Willemsens JahreszeitenEs wird Herbst

Ein Sommer ohne Sommerlöcher geht zu Ende. Roger Willemsen hat deshalb genug Stoff für seinen Text. von Roger Willemsen

Was fängt man bloß mit einem Sommer ohne Löcher an? Über der Arktis ist die Ozonschicht wieder geschlossen, im Baggersee dümpelt kein Krokodil, nur ein Biber. Immerhin wurde ein neuer Lurch identifiziert, hatte aber bloß Falten und keine Lungen. Ein neuer Affe wurde im Kongo entdeckt, schaute aber wund wie der scheidende Sloterdijk in der Dämmerung des Philosophischen Quartetts . Die Mutter Michael Jacksons tauchte ab, die Muttergottes aber tauchte auf und zeigte sich in einem Ginkgo-Baum bei New York.

In Russland findet man 250 tote Föten im Wald, aber keine lebenden Mütter dazu. In Deutschland findet man massig Beschnittene, aber keine stern- Kampagne mit Prominenten: »Meine Vorhaut gehört mir.« In Italien findet man Berlusconi ante portas, aber keine Verwendung für ihn. In der FDP findet man eine Prämie für Urlauber gut, die in die Problemzonen des Euro-Gebietes reisen, aber niemanden, der sie bezahlt oder beansprucht. Die Rolling Stones werden sechzig, der Räuber Hotzenplotz wird fünfzig, Berlin-Schönefeld wird zwei Jahre auf sich warten lassen, schon zitieren die Sponti-Propheten den greisen Ulbricht: »Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu bauen

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Sicher ist dagegen: In jeder Sekunde haben weltweit zwar 2778 Paare Sex, doch jeder fünfte Deutsche kann nicht richtig lesen. Der Rest aber macht 50 Shades of Grey zum Bestseller . Das heißt, das Volk, das eben noch der letalen Wirkung von Sarrazins Euro-Schwarte entgangen war, belohnt sich jetzt mit einem Sadomaso-Bestseller – der Fortsetzung von Thilo mit anderen Mitteln. Man hat jetzt ein devotes Verhältnis zur Währung und ein autoritäres zur Liebe. Der Papst dagegen fordert umgekehrt, wir sollten uns besser der Liebe unterwerfen und das Geld in die Schranken weisen. Wer’s glaubt, wird selig, sagt die Welt und wird lieber nicht selig, sondern glaubt so vor sich hin.

Und der Papst? Dem hilft kein Gott, nicht mal gegen die Titanic . Bleibt also nur die Hoffnung auf Erlösung, und da gibt es Ansätze: Die ARD erlöste uns von Weißbier-Waldi , der UCI erlöste uns von Lance Armstrong , Katie Holmes erlöste sich von Tom Cruise und wurde, wie Goldenes Blatt und FAZ gleichzeitig melden, eine selbstbewusste junge Frau, die ihr Image kontrolliert, also alles, was die professionelle Image-Kontrolleurin Bettina Wulff nicht ist und tat.

Roger Willemsen

56, wurde bekannt als Talkshow-Moderator und als Autor. Zuletzt erschien bei S. Fischer sein literarisches Reisebuch Die Enden der Welt, für das er an 23 entlegene Orte der Erde reiste, von Patagonien bis Timbuktu. In seiner Serie »Willemsens Jahreszeiten« blickt er jedes Vierteljahr auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Monate zurück

Wohlgemerkt, Bettina Wulff ist kein Plunderteilchen, keine südkoreanische Kampfsportart und keine schaumgeborene andalusische Seenomadin oder was Googles Suggest-Funktion sonst noch anbieten könnte. Sie war auch nicht Hostess, Andromeda oder Zugehfrau im Escort-Service. Doch Journalisten, die das vor Monaten hätten recherchieren können, recherchierten das vor Monaten lieber nicht, sondern wärmten sich am Feuer der Gerüchte. Als Christian Wulff dann in seinem Furor dem Freund und Bild- Chefredakteur Wüstes auf die Mailbox sprach, wurde das in aller Freundschaft veröffentlicht. Wulff trat zurück, die Ehe schlingerte, und wo wird der Schadensbericht der Bettina Wulff dann in aller Freundschaft veröffentlicht? In der Bild- Zeitung. Wir bewundern also das Schauspiel einer artistischen Autofellatio am politisch-medialen Körper. Dieser stimuliert sich erst selbst, bringt sich dann zum Höhepunkt, anschließend betrügt er sich und wird dafür bezahlt. Und das Personal? Wahlweise Stützen und Ständer der Gesellschaft.

Doch andererseits: Was sind das für Zeiten, in denen zuvor noch dem Feuilleton die Aufgabe zufiel, das Sommerloch mit einem Krokodil zu füllen. Das Krokodil hieß Schwedenkrimi, hatte zwei pseudonyme Verfasser, mehrere literarische Opfer und zahllose Scharfrichter. Mit scholastischem Ernst beschäftigte das Feuilleton nun die Frage, ob Schirrmacher, ob Diekmann oder ob bloß ein Allerwelts-Ekel der literarischen Retorte entsprungen und ob das Ganze zulässig sei. Anders gesagt: Weil dem Feuilleton offenbar der Stoff ausging, verarbeitete es den edelsten Stoff, also sich selbst, zur weltbewegenden Aufregung, und das Publikum stand staunend davor und fragte sich, wozu ein Feuilleton, das sich selbst genügt, Kultur, wozu es selbst Wirklichkeit braucht.

Dabei war so viel Kultur! In Kassel hielt sie sich hundert Tage unter dem Namen Documenta und dehnte sich von dort bis Kabul aus, währte aber nur einen Tag, und die Einheimischen mussten draußen bleiben. In Timbuktu hieß sie Weltkulturerbe und wird gerade sukzessive von Fundamentalisten zerstört. Im ZDF hieß sie Fernsehgarten, und kaum kürte Andrea Kiewel den »Döner-König«, drangen Randalierer ein und sangen: »Deutschland ist Scheise, ihr seid die Beweise«. Dazu warfen sie mit Käse, bis die Polizei einschritt. Pussy Riots, wohin man guckt!

Weh uns! Diese drei jungen Frauen leisteten sich dreißig Sekunden einer Documenta-würdigen, künstlerischen Blasphemie. Putin antwortete mit einem Spektakel, den man als Schauprozess nach stalinistischen Vorlagen bezeichnen könnte. Dieser Putin kommentierte ehemals die inzwischen rechtskräftigen Vergewaltigungsvorwürfe gegen den israelischen Präsidenten Mosche Katzav mit den Worten: »Was für ein starker Kerl. Zehn Frauen hat er vergewaltigt. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Er hat uns alle überrascht. Wir beneiden ihn alle!« Für die Zeile »Muttergottes, du Jungfrau, vertreibe Putin« aber sollen die drei Punk-Musikerinnen, so der Staatsanwalt, »von der Gesellschaft isoliert« werden, erst in Untersuchungs-, dann in Lagerhaft. Es gibt Zeiten, da sagt nur Punk die Wahrheit.

Da es aber bei jedem Unrecht einen Ehrenmann braucht, der ihm Legitimität verleiht, wollen wir auch sie nie mehr vergessen, Gerhard Schröders unsägliche Wendung vom »lupenreinen Demokraten« Putin, und zwar als eine Blasphemie gegenüber der Demokratie, für die Schröder mit Zwangsarbeit an den GazpromPipelines nicht unter zwei Jahren bestraft werden sollte.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 01. Oktober 2012 7:21 Uhr

    Vielen, vielen Dank den Lachanfall so früh an einem Montag Morgen. Der bringt mich wahrscheinlich durch den Rest der Woche :-)

    Eine Leserempfehlung
  1. in Griechenland. Dort wo 200 Familien mit Kindern keine staatlichen Hilfen mehr erhalten und mit Lebensmittelspenden der Bevölkerung unterstützt werden müssen. Dort wo die Koalition der Kneipenkasper Exempel statuieren will. Dort von wo niemand berichtete, dass ein Militärputsch im Novenber 2011 knapp verhindert werden konnte. Die Fortsetzung der Austeritätsmassnahmen wird die Demokratie aushebeln, aber mit solchen Kleinigkeiten belästigt man lieber nicht die Bürger.
    Der letzte Sommer Europas, wie wir es kannten.

    Wer die "Nachrichten" der Medien liesst, könnte wirklich den Eindruck eines "Sommerloches" haben.

    3 Leserempfehlungen
  2. ...wun-der-baren Artikel :-))

    via ZEIT ONLINE plus App

    Eine Leserempfehlung
  3. Sehr schöner Artikel, absolut lesenswert!

    Nur möchte ich bei dieser Steilvorlage gerne erwähnen, dass die Berichterstattung zu Mali viel zu kurz kam.
    http://www.spiegel.de/spi...

    • 2bears
    • 01. Oktober 2012 10:07 Uhr

    die Rolling Stones gehen zwar im einzelnen zumeist tapfer auf die 70 zu, werden aber tatsächlich erst 50 - auch wenn Keith Richards mittlerweile wie der Großvater vom Räuber Hotzenplotz
    aussieht und sich das Ensemble in ironischer Selbstüberbietung
    nur noch kosmologisch bzw. evolutionsgeschichtlich situiert...
    Soviel Zeit muss sein!

  4. Es war halt Vieles ausgesprochen "Hurz", um mit Hape Kerkeling zu sprechen. Dieser Beitrag allerdings ist es nicht. Mutti Merkel konnte ihre Leistung wieder nicht abrufen. So bleibt sie halt "Staubsauger für alles Durchschnittliche". Gewiss, gewiss dürfen wir die Färöer-Inseln nicht unterschätzen, zumal die Krise Deutschland erreicht hat. Kein Wunder nicht, bei den Milliarden Rettungspaketen für die Banker Europas.
    Der Herbst ist da. Wir treten in die heiße Wahlkampfphase für die Bundestagswahl 2013. Ich selbst favorisiere die Hasenpartei von Hape Kerkeling. Die etablierten Parteien waren zwar alles Lachnummern, da braucht es nun mal einer ernsthaften Partei mit echten Alternativen, welche den Einheitsbreiparteien des Deutschen Bundestages den Willen unseres Volkes wieder näher bringt.

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