Auf Schildern warnt die Kölner Oper neuerdings vor Rutschgefahr, vor allem bei Regen. Die Stahltreppe zum Foyer sieht gräulich, windschief und provisorisch aus, roter Teppich ist anders. Doch besteigen wir keineswegs das Haupthaus (das derzeit renoviert wird), sondern eine Dependance: die Oper am Dom, ein blaues Zelt hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Hier gelangte jetzt Verdis Macht des Schicksals zur Premiere, unter beinahe gespenstischen atmosphärischen Bedingungen – und dass es so weit kommen konnte mit dem äußeren und inneren Zustand der Kölner Oper, das ist eine lange Geschichte.

In Duisburg waren sie schon sehr weit gekommen. Jedermann kennt die Deutsche Oper am Rhein als traditionsreiche, über 40 Jahre lang unauffällig geführte Ehe zweier Städte, die ein Schrägstrich nicht amourös, aber partnerschaftlich verbindet: Düsseldorf/Duisburg. Das Modell der Zweckgemeinschaft eines größeren (Düsseldorf) und eines kleineren Hauses (Duisburg) schien unantastbar; der Spareffekt, der nie aufs Kunstniveau durchschlug, war beträchtlich. Nun aber machte ein Wort die Runde, das man bislang nicht kannte: »Haushaltssicherungsplan«. Die Duisburger Lage ist so dramatisch, dass die Stadtverwaltung alle Möglichkeiten ausloten musste. Und irgendwann begannen sie, das Ende der Rheinoper ins Visier zu nehmen. Dank später Einsicht konnte das noch einmal abgewendet werden, wenn auch unter Schmerzen und Opfern – und dass es so weit kommen konnte, das ist eine weitere lange Geschichte.

In Köln muss jetzt Birgit Meyer, die bisherige Vize-Intendantin, die Geschicke lenken, nachdem in den vergangenen Monaten ihr Chef Uwe Eric Laufenberg und der Kölner Kulturdezernent Georg Quander in einer drastischen Parabel über zermürbenden Umgang miteinander die Unterfinanzierung der Kölner Oper entweder beklagt oder dementiert hatten. Das ging so weit, dass Laufenberg für die Spielzeit 2012/13 gar keinen neuen Spielplan mehr vorstellen mochte, weil wegen der Sparauflagen kein Vertrag mehr rechtsgültig hätte unterzeichnet werden können. Laufenbergs Abgang glich schließlich einer jener heiter-absurden Passagen über die Unmöglichkeit, eine hilflose Lage zu verändern, wie wir sie aus Franz Kafkas Verwandlung kennen. Ich will hier raus, schrie Laufenberg fortwährend, dabei wollte er doch eigentlich drinbleiben. Das Problem stellte sich ihm ebenfalls in Form des verheerenden Kölner Haushaltes, doch auch in Gestalt des Dezernenten Quander.

Quander hat selbst große Häuser geführt (Staatsoper Berlin) oder zu führen beabsichtigt (Staatsoper Stuttgart). Man sagt, dass er sich selbst für den besten Kölner Opernintendanten halte, wovon Birgit Meyer, die kluge, sehr dezente neue Chefin, schon bei der ersten Pressekonferenz einen informativen Eindruck bekommt. Da fragt ein Journalist, ob sie in die Suche nach einem Nachfolger für den 2014 scheidenden Generalmusikdirektor Markus Stenz involviert sei. Kaum hat sie ihr Mikrofon ergriffen, schneidet ihr Quander das Wort ab: »Das ist einzig Sache der Stadt Köln.« Quander redet die neue Intendantin stets mit »Frau Doktor Meyer« an – Meyer ist promovierte Ärztin, hat aber auch Theaterwissenschaft studiert, machte Karriere als Dramaturgin und erarbeitete sich Führungskompetenzen. So hat sie die Kölner Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Sonntag aus Licht in einem planerischen Staatsakt beinahe allein auf den Weg gebracht. Aber wie sie da auf dem Podium sitzt und ihren Sitznachbarn stets mit »Herr Professor Quander« anredet, wirkt sie wie eine vorsichtige leitende Angestellte, die kein weiteres Porzellan zerschlagen möchte. Sie lächelt, nickt und denkt sich ihr Teil.

Ihr Namensvetter Christoph Meyer wiederum ist ungefährdet als Generalintendant der Rheinoper, er führt das Haus leise, aber beharrlich, ist ein freundlicher Raucher, den man vor Premieren gern mit einer Fluppe vor dem Haus antrifft. Wenn er die Indisponiertheit eines Sängers ansagen muss, fühlt er sich unwohl. Die Bühne mag er nicht. Er sorgt sich lieber hinter den Kulissen um sein Personal und um die Kunst. Das hat ihm eine großartige vergangene Saison beschert, mit eindrucksvollen Inszenierungen wie Karoline Grubers somnambuler Version des Don Giovanni oder einer geradezu gespenstersonatenhaften Lösung von Benjamin Brittens The Turn of the Screw. Sein Ballettchef Martin Schläpfer bietet derweil ingeniöses Tanztheater, das auch in den überregionalen Feuilletons unverhohlen als das »Ballettwunder vom Rhein« gefeiert und längst aus größeren Städten wie Berlin umworben wird; Klaus Wowereit hat bereits früh die lockende Hand nach Schläpfer ausgestreckt.

Das Ballett könnte Duisburgs Stolz sein und soll doch vor allem sparen

Jetzt aber befindet sich Meyer in der Bredouille. Die Stadt Duisburg will weiter in der Ehe bleiben, zwingt ihn aber dazu, für die kommenden Spielzeiten in Duisburg jeweils eine Million Euro einzusparen – am besten beim Ballett. Dass diese Forderung nicht ganz abwegig ist, zeigt ein Blick in die Besucherzahlen. Tatsächlich liegt die Ballett-Auslastung in Duisburg bei deutlich unter 60 Prozent, was zweierlei bedeuten kann: Entweder man spielt dort zu viel Schläpfer, oder er kommt nicht so gut an wie in Düsseldorf. Das wiederum hat mit klimatisch-intellektuellen Befindlichkeiten zu tun: Während das Düsseldorfer Publikum – anders als die Legende von den Pelztieren auf der Königsallee es behauptet – sehr offen und empathisch auf Neues reagiert, auch auf Schläpfers zum Teil hyperartifizielle Tanzsprache, herrscht in Duisburg ein deutlich defensiveres Publikum. Es ist nicht dümmer, definiert sich aber eher über das Gediegene als über das Spektakuläre. Die Strukturkrise schlägt auf die Präferenzen des Publikums durch – und auf dessen Zusammensetzung. In Duisburg ist es deutlich älter als in Düsseldorf und nicht so liquide.