Die Dissertation der Nina Haferkamp ist jetzt von beachtlichem Wert. Bei Amazon lässt sich das Buch zum Liebhaberpreis erstehen – für 129,75 Euro. Ob sich noch Liebhaber finden werden, ist allerdings die Frage: Denn es sind unschöne Geschichten, die der Arbeit dieser Juniorprofessorin zurzeit so viele Käufer bescheren. Die Schrift steht unter Plagiatsverdacht.

Sozialpsychologische Aspekte im Web 2.0 heißt die Arbeit, eingereicht im Jahr 2009 an der Uni zu Duisburg-Essen. Es geht um Soziale Netzwerke, vor allem um StudiVZ. Es ist eine Studie über Selbstdarstellung, über Selbstdarstellung im Internet. Darüber, wie sehr das Web das Leben der meisten Menschen verändert hat.

Anfang 2011 wurde Nina Haferkamp, damals 28 Jahre alt, auf eine Juniorprofessur an der TU Dresden berufen, ihr Arbeitsbereich heißt: »Emerging Communication and Media«. Es geht um aufstrebende Kommunikationsformen. Es ist ein Stiftungslehrstuhl, finanziert von einem umtriebigen Dresdner Verleger. »Die Facebook-Professorin«, so nannte eine Zeitung Nina Haferkamp damals. In den Berichten konnte man lesen, wie anders und besonders »Sachsens jüngste Professorin« sei: Haferkamp »postet witzige Bilder«, in Seminaren gehe es um »Internet, Chat, Sex und Dates«. Man sah in den Blättern die Bilder einer blonden, klugen Schönen. Haferkamp wurde als Frau der Zukunft gefeiert. Sie ließ sich das gern gefallen.

Und jetzt schlägt der Ton der Berichterstattung um. Juniorprofessorin verlässt das Institut , diese Nachricht stand kürzlich auf den Seiten der TU Dresden. Plötzlich fragt Bild: »Hat sie sich für ihre Doktorarbeit im Internet bedient?« Und druckt dieselben Fotos, die schon ihren Aufstieg geschmückt hatten. Groß ist nun die Häme: Ausgerechnet eine Onlineexpertin soll ganze Absätze aus Wikipedia kopiert haben? Das sorgt für Aufruhr in Dresdens TU und auch in der Medienszene. Haferkamp, hört man, leide heftig unter der Last dieser Anschuldigungen. Sie hat jetzt, kurz vor Semesterbeginn, ihre Stelle in Dresden gekündigt. Sprechen darüber will sie nicht.

Jobverzicht aus "gesundheitlichen Gründen"

Eine Frau schreibt ab, eine Frau wird erwischt, eine Frau zieht die Konsequenzen. So geht die einfache Geschichte. Die Wahrheit ist komplizierter.

Haferkamps Jobverzicht, das teilt die TU Dresden mit, sei aus »gesundheitlichen Gründen« erfolgt. Haben Medien und Blogger sie in den Rücktritt getrieben, bevor die Plagiatsvorwürfe überhaupt bewiesen sind? Noch untersucht eine Kommission an der Uni Duisburg-Essen die Arbeit akribisch. Von einer »öffentlichen Prangersituation« und »bisher unbewiesenen Anschuldigungen« schreibt derweil Wolfgang Donsbach, Chef des Instituts für Kommunikationswissenschaften (IfK) in Dresden. Zur Erklärung bemüht der Professor Vergleiche mit dem Fall des Nato-Generals Günter Kießling, dessen Karriere in den 1980er Jahren zerstört wurde – mit Gerüchten, Kießling sei homosexuell. Donsbach will damit illustrieren, was falsche Gerüchte bewirken können. Aber kann davon hier die Rede sein? Nina Haferkamps Anwalt Gernot Lehr, bekannt geworden als Advokat Christian Wulffs, würde Berichterstattung über diesen Fall am liebsten komplett unterbinden.

Also muss man Haferkamps Jäger treffen, er heißt Stefan Weber und wohnt in Dresdens bester Lage, am Rande des Viertels Loschwitz. Er ist jener Mann, der den Fall Haferkamp ins Rollen brachte. Weber hat in diesen Tagen manche Schlammpackung zu ertragen. Der Österreicher, 42 Jahre alt, macht zurzeit eine Kur: Ihn schmerzt der Rücken. Es gibt im Kurhaus Fango, Gesundheitsschlamm. Ruhe gibt es nicht, denn Weber hat sich Arbeit mitgenommen: Doktorarbeiten. Er bezeichnet sich als Experten für die »wissenschaftliche Redlichkeit«, darauf prüft er Dissertationen. Er ist eine Kapazität in seinem Fach. Auch Hochschulen beauftragen ihn mit der Überprüfung in besonders heiklen Fällen.

Am 7. Juli 2012 stellte Weber erste Belege in seinen Blog : »Exzellenz an der TU Dresden: Juniorprofessorin schrieb in ihrer Dissertation auch üppig aus der Wikipedia ab.« Im Anhang eine PDF-Datei, mit für die Autorin peinlichen Belegen. Teils wortgetreu, teils leicht verschleiert hat sie demnach aus Onlinequellen und Büchern ganze Passagen übernommen – unzitiert. Auf Webers Eintrag hin begannen die Medien zu berichten. Das ist der Effekt, den der Jäger sucht: Hochschulgremien, glaubt er, verschleppten solche Probleme sonst.