uns so gut, niemanden berühren wir so oft: Pausenlos stehen wir in Kontakt mit unseren Smartphones. Nina Pauer über die Abgründe einer grenzenlosen Beziehung. von 

Nie mehr alleine dank Smartphone.

Nie mehr alleine dank Smartphone.  |  © Tinka24 / photocase.com

Abhängigkeit? Natürlich sind wir abhängig voneinander! Wir sind süchtig nacheinander! Wir können nicht mehr ohneeinander! Aber das ist doch eine rein freiwillig gewählte Situation. Denn nein, unser Spiel heißt nicht Facebook. Es heißt auch nicht Twitter. Oder Google+. Es heißt LG – liebe Grüße. Und keine böse Macht, kein fieser Konzern, keine bösen Silicon-Valley-Diktatoren zwingen uns, es zu spielen. Als wir damit anfingen, sind wir keiner perfiden Verschwörung auf den Leim gegangen, die jemand von langer Hand geplant hat. Es war unser freier Wille. Wir selbst haben uns da hineinbugsiert. LG – das ist ja auch eigentlich gar nichts Neues. Es ist eigentlich nichts als das alte Spiel. Immer noch tut man dabei nichts anderes, als sich freudig von einer Lebenslinie zur anderen etwas hinüberzurufen. Es ist nichts anderes als dieses alte Pingpong mit der Euphorie, auf der Welt zu sein und dieses Leben miteinander zu teilen. Nur dass das Spiel jetzt eben ein bisschen schneller geworden ist. Und größer. Man spielt es nun nicht mehr nur zu zweit, dritt oder viert, mit den Menschen, die um einen Tisch passen. Heute spielen wir es mit endlos vielen Teilnehmern. Mit all denen eben, mit denen wir durch unsere tausend Kanäle, Accounts und Nummern verbunden sind. Mit all jenen eben, mit denen wir connected sind. Und mit all denen, die ständig neu dazukommen. Denn für unsere Tamagotchis ist das Spielen mittlerweile zur Sucht geworden. Ein paar liebe Grüße reichen ihnen nicht mehr. Sie kommunizieren – so scheint es uns zumindest mittlerweile manchmal – fast nur noch zum Selbstzweck. Sie brummen und piepen und klingeln, manchmal gar nicht, weil der Inhalt so wichtig wäre, sondern einfach nur, damit es ein Geräusch, ein Signal gibt. Und damit sie es sind, die am allermeisten brummen, piepen und klingeln.

Schneller, als wir gucken können, schaufeln unsere kleinen Ich-Geräte deshalb immer noch einen Kanal, immer noch mehr und noch engere Querverbindungen zu anderen Lebenslinien, zu neuen Menschen und deren Geräten. Manche kennen sie schon lange, andere lernen sie gerade erst kennen. Beim Job, in der Schule, im Seminar, beim Sport, in der Bahn, auf einer Party, über Freunde, Bekannte, Verwandte, durch gemeinsame Interessen – überall gibt es einfach so viele tolle neue Menschen dort draußen, die ihre Wege kreuzen.

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»Mehr!« und »schneller!« piepsen sie dann, unsere hyperaktiven, hyperkommunikativen kleinen Smartphone-Wesen. Übermütig, noch bevor wir Großen uns überhaupt richtig kennenlernen konnten, laden sie sich dann massenweise gegenseitig zu einer neueren, noch größeren Partie ein. Und wir lassen sie, die lieben Kleinen. Weil wir diese ganzen Menschen natürlich auch gerne mögen und interessant finden. Und auch wir deshalb mit ihnen verbunden sein wollen. Vor allem aber, weil unsere kleinen Tamagotchis dann, wenn sie so viel spielen können wie möglich, endlich glücklich sind. Und wenn sie es sind, sind wir es auch. Denn nur wenn wir spüren, wie sie fröhlich an unseren Körpern vibrieren und wir mit ihnen, geht es auch uns so richtig gut.

Ja, okay. Unsere Liebe ist vielleicht etwas extrem. Sie kostet uns enorm viel Energie. Und so richtig fallen lassen können wir uns eigentlich auch nie. Dazu ist unsere Beziehung viel zu aufregend, dazu passiert im Leben unseres Tamagotchis die ganze Zeit viel zu viel.

Es gibt viele, die uns darauf hingewiesen haben, dass unsere Beziehung auf die Dauer vielleicht doch ein wenig ungesund ist. Dass wir langsam mal ein bisschen auf uns aufpassen sollten, weil so eine Abhängigkeit wirklich kein Zustand ist. Und dass eine derartige Symbiose, wie wir sie führen, gar nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun haben kann, sondern dass sie eher krankhaft ist. Und uns auf jeden Fall auf lange Sicht nicht guttut, sondern uns auslaugen wird.

Wir haben uns das alles ganz genau angehört. Es ist ja sicher auch nur gut gemeint. Aber wir haben das unter Kontrolle. Wirklich, es geht uns gut. Und wer da wen in der Hand hat, solche Fragen finden wir, mit Verlaub, absolut unangemessen. So denkt man doch in Liebesdingen nicht! Das macht doch alles kaputt!

Nein. In dieser Beziehung wollen wir mit solchen Verkopftheiten gar nicht erst anfangen. Wir wollen stattdessen einfach weiter dem folgen, was wir fühlen. Wir wollen das tun, wonach sich im Übrigen doch heimlich alle irgendwie sehnen: uns hingeben. Und zwar mit allem, was wir haben.

Leserkommentare
  1. Manch einen verstört sie und manch einer merkt sie erst gar nicht, aber sie ist all gegenwärtig. Schon verrückt wie wir unser Leben gestalten rund um ein Smartphone :-). Schöner Artikel in dem viel Wahrheit steckt.
    Vielleicht gibt es bald Entspannungskuren bei denen man am Tag der Anreise sein digitales Leben abstreift, in dem man das Smartphone ausschalten muss. Abends sitzt man dann gemeinsam am Lagerfeuer und genießt Stockbrot, welches dann als Entspannungsspeiße geprießen wird.

    • zacc
    • 05. Oktober 2012 16:39 Uhr

    Ich glaube man kann es so vergleichen:
    Während unserer Entwicklung haben sich unsere Hände und unser Geist gegenseitig beeinflusst. Die Geschicklichkeit der Hände hat den Geist kreativer gemacht und ein kreativer Geist hat neue Verwendungsmöglichkeiten für die Hände erfunden.

    So etwas Ähnliches kann man für unser Sozialleben und unsere Kommunikationsformen sicher ebenso sagen, und Smartphones (und Facebook und Singlebörsen und ...) sind ein Ausdruck davon.

    • reineke
    • 05. Oktober 2012 16:41 Uhr

    scharfsinnig ,geschickt,gerissen,schick,flott....
    so die Bezeichnung für das Handtelefon
    und burn out ist wohl der Vorhof zum digitalen Nirvana
    ...fragen sie ihren Arzt oder Apotheker
    den Rest erklärt obiger Artikel
    schönes Wochenende
    und halten sie sich bereit

  2. Handys fand ch besser und sehr viele Leute auch heute noch kommen ohne aus, insbesondere Entscheider und Vermögende ohne Profilneurose.

    Abgesehen von der permanenten Datenspionage ( wenn um die Ecke meines Aufenthaltsotes eine Straftat ermittelt wird ect.)birgt so ein Handy selbst Risiken für die persönliche Gesundheit da täglich mehrere Leute mit Gewalt verbunden ihr Handy abgeben müssen.

    Also dieses kleine Ding ist für mich genauso überflüssig wie soziale Netzwerke, z:B. Facebook im Internet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "[...] da täglich mehrere Leute mit Gewalt verbunden ihr Handy abgeben müssen."

    Gehts noch?? Was meinen sie denn damit? Dass die Handys teuerer werden und deshalb die Besitzer häufiger zusammengeschlagen und ausgeraubt werden?? Wahrscheinlich auch, dass sie daran selbst schuld sind, oder?!
    So wie ich es mir mal von einem Streetworker bei Hart aber Fair anhören musste: Frage wie kann man verhindern, auf der Straße zusammengeschlagen zu werden? Antwort des Streetworkers: Ganz einfach, aus dem Weg gehen. Außerdem vermeide ich es mit den weißen Kopfhörern einer bestimmten Marke, Zwinker, Zwinker, Zwinker, Zwi...achso ok, ihr habt verstanden, dass ich Apple meine..herumzulaufen.

    Analog hätte die Situation auch sein können: Frage: Wie kann man es verhindern als Frau vergewaltigt zu werden? Antwort des Streetworkers: Einfach nicht so aufreizend anziehen. Dann ist man doch selbst schuld wenn man vergewaltigt wird. Ich vermeide es ja mit einem Minirock durch die Stadt zu laufen.

    Durch dieses Beispiel lässt sich dann auch direkt der Bogen zu dem Artikelthema schlagen.
    Die Liebe meines Lebens, die jungen Leutens verbringen viel zu viel Zeit mit ihrem Smartphone, was ja Handtelefon heißen muss und gar nich so schmart is.
    Darüber hinaus waren und sind die Röcke der Mädchen zu kurz, die Haare der Jungen zu lang und sowieso diese Negermusik...Nenene, nur Marihuana rauchen und Stromgitarre spielen. So wird aus den jungen Leutens doch nie was.

    Aber, Entwarnung: Alles halb so wild.

  3. "[...] da täglich mehrere Leute mit Gewalt verbunden ihr Handy abgeben müssen."

    Gehts noch?? Was meinen sie denn damit? Dass die Handys teuerer werden und deshalb die Besitzer häufiger zusammengeschlagen und ausgeraubt werden?? Wahrscheinlich auch, dass sie daran selbst schuld sind, oder?!
    So wie ich es mir mal von einem Streetworker bei Hart aber Fair anhören musste: Frage wie kann man verhindern, auf der Straße zusammengeschlagen zu werden? Antwort des Streetworkers: Ganz einfach, aus dem Weg gehen. Außerdem vermeide ich es mit den weißen Kopfhörern einer bestimmten Marke, Zwinker, Zwinker, Zwinker, Zwi...achso ok, ihr habt verstanden, dass ich Apple meine..herumzulaufen.

    Analog hätte die Situation auch sein können: Frage: Wie kann man es verhindern als Frau vergewaltigt zu werden? Antwort des Streetworkers: Einfach nicht so aufreizend anziehen. Dann ist man doch selbst schuld wenn man vergewaltigt wird. Ich vermeide es ja mit einem Minirock durch die Stadt zu laufen.

    Durch dieses Beispiel lässt sich dann auch direkt der Bogen zu dem Artikelthema schlagen.
    Die Liebe meines Lebens, die jungen Leutens verbringen viel zu viel Zeit mit ihrem Smartphone, was ja Handtelefon heißen muss und gar nich so schmart is.
    Darüber hinaus waren und sind die Röcke der Mädchen zu kurz, die Haare der Jungen zu lang und sowieso diese Negermusik...Nenene, nur Marihuana rauchen und Stromgitarre spielen. So wird aus den jungen Leutens doch nie was.

    Aber, Entwarnung: Alles halb so wild.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "die Zeit ohne"
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    • tg11
    • 20. November 2013 21:09 Uhr

    Und schon wieder ein sinnloser Vergewaltigungsvergleich, der ideologisch ist und keine Kritik an Ihrem Kommentar zulassen soll....

    Dennoch: "Gelegenheit macht Diebe". Und wer die Gelegenheit provoziert, muss sich eben (als Opfer) nicht wundern...

    • Infamia
    • 05. Oktober 2012 17:08 Uhr

    Nun ist es müßig darüber zu diskutieren, wann die Nutzung eines Smartphones sinnvoll ist und ab wann sie sinnlos ist. Für mich gilt, sinnvoll ist es, mit seiner Außenwelt in Kontakt zu stehen und das beinhaltet neben dem persönlichen Kontakt auch den Kontakt über das Smartphone (sei es über Twitter, Facebook, E-Mail oder andere Dienste). Nur sollte ich in der Lage sein, auch mal das Ding auszuschalten, nämlich dann, wenn ich im persönlichen Kontakt mit jemanden stehe. Wenn ich mich mit jemanden treffe, schalte ich das Ding auf Leise oder ganz aus und widme mich meinem Gegenüber. In dem Moment ist er dann wichtiger als potentielle Kontakte und Nachrichten. Sitze ich jemanden gegenüber, der von dem Ding nicht lassen kann, sind offensichtlich Andere und andere Dinge wichtiger als ich und dann kann ich ja auch gehen.

    Die Kunst des Lebens ist es halt, den Augenblick zu genießen und nicht virtuelle Möglichkeiten, die vielleicht nie real werden.

    2 Leserempfehlungen
  4. vermute ich, dass die Autorin gar kein Smartphone hat. Oder dass sie noch sehr jung ist. Oder sehr, hrm, mädchenhaft...
    Oder alles zusammen.

    Ich habe ein Smartphone, kann es gut gebrauchen und benutze es auch.
    Aber ich lasse mir davon nicht mein Leben diktieren. Es ist ein sehr nützliches Gerät, nicht mehr und nicht weniger.

    Wenn Mädchen meinen, sie müssten damit eine Art Liebesbeziehung eingehen, können sie das gern tun. Sie sollten aber bitte vermeiden, das dann als für alle gültig zu beschreiben.

    • rap2
    • 05. Oktober 2012 17:54 Uhr

    Das ist der Fortschritt.

    Je mehr Kommunikationstechnik (die Wachstumsreligion will ihr Opfer) um so weniger Kommunikation.
    Echte Kommunikation ist multidimensional und geht über die Ebene eines SMS weit hinaus.

    Dazu kommt die Bewußtseinsspaltung.
    Immer ist man mit einem Teil seines Bewußtseins in einem komplexen, technischen und virtuellen Raum, dazu die ständige Erreichbarkeit, daraus folgend auch ein Mangel an Intim-/Privatsphäre.
    Letzterer ist ja auch sonst überall zu entdecken, gewann aber mit dem Aufkommen der kleinen Götzen erst so richtig an Fahrt.
    Der Beweis findet sich spätestens bei der nächsten Bus- oder S-Bahnfahrt...

    Ein benachbartes Phänomen ist der "Semiautismus".
    Überall Menschen die scheinbar mit sich selber reden, oder per Knöpfe im, oder Hörer über dem Ohr in eine Parallelwelt abgetaucht sind.

    Viele sind so auch nicht mehr echtzeitfähig.
    Was man leider auch im Straßenverkehr sieht. Welches ein typisches Echtzeitsystem ist.
    Beziehung ist auch ein "Echtzeitsystem".
    Sie gerät auch langsam in Vergessenheit.

    Die auch daraus resultierenden vielen Singles können dann zeitlich fast unbegrenzt mit ihrem kalten Kästchen kuscheln :(

    Man geht heute zB in ein Cafe, auch um Menschen zu treffen.

    Von 5 Personen haben 2 ein Laptop vor sich liegen, die anderen 3 streicheln stundenlang ihr elektronisches Gegenüber. Siri & Co.

    Früher hab ich immer gesagt: eine Frau mit einem großen Haustier ist sozial abgesättigt ;)
    Heute reicht dafür schon ein Smartphone...

    2 Leserempfehlungen

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