Von Dresdens Marienallee dringt Bohren, Hämmern und Sägen. Die Melodie der Großbaustelle wird noch bis zum nächsten Frühjahr zu hören sein. Und auch dann wird es nicht stiller: Auf dem Gelände einer einstigen Kaserne, unweit der Dresdner Neustadt, soll bald ein Kindergarten eröffnet werden. Wo früher noch der Befehlston herrschte, geht es künftig um frühkindliche Pädagogik. Das jedenfalls ist der Plan. Doch dieser Kindergarten wird nicht irgendeiner sein.

Willkommen in einer der größten Kitas des Ostens! Mindestens 300 Kleinkinder sollen hier demnächst durch die Räume toben; in ansprechendem Ambiente: Man wolle die alte Kaserne »behutsam sanieren«, verspricht Uwe Töpfer, Chef der ausführenden Firma, als er das Gelände zeigt. »Riesige Räume« verspricht er. Hier werde auf Echtholzparkett gespielt, die restaurierten Holztüren sollen den Kleinsten ein »Gefühl für echte Werte« vermitteln. Und das nicht ohne Grund.

Der Osten braucht dringend Kindertagesstätten. Nur weniges fürchten die Kommunen mehr als den 1.August 2013: jenen Tag, an dem der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vom zweiten Lebensjahr an in Kraft tritt – bundesweit. Denn es gibt im vermeintlichen Kita-Paradies Ostdeutschland fast ebenso viele Probleme wie im Westen: 1500 Krippenplätze fehlen schon jetzt in einer Stadt wie Dresden . Zwar liegen die neuen Bundesländer allesamt über der von der Regierung angepeilten, deutschlandweiten Betreuungsquote von 35 Prozent. In Sachsen werden derzeit gut 44 Prozent der unter Dreijährigen betreut. Experten glauben aber, dass der Platzbedarf weiter steigen wird – auf 50, 60 Prozent. In großen Städten wie Dresden und Leipzig könnte sogar dieser Wert noch übertroffen werden. Niemand weiß, wie viele Eltern ihren Rechtsanspruch im Zweifel juristisch durchsetzen werden.

Und so greift Sachsen nun zu drastischen Mitteln: Großprojekten, Riesenkitas, in denen Hunderte Kinder unterkommen können. Rund 75 Kilometer westlich von Dresden entsteht in Flöha eine Einrichtung für 400 Kinder, die Bürgermeister Friedrich Schlosser euphorisch »ein richtiges Kinderdorf« nennt. In Wurzen bei Leipzig werden im »Spatzennest« schon jetzt 212 Kinder betreut, in Königs Wusterhausen, Brandenburg , ist eine Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt für 280 Kita- und Hortkinder entstanden.

In Sachsen wird der Platzbedarf in Kindergärten ähnlich wie bei der Hühnerhaltung berechnet: nach einem Quadratmeterschlüssel. Drei Quadratmeter stehen einem Krippenkind gesetzlich zu. Wie viele Ein- und Zweijährige in einem Raum letztlich untergebracht werden – das hängt nur von der Größe des Raumes ab. Vorgaben für maximale Gruppengrößen stehen in keinem Paragrafen. Viel Platz, viele Kinder, weniger Personalbedarf. Das ist die Rechnung. Aber geht die auf?

Eigentlich sei man sich im Stadtrat einig gewesen, »dass wir solche Rieseneinrichtungen wie in der Marienallee nicht wollen«, sagt Thomas Blümel ( SPD ). »Aber durch den Rechtsanspruch kommen wir massiv unter Druck.« Kita-Leiterinnen berichten, sie würden vom Sozialdezernat massiv gedrängt, die Gruppengrößen weiter zu erhöhen, um so viele Eltern wie möglich von den Wartelisten zu bekommen. Natürlich werden da Rufe nach Neubauten laut.

Aber Gebäude und Flächen für Kita-Neubauten sind rar. Einer Verlockung wie in der Marienallee vermag man da nicht zu widerstehen. Zumal wenn einer wie Uwe Töpfer, Chef eines Bauunternehmens, das Gebäude auf eigene Kosten saniert – um es später an den » Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen« der Stadt zu vermieten. Der Unternehmer freut sich auf Mieteinnahmen, die ihm die langfristigen Verträge garantieren.

Die Riesenbetriebe betriebswirtschaftlich interessant

Ursprünglich sollte die Kita rund 160 Plätze haben. Dann habe der Bauträger vorgeschlagen, zu verdoppeln – das ist vonseiten der Stadt zu vernehmen. Bauherr Uwe Töpfer erinnert sich anders: »Man ist angesichts des immensen Bedarfs an uns herangetreten: ob wir nicht erweitern könnten.« Träger der Kita im Auftrag der Stadt soll später das Deutsche Rote Kreuz sein. Auch der Verband hatte mit einer kleineren Einrichtung gerechnet – sei aber, heißt es aus dem Stadtrat, mit mehr oder weniger sanftem Druck dazu gebracht worden, sich mit dem Gedanken an eine Riesenkita anzufreunden.

Man kann Erzieherinnen fragen, wie sie sich die Arbeit in einem Haus mit mehr als 300 Kindern vorstellen. Die sprechen von der Rückkehr des »Kinderkombinats«: In einem solchen Heim in der Ost-Berliner Königsheide wuchsen von 1953 bis 1981 Tausende Kinder auf und sollten zu »Staatskindern« des Sozialismus erzogen werden. Auch wenn solch ein Ziel den heuten Großkitas fernliegt, birgt das Konzept Probleme. Das beginnt schon bei den organisatorischen Herausforderungen: Wie sollen auf einem riesigen Gelände Hunderte Kinder spielen, ohne dass die Erzieher den Überblick verlieren? Wie soll der Lärmpegel in Garten und Haus erträglich bleiben? Und wie soll zwischen so vielen Kindern und Betreuern die vertraute Atmosphäre entstehen, die gerade die Kleinsten brauchen?

Darauf gebe es keine Antworten, sagt Heike Heubner-Christa vom Dresdner Kinderschutzbund. Ihr Verband ist Träger von fünf Kindertagesstätten. Von der Riesenkita-Ausschreibung habe man »die Finger gelassen«, sagt sie. Allein für den Verwaltungsaufwand eines solchen Hauses sei die Geschäftsstelle ihres Vereins nicht gerüstet. Zudem passe das Konzept nicht zu ihrer Arbeitsweise: »Wir haben den Anspruch, eine eher familiäre Betreuung anzubieten . Dazu gehört, dass jede Erzieherin jedes Kind und seine Eltern kennt. Wie man einen Eltern-Kind-Bastelnachmittag oder einen Weihnachtsmarkt mit 500 Leuten gestalten sollte, ist mir rätselhaft.«

Unabhängige Experten für frühkindliche Bildung schlagen ohnehin Alarm. Ilse Wehrmann ist Diplom-Sozialpädagogin und Sachverständige für Frühpädagogik, sie berät auch die Bundeskanzlerin in sozialpolitischen Fragen. »Ein Wahnsinn« seien die Riesenkitas, »es wäre schade, wenn Sachsen bei der Kinderbetreuung wirklich den chinesischen Weg der Massenunterbringung gehen würde, nachdem es jahrelang eine Vorreiterrolle bei der Bildung innehatte«. Ideal seien Einrichtungen, in denen maximal 80 Kinder betreut würden, alles andere sei »pädagogisch nicht geschickt« – und zudem schon hinsichtlich der Aufsichtspflicht der Erzieherinnen mit gesundem Menschenverstand kaum denkbar.

Allerdings sind die Riesenbetriebe betriebswirtschaftlich interessant: schon hinsichtlich des Personaleinsatzes. Wenn in einer kleinen Kita Erzieherinnen wegen Krankheit oder Urlaub ausfallen, kommen die Einrichtungen schnell in Nöte. In großen Häusern fällt es leichter, Personal hin- und herzuschieben. Für die Arbeitsabläufe mag das gut sein; für die Kinder wird es schnell zum Problem. Das sagt Eva-Maria Stange , bildungspolitische Sprecherin der SPD in Sachsens Landtag: »Gerade für die unter Dreijährigen sind stabile Bindungen extrem wichtig -– und auch ihre Eltern wollen verlässliche Ansprechpartner.« Das Vertrauen ostdeutscher Mütter und Väter in die Qualität institutioneller Betreuung sei traditionell größer als im Westen. »Aber wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, dass die Erzieherin, bei der ich das Kind morgens abgebe, auch wirklich den ganzen Tag zuständig ist; und wenn ich letztlich das Gefühl haben muss, in der Kita würden sich Fremde um meinen Nachwuchs kümmern – dann schwindet dieses Vertrauen schnell.«

Über sein pädagogisches Konzept für die neue Riesenkita will das Deutsche Rote Kreuz noch nicht sprechen – man sei bislang vom Stadtrat nicht offiziell beauftragt. Noch stehen Detailverhandlungen zwischen dem Verband und der Kommune an.

Im Stadtrat kursieren Zweifel an der Eignung des Trägers. Linken-Stadtrat Tilo Kießling sagt, Ihm gebe zu denken, dass das Dresdner Rote Kreuz keinerlei Erfahrungen mit einer großen Kita habe. Bei den endgültigen Beratungen im Stadtrat wird es zur geplanten Großkita noch viele Fragen geben. Expertin Wehrmann ist dafür, dass man sich dafür Zeit nimmt: »Die ersten sechs Jahre für Kinder sind so wichtig«, sagt sie. »Was da mit den falschen Kitas kaputtgemacht wird, ist irreparabel.«