Regisseur Michael Haneke"Liebe ist immer eine Entscheidung"

Warum Oper? Der Filmregisseur Michael Haneke wird in Madrid Mozarts "Così fan tutte" inszenieren. Ein Gespräch von 

DIE ZEIT: Herr Haneke, Sie sind Filmregisseur, haben gerade mit Liebe in Cannes die Goldene Palme gewonnen und inszenieren in Madrid Mozarts Così fan tutte. Was bietet Ihnen die Oper, was Ihnen der Film nicht bietet?

Michael Haneke: Die Musik. Sie schafft einen expressiven Reichtum, der jedes Wort übersteigt. Das ist das Wunderbare an der Oper, und das unterscheidet sie von Film und Theater.

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ZEIT: Ist Ihre Liebe zu Mozart eine späte Liebe?

Haneke: Nein. Aber in meiner Jugend hat mich Beethoven mehr beeindruckt.

ZEIT: Wären Sie selbst gern Musiker geworden?

Haneke: Ja, da oben, wo man sich die Geschenke aussuchen kann, hätte ich mich für die Musik entschieden. Aber ich beklage mich nicht, dass es anders gekommen ist. Dirigenten zum Beispiel haben ein wunderbares Leben. Sie können mit 90 Jahren immer noch dirigieren, wir Filmregisseure können uns das abschminken. Wenn wir nicht gerade die Konstitution von Manuel de Olivera haben.

ZEIT: Sie haben vor sechs Jahren in Paris Don Giovanni inszeniert. Warum schon wieder Mozart?

Haneke: Mozarts Musik ist Seelenbalsam, und die drei Da-Ponte-Opern sind realistisch. Dadurch kommen sie meinem Inszenierungsstil am nächsten. Aida könnte ich nicht inszenieren. Wenn Sie die realistisch aufführen wollen, wird’s albern.

ZEIT: Aber was soll an Così fan tutte realistisch sein? Erst recht im Vergleich zu Don Giovanni.

Haneke: Sie haben recht. Don Giovanni ist ein richtiger Thriller. Das beginnt mit Sex and Crime, und so geht’s dauernd weiter bis zum spektakulären Showdown. Così fan tutte ist ganz anders. Da geht’s um zwei, eigentlich um drei sich langweilende Pärchen und ...

ZEIT: ...die Wette darauf, dass die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella ihren Verlobten keineswegs treu ergeben sind...

Haneke: ...und diese Wette muss man zuerst einmal glaubwürdig machen. Das ist schwierig, denn eigentlich ist die Geschichte an den Haaren herbeigezogen. Da muss man sich was einfallen lassen, damit der Zuschauer die Geschichte glaubt. Vom Text her ist Così fan tutte vielleicht die schwächste der Da-Ponte-Opern, und es ist manchmal schon ziemlich dämlich, was die einzelnen Herrschaften so von sich geben. Aber musikalisch ist es wahrscheinlich Mozarts schönste Oper.

ZEIT: Hatten Sie von Anfang an eine Inszenierungsidee im Kopf, von der Sie glaubten, dass sie noch von niemandem auf der Bühne realisiert wurde?

Haneke: Ich verspüre keinen Zwang, etwas noch nie Gesehenes auf die Bühne zu bringen. Aber klar, man versucht immer, sich den Dingen in einer Weise zu nähern, die eben die eigene Weise ist.

ZEIT: Was ist Ihre Inszenierungsidee?

Michael Haneke

ist einer der bekanntesten Filmregisseure in Europa. Der Österreicher gewann mit seinem gerade angelaufenen Kinofilm »Liebe« zum zweiten Mal bei den Festspielen in Cannes die Goldene Palme.

Am 23. Februar 2013 hat am Teatro Real in Madrid seine »Così fan tutte«- Inszenierung Premiere.

Haneke: Ich werde den Teufel tun, Ihnen das jetzt schon zu erzählen. Warten Sie’s ab.

ZEIT: Verraten Sie denn wenigstens, wie Sie sich auf die Oper vorbereitet haben?

Haneke: Ich hab sie mir Takt für Takt mit dem Klavierauszug erarbeitet. Und natürlich habe ich mir alles angeschaut, was es an Videoaufnahmen gibt. Es sind nicht wenige, und ich habe gemerkt, was man alles an Fehlern machen kann. Danach wusste ich, welche Fehler man vermeiden kann. Um dann vermutlich andere zu machen.

ZEIT: Haben Sie Vorbilder?

Haneke: Die Mozart-Inszenierungen von Peter Sellars gefallen mir. Wie er es schafft, aus Sängern gute Schauspieler zu machen, das ist bewundernswert. Das versuche ich auch – im Sänger den Schauspieler zu entdecken. Überlegen Sie einmal, was von den Sängern alles verlangt wird: Sie sollen musikalisch sein, eine tolle Stimme haben, Bühnenpräsenz zeigen, und dann sollen sie auch noch Schauspieler sein. Ziemlich viel, finden Sie nicht?

ZEIT: Nach welchen Kriterien haben Sie die Sänger ausgesucht?

Haneke: Es sind lauter junge Leute, unbekannte Sänger, die ich auch nach schauspielerischen Kriterien ausgesucht habe.

ZEIT: Ich habe mich gefragt, was an Così fan tutte ins Haneke-Universum passt. Ist es die Kälte von Don Alfonso und Despina? Die Macht der Verführung?

Haneke: Ich glaube, wir sind alle verführbar. Man kann immer leicht sagen: »Das würde ich niemals tun. Ich werde niemals untreu sein.« Die Aufgabe einer Inszenierung ist es, dem Zuschauer glaubhaft zu machen, dass er in der Situation genauso handeln würde wie die Figuren – dass auch er verführbar ist. Bei Da Ponte ist das eine Beweisführung, die sehr linear verläuft. Ich versuche Wege zu finden, die nicht ganz so linear verlaufen und die Handlung für den Zuschauer plausibler machen.

Leserkommentare
  1. schade, für mich so weit weg.
    Mir fehlen in Deutschland am Theater und an der Oper Regisseure wie Herr Haneke, die die Werke, die sie auf die Bühne bringen LIEBEN und respektieren. Sie sind alle zu selbstverliebt.

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  • Schlagworte Oper | Regisseur | Michael Haneke
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