DIE ZEIT: Herr Rieble, wir möchten mit Ihnen über Plagiate reden.

Volker Rieble: Ein leidiges Thema. Aber legen Sie los.

ZEIT: Vor zwei Jahren haben Sie in Ihrem Buch Das Wissenschaftsplagiat noch kritisiert, dass zu wenig über das Thema gesprochen werde.

Rieble: Das ist richtig. Daran hat sich allerdings viel geändert. Ein paar Politiker wurden öffentlichkeitswirksam vorgeführt. Aber die Menschen sind inzwischen abgestumpft, die können es nicht mehr hören. Das sehen Sie doch daran, dass sich kaum einer über Annette Schavan empört – ausgerechnet die Bundesforschungsministerin!

ZEIT: Auch Frau Schavan wird vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit unsauber zitiert zu haben.

Rieble: Sie hat ein Werk produziert, das ihren älteren Texten zum Teil erstaunlich ähnlich ist. Die Fakultät prüft und prüft, und Schavan kann das einfach aussitzen. An sich müsste sie als Wissenschaftlerin ihr Werk verteidigen. Daran sehen Sie, wie egal das schon geworden ist.

ZEIT: Wir sehen aber auch, dass es zunehmend Freiwillige gibt, die Doktorarbeiten überprüfen.

Rieble: Diese Wikis sehe ich kritisch. Auch, weil viele Autoren anonym bleiben. Denen geht es darum, auf die Verschleierung der Autorschaft hinzuweisen – ausgerechnet das geschieht anonym!

ZEIT: Wissen Sie, wer diese Blogs schreibt?

Rieble: Das sind etwa wissenschaftliche Mitarbeiter an den Unis. Die ärgern sich über den Plagiarismus in ihren eigenen Reihen, wollen aber nicht offiziell die Nestbeschmutzer sein.

ZEIT: Aber sie verändern das deutsche Wissenschaftssystem mit ihren Enthüllungen, oder?

Rieble: Nein, viele Wissenschaftler führen sich noch auf wie in feudalen Stammesgesellschaften; sie schützen ihre Zunft. Auch der Hochschulverband will alles im Geheimen halten. Dabei müsste man jedem Plagiatsverdacht nachgehen, man dürfte keine Minister schonen, auch angesehene Professoren nicht. Man will aber nicht. So erleidet die Wissenschaft einen schleichenden Ansehensverlust – und den verdient sie auch.

ZEIT: Warum schreiben viele Wissenschaftler ab?

Rieble: Es gibt, kurz gefasst, drei Gründe: Mittelmaß, Geltungssucht, Faulheit.

ZEIT: Aber woher kommt das? Ketzerisch gefragt: Kann es sein, dass in den Universitäten an vielen Stellen die zweite Garde arbeitet – die nach dem Studium keinen Job bekam?

Rieble: Das würde ich nicht sagen. Es gibt Professoren, die für die Wissenschaft brennen; aber in Massen-Unis können sich auch jene durchsetzen, die nicht von tiefem Wahrheitsdrang erfüllt sind, sondern den sicheren Job lieben.

ZEIT: Die Dresdner Juniorprofessorin Nina Haferkamp soll in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben, war in der Presse zu lesen. Nun beklagen sich ihre Vorgesetzten über Medienhetze.

Rieble: So ein Unsinn. Natürlich sind Medien in einer alarmistischen Stellung. Aber wer im Wissenschaftsbetrieb etwas veröffentlicht, muss damit leben, dass sich Leser damit öffentlich auseinandersetzen.

ZEIT: Die Kollegen der Professorin schützen sie demonstrativ.

Rieble: Die Frau hat offenbar abgeschrieben bis zum Anschlag, und nun heißt es wieder, da fehle die Täuschungsabsicht. Als ob ein Wissenschaftler nicht wüsste, wie man richtig zitiert! Aber selbst Bernd Althusmann hat sich so gerettet, immerhin der niedersächsische Kultusminister.

ZEIT: Auch Sachsens Ex-Kultusminister Roland Wöller hat nicht sauber gearbeitet und durfte seinen Doktorgrad behalten.

Rieble: Angeblich fehlte auch bei ihm die Täuschungsabsicht. Wer Kultusminister ist, dem passiert eben nichts. Die beste vorbeugende Lösung wäre es, jedem Kultusminister 20 Ehrendoktortitel zu verleihen, dann müssen die keine eigene Arbeit schreiben.