ZEITmagazin: Herr Schweiger , Sie haben erst Medizin studiert, wie kamen Sie zum Film?

Til Schweiger: Die Vorstellung, Arzt zu sein, jemand, der Sinnvolles und Gutes tut, gefiel mir sehr. Als ich dann sechs Stunden pro Tag vor einem Mikroskop saß und Zellstrukturen abzeichnen musste, während meine Freunde immer draußen am See waren, wurde mir schnell klar: Das ist doch nichts für mich. Schon als Kind habe ich mein ganzes Geld ins Kino getragen, Film lag also nahe.

ZEITmagazin: Was war Ihr Lieblingsfilm?

Schweiger: Für Der Profi mit Jean-Paul Belmondo ging mein ganzes Taschengeld drauf. Obwohl ich immer wieder darunter gelitten habe, dass Belmondo am Schluss stirbt, habe ich den Film von montags bis freitags täglich, wie besessen, angeschaut.

ZEITmagazin: Worauf legen Sie in Ihren Filmen besonderen Wert?

Schweiger: Ich habe als Regisseur den Anspruch, beim Publikum viele Emotionen auszulösen, und als Schauspieler, so authentisch wie möglich zu spielen. Bei Zweiohrküken mache ich zwei Stunden lang einen Gag nach dem anderen, und am Schluss sitzen viele da und zücken die Taschentücher, das finde ich schön.

ZEITmagazin: Gibt es Rollen und Filmstoffe, die Sie ablehnen würden?

Schweiger: Sicher. Ich will mich nicht in der Rolle eines Pädophilen, Vergewaltigers oder Nazis sehen. Ich spiele aus Prinzip keinen Nazi, nicht mal für Steven Spielberg oder die Coen-Brüder. Auch wegen meiner Kinder nicht. Ich verachte Nazis, so einfach ist das. Ich habe deshalb 25 Hollywoodfilme abgelehnt. In Inglourious Basterds spielte ich einen Mann, der Nazis tötet. Da hat sich der Kreis geschlossen.

ZEITmagazin: In dem Thriller "Schutzengel" spielen Sie einen Afghanistan-Veteranen, der einer Schutzzeugin, gespielt von Ihrer Tochter, das Leben rettet. Haben Sie jemals einen Schutzengel gehabt?

Schweiger: Ich hatte bei den Dreharbeiten mehrere Schutzengel. Meine Haushälterin gab mir vor dem Drehen einen Schlüsselanhänger mit einem Käfer aus falschem Gold und Glitzer. Sie sagte im Befehlston: "Ich will, dass du diesen Glücksbringer bei dir trägst." Ich antwortete, dass ich das sehr süß von ihr fände, aber das Ding viel zu hässlich sei. Trotzdem habe ich nachher meine Garderobiere gebeten, es immer irgendwo in meine Kleidung zu stecken, dorthin, wo es niemand sieht.

ZEITmagazin: Sind Sie abergläubisch?

Schweiger: Eigentlich nicht, ich wollte sie aber nicht enttäuschen und schon gar nicht widersprechen. Beim Dreh lief tatsächlich einiges schief. Bei einer Schießerei ist mir mal ein Metallsplitter aus einem Auto um die Ohren geflogen, knapp an der Halsschlagader vorbei. Er hat mir die Hand aufgeschlitzt, und ich musste sofort in die Klinik. Auf dem Weg dorthin habe ich nur gedacht: Scheiße, das ist der absolute Super-GAU, ich kriege meinen Film nicht fertig. Ich bin daher gleich wieder ans Set zurückgefahren. Die genähte Wunde hatte ich völlig ausgeblendet, denn ich wusste, dass wir in dieser Nacht fertig werden mussten, weil wir mitten in Berlin keine weitere Drehgenehmigung kriegen würden. Meine Maskenbildnerin redete auf dem Rückweg auf mich ein und sagte, ich hätte verdammtes Glück gehabt und dass ich tot sein könnte. In dem Moment ist mir ganz schlecht geworden. Da fiel mir der Schutzengel ein, der Glücksbringer von meiner Haushälterin Lena.

ZEITmagazin: War es nicht eher ein glücklicher Zufall als eine Rettung?

Schweiger: Vielleicht, aber der Glücksbringer kam mehrmals zum Einsatz. Einmal gingen mehrere Sprengladungen an meiner Weste im falschen Moment los und verletzten mein Auge. Rund ums Auge und am Lid hatte ich überall kleine Risse, aber nicht am Augapfel. Der Arzt meinte, einige wenige Millimeter weiter, dann wäre ich wahrscheinlich blind oder hätte an Sehkraft eingebüßt.

ZEITmagazin: Manchmal helfen selbst Glücksbringer nicht. Was war Ihre größte Krise?

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Schweiger: Als unsere Ehe auseinanderbrach. Ich war an einem Punkt angekommen, wo es nicht mehr weiterging. Diese Krise habe ich im Endeffekt nicht gemeistert, die Trennung war eher ein Befreiungsschlag. Jahrelang denkt man: Es geht nicht, was mache ich jetzt bloß? Ich kann nicht mit der, und die kann nicht mit mir, aber ich will keine Scheidungskinder.

ZEITmagazin: Kindern zu erklären, dass sich die Eltern trennen, ist für alle Seiten belastend. Wie haben Sie das gemeistert?

Schweiger: Wir haben ihnen das, was kein Kind jemals hören will, gemeinsam erklärt. Oder wir haben es zumindest versucht. Den Blick, den sie alle draufhatten, werde ich nie vergessen. Da kann man von "meistern" im Grunde nicht reden.