Nike Wagner

In seiner Trieb- und Seelenlandschaft ist Wagner mir näher.

Wie bitte? Tannhäuser oder Troubadour? Meistersinger oder Falstaff? Tristan oder Otello? Rienzi oder Aida? »Umtata« oder die unendliche Melodie? Verdi hatte Erfolg in Paris, Wagner schlich dort als armer Hund herum. Verdi griff zu historischen Stoffen, Wagner zu Epen und Mythen. Verdi beschäftigte Librettisten, Wagner schrieb alles selbst. Hier der Katholik und Humanist und die Liebesleidenschaft, dort Meistersinger-Protestantismus und Parsifal-Religion, Machtgier und Geschlechterprobleme. Toscanini hat es auf den Punkt gebracht: »Wären Tristan und Isolde italienischer Herkunft, hätten sie am Ende des zweiten Aktes sieben Kinder. Aber sie sind Deutsche, also diskutieren sie noch.«

Verdi ist Traditionalist, Wagner schafft einen neuen Operntyp. Belcanto-Linien hier, Leitmotiv-Teppich dort. Sanftmut, Toleranz und Popularität beim Italiener, Gewalttätigkeit, Brüche und Gemeindebildung beim Deutschen. Bei Wagners Tod hat Verdi sein berühmtes »Triste, triste, triste!« ausgerufen. Was hätte Wagner im umgekehrten Fall gesagt? Dennoch: In der Trieb- und Seelenlandschaft, die er aufreißt, ist Wagner mir näher – in all seiner Ferne.

Nike Wagner ist Intendantin des Kunstfests Weimar.

Christian Thielemann

Wagner geht mehr in die Breite, Verdi in die Höhe.

Was für eine Frage! Da hilft mir nicht einmal meine Berliner Schnauze, und das kommt selten vor. Was mich fasziniert: dass Verdi in seinem Schaffen fast noch größere stilistische Welten durchschritten hat als Wagner. Von Attila bis Otello, in dieser Spanne haben drei Komponistenleben Platz – mindestens so viele wie zwischen Wagners Rienzi und seinem Parsifal. Das eint sie seltsamerweise.

Verdi ist der Ehrlichere von beiden. Wagner überwältigt und parfümiert und geht in die Breite. Verdi schlägt mehr in die Höhe aus, durch den rhythmischen Motor, der seine Arien treibt, den Puls, bei aller Instrumentationskunst und Atmosphäre. Verdi, der Südländer, ist auch der Gesundheitsbewusstere. In Bayreuth, rund um Wagners Festspielhaus, isst man bis heute Würste.

Christian Thielemann ist Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Bernd Loebe

Verdi ist ehrlicher, Wagner immer berechnend.

Verdi! Seine Opern sind kürzer, prägnanter. Auch hier sterben die Frauen für die Männer, aber ihre Gefühle kommen nicht so verquast daher; ihre Seelen schweben engelsgleich über irdischem Tand. Diese zweifelsfrei idealisierten Frauen sind uns tölpelhaften Männern und nur vom Trieb gesteuerten Bühnenmännern weit überlegen; sie sind grundehrlich und müssen sich nicht pseudoreligiös versteigen, um dem Manne gerecht zu werden. Das Wort »ehrlich« gefällt mir in diesem Zusammenhang. Bei aller Genialität der Musik Wagners: Im Vergleich zur geerdeten Musik Verdis ist sie berechnend, durchaus auf den Effekt aus, und dabei tut sie fast immer so, als wollte sie nur eines nicht: den Effekt.

Wer aber einmal – wie ich –schon in jungen Jahren in Le Roncole nahe Busseto und vor allem in der Villa Verdi in Sant’Agata war, wer diesen Lebens- und Arbeitsraum mit der hochgequirlten Anstrengung namens Villa Wahnfried verglich, dessen Herz ist unweigerlich eben dem näher, der die Wege zwischen Blumen- und Gemüsebeeten suchte, im winzigen Arbeitszimmer mit der nie geschriebenen Lear-Oper rang.

Wie wunderbar »ehrlich« klingt die Musik Verdis, wenn sich Dirigenten uneitel tatsächlich in den Dienst der Musik stellen, während unsere Wagner-Interpreten oder -Spezialisten glauben, erst mit narzisstischem Gewaber treffe man den Nerv. Können wir Wagner deshalb einen Vorwurf machen? Dürfen wir ihn in die zweite Reihe verbannen, weil seine Kunst sich bereitwilliger geistiger wie handwerklicher Onanie unterwirft? Wagner respektiere ich, Verdi hätte ich gerne gekannt!

Bernd Loebe ist Intendant der Oper Frankfurt.