Abhängigkeit? Natürlich sind wir abhängig voneinander! Wir sind süchtig nacheinander! Wir können nicht mehr ohneeinander! Aber das ist doch eine rein freiwillig gewählte Situation. Denn nein, unser Spiel heißt nicht Facebook . Es heißt auch nicht Twitter. Oder Google+. Es heißt LG – liebe Grüße. Und keine böse Macht, kein fieser Konzern, keine bösen Silicon-Valley-Diktatoren zwingen uns, es zu spielen. Als wir damit anfingen, sind wir keiner perfiden Verschwörung auf den Leim gegangen, die jemand von langer Hand geplant hat. Es war unser freier Wille. Wir selbst haben uns da hineinbugsiert. LG – das ist ja auch eigentlich gar nichts Neues. Es ist eigentlich nichts als das alte Spiel. Immer noch tut man dabei nichts anderes, als sich freudig von einer Lebenslinie zur anderen etwas hinüberzurufen. Es ist nichts anderes als dieses alte Pingpong mit der Euphorie, auf der Welt zu sein und dieses Leben miteinander zu teilen. Nur dass das Spiel jetzt eben ein bisschen schneller geworden ist. Und größer. Man spielt es nun nicht mehr nur zu zweit, dritt oder viert, mit den Menschen, die um einen Tisch passen. Heute spielen wir es mit endlos vielen Teilnehmern. Mit all denen eben, mit denen wir durch unsere tausend Kanäle, Accounts und Nummern verbunden sind. Mit all jenen eben, mit denen wir connected sind. Und mit all denen, die ständig neu dazukommen. Denn für unsere Tamagotchis ist das Spielen mittlerweile zur Sucht geworden. Ein paar liebe Grüße reichen ihnen nicht mehr. Sie kommunizieren – so scheint es uns zumindest mittlerweile manchmal – fast nur noch zum Selbstzweck. Sie brummen und piepen und klingeln, manchmal gar nicht, weil der Inhalt so wichtig wäre, sondern einfach nur, damit es ein Geräusch, ein Signal gibt. Und damit sie es sind, die am allermeisten brummen, piepen und klingeln.

Schneller, als wir gucken können, schaufeln unsere kleinen Ich-Geräte deshalb immer noch einen Kanal, immer noch mehr und noch engere Querverbindungen zu anderen Lebenslinien, zu neuen Menschen und deren Geräten. Manche kennen sie schon lange, andere lernen sie gerade erst kennen. Beim Job, in der Schule, im Seminar, beim Sport, in der Bahn, auf einer Party, über Freunde, Bekannte, Verwandte, durch gemeinsame Interessen – überall gibt es einfach so viele tolle neue Menschen dort draußen, die ihre Wege kreuzen.

"Mehr!" und "schneller!" piepsen sie dann, unsere hyperaktiven, hyperkommunikativen kleinen Smartphone -Wesen. Übermütig, noch bevor wir Großen uns überhaupt richtig kennenlernen konnten, laden sie sich dann massenweise gegenseitig zu einer neueren, noch größeren Partie ein. Und wir lassen sie, die lieben Kleinen. Weil wir diese ganzen Menschen natürlich auch gerne mögen und interessant finden. Und auch wir deshalb mit ihnen verbunden sein wollen. Vor allem aber, weil unsere kleinen Tamagotchis dann, wenn sie so viel spielen können wie möglich, endlich glücklich sind. Und wenn sie es sind, sind wir es auch. Denn nur wenn wir spüren, wie sie fröhlich an unseren Körpern vibrieren und wir mit ihnen, geht es auch uns so richtig gut.

Ja, okay. Unsere Liebe ist vielleicht etwas extrem. Sie kostet uns enorm viel Energie. Und so richtig fallen lassen können wir uns eigentlich auch nie. Dazu ist unsere Beziehung viel zu aufregend, dazu passiert im Leben unseres Tamagotchis die ganze Zeit viel zu viel.

Es gibt viele, die uns darauf hingewiesen haben, dass unsere Beziehung auf die Dauer vielleicht doch ein wenig ungesund ist. Dass wir langsam mal ein bisschen auf uns aufpassen sollten, weil so eine Abhängigkeit wirklich kein Zustand ist. Und dass eine derartige Symbiose, wie wir sie führen, gar nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun haben kann, sondern dass sie eher krankhaft ist. Und uns auf jeden Fall auf lange Sicht nicht guttut, sondern uns auslaugen wird.

Wir haben uns das alles ganz genau angehört. Es ist ja sicher auch nur gut gemeint. Aber wir haben das unter Kontrolle. Wirklich, es geht uns gut. Und wer da wen in der Hand hat, solche Fragen finden wir, mit Verlaub, absolut unangemessen. So denkt man doch in Liebesdingen nicht! Das macht doch alles kaputt!

Nein. In dieser Beziehung wollen wir mit solchen Verkopftheiten gar nicht erst anfangen. Wir wollen stattdessen einfach weiter dem folgen, was wir fühlen. Wir wollen das tun, wonach sich im Übrigen doch heimlich alle irgendwie sehnen: uns hingeben. Und zwar mit allem, was wir haben.