KinderbetreuungPumpen wir die Kita auf!

Zum Beispiel Dresden: Im Osten entstehen überall Mega-Kindergärten. Experten warnen vor dem "chinesischen Weg". von Susanne Kailitz

Von Dresdens Marienallee dringt Bohren, Hämmern und Sägen. Die Melodie der Großbaustelle wird noch bis zum nächsten Frühjahr zu hören sein. Und auch dann wird es nicht stiller: Auf dem Gelände einer einstigen Kaserne, unweit der Dresdner Neustadt, soll bald ein Kindergarten eröffnet werden. Wo früher noch der Befehlston herrschte, geht es künftig um frühkindliche Pädagogik. Das jedenfalls ist der Plan. Doch dieser Kindergarten wird nicht irgendeiner sein.

Willkommen in einer der größten Kitas des Ostens! Mindestens 300 Kleinkinder sollen hier demnächst durch die Räume toben; in ansprechendem Ambiente: Man wolle die alte Kaserne »behutsam sanieren«, verspricht Uwe Töpfer, Chef der ausführenden Firma, als er das Gelände zeigt. »Riesige Räume« verspricht er. Hier werde auf Echtholzparkett gespielt, die restaurierten Holztüren sollen den Kleinsten ein »Gefühl für echte Werte« vermitteln. Und das nicht ohne Grund.

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Der Osten braucht dringend Kindertagesstätten. Nur weniges fürchten die Kommunen mehr als den 1.August 2013: jenen Tag, an dem der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vom zweiten Lebensjahr an in Kraft tritt – bundesweit. Denn es gibt im vermeintlichen Kita-Paradies Ostdeutschland fast ebenso viele Probleme wie im Westen: 1500 Krippenplätze fehlen schon jetzt in einer Stadt wie Dresden . Zwar liegen die neuen Bundesländer allesamt über der von der Regierung angepeilten, deutschlandweiten Betreuungsquote von 35 Prozent. In Sachsen werden derzeit gut 44 Prozent der unter Dreijährigen betreut. Experten glauben aber, dass der Platzbedarf weiter steigen wird – auf 50, 60 Prozent. In großen Städten wie Dresden und Leipzig könnte sogar dieser Wert noch übertroffen werden. Niemand weiß, wie viele Eltern ihren Rechtsanspruch im Zweifel juristisch durchsetzen werden.

Und so greift Sachsen nun zu drastischen Mitteln: Großprojekten, Riesenkitas, in denen Hunderte Kinder unterkommen können. Rund 75 Kilometer westlich von Dresden entsteht in Flöha eine Einrichtung für 400 Kinder, die Bürgermeister Friedrich Schlosser euphorisch »ein richtiges Kinderdorf« nennt. In Wurzen bei Leipzig werden im »Spatzennest« schon jetzt 212 Kinder betreut, in Königs Wusterhausen, Brandenburg , ist eine Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt für 280 Kita- und Hortkinder entstanden.

In Sachsen wird der Platzbedarf in Kindergärten ähnlich wie bei der Hühnerhaltung berechnet: nach einem Quadratmeterschlüssel. Drei Quadratmeter stehen einem Krippenkind gesetzlich zu. Wie viele Ein- und Zweijährige in einem Raum letztlich untergebracht werden – das hängt nur von der Größe des Raumes ab. Vorgaben für maximale Gruppengrößen stehen in keinem Paragrafen. Viel Platz, viele Kinder, weniger Personalbedarf. Das ist die Rechnung. Aber geht die auf?

Eigentlich sei man sich im Stadtrat einig gewesen, »dass wir solche Rieseneinrichtungen wie in der Marienallee nicht wollen«, sagt Thomas Blümel ( SPD ). »Aber durch den Rechtsanspruch kommen wir massiv unter Druck.« Kita-Leiterinnen berichten, sie würden vom Sozialdezernat massiv gedrängt, die Gruppengrößen weiter zu erhöhen, um so viele Eltern wie möglich von den Wartelisten zu bekommen. Natürlich werden da Rufe nach Neubauten laut.

Aber Gebäude und Flächen für Kita-Neubauten sind rar. Einer Verlockung wie in der Marienallee vermag man da nicht zu widerstehen. Zumal wenn einer wie Uwe Töpfer, Chef eines Bauunternehmens, das Gebäude auf eigene Kosten saniert – um es später an den » Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen« der Stadt zu vermieten. Der Unternehmer freut sich auf Mieteinnahmen, die ihm die langfristigen Verträge garantieren.

Leserkommentare
  1. Das bedeutet für die Eltern, lange Fahrzeiten in Anspruch zu nehmen.

    Kindergärten gehören in die Nähe des Wohnortes. Diese Nähe ermöglicht Kinder Bekanntschaften zu Nachbarn, deren Kinder in den selben Kindergarten gehen, aufzubauen, und überhaupt ein Gefühl für Zeit und Raum zu entwickeln: denn die Nähe ermöglicht, daß Kinder den Kindergarten bald zu Fuß erreichen können.

  2. Wie Schneekristalle schon andeutete, entstehen so gewaltige Verkehrsprobleme, weil alle meinen sie müssten die Kinder mit dem Auto abliefern.

    Das ist doch viel sicherer.

    Wenn man für jedes Kind eine spezielle Einrichtung braucht die der Weltanschauung der Eltern gerecht wird, sind lange Wege und damit viel Verkehr nicht zu vermeiden.

  3. Hm, vielleicht wäre es auch ratsam, keine so große Panik zu verbreiten. Ich zweifele doch etwas, ob der Bedarf an Kitas wirklich so groß ist, wie er immer wieder dargesetllt wird, abgesehen von einigen Regionem/Städten.

    Wenn es zum "Schwur "kommt, können oder möchten sich manche Eltern, v.a Mütter, vielleicht doch nicht so lange von ihren Kleinkindern trennen und außerdem brauchen sie meist auch noch entsprechende Jobs.

    Bei uns ergab jedenfalls eine Bedarfsumfrage einen deutlich geringeren Bedarf, als von der Gemeinde angenommen, nun werden die Bau- und Ausbaupläne deutlich verkleinert.

  4. Gibt es auch einen Quadratmeterschlüssel für draußen? Was im KiTa-Ausbau so getrieben wird, kann nur durch weltfremde Statistiker verursacht sein. Ich wohne praktisch neben eine Kindergarten, der hatte früher 2/3 des Grundstückes Freifläche. Erst eine Erweiterung für Nachmittage, dann eine für U3. Die Rasenflächen sind inzwischen so klein und Zerstückelt dass Umhertollen praktisch unmöglich ist. Und alle Verantwortlichen waren zufrieden - unfassbar.

  5. ...ohne besonderen Informationsgehalt. Hier werden Ängste geschürt und Vorurteile vertieft.

    Mit der richtigen Organisation und Konzeption können jedoch alle "Argumente" leicht ausgehebelt werden.

    Beispiel Freifläche, welche "zu unübersichtlich" und "zu laut" würde: Einfach mehrere Spielplätze anlegen und baulich voneinander trennen. So ist es für Erzieher möglich, alle Kinder einer Gruppe im Blick zu halten. Die Nutzung durch Gruppen kann rotieren und damit Abwechslung ermöglichen. Dieses Konzept stammt übrigens von einem großen Kindergarten - aus China!

  6. .. dann die Schule, dann die Firma, dann das Altersheim! Alles durchorganisiert, durchstrukturiert, denn nur so kann den Menschen das Denken gleich von Anfang an abgewöhnt werden! Denn würden sie noch denken, könnten sie ja die Gewinne der Konzerne durch Verweigerung schmälern - oder was hat die Lufthansa der Aufstand der Flugbegleiter gekostet? Wer's nicht aushält, begeht Selbstmord, landet im Knast oder in der Psychiatrie. Ich möchte jedenfalls nicht mehr in einer Gesellschaft leben, die von Erwachsenen mit Massenkita-Kindheit gestaltet wird.
    Laßt Kinder in den ersten drei Jahren bei ihren Müttern (oder Vätern, das ist egal), schafft Halbtagsjobs für Eltern älterer Kinder, das ist der einzige sinnvolle Weg - aber die Wirtschaftsbosse sehen das natürlich anders und sitzen am längeren Hebel, es durchzudrücken, denn auf jeder Stufe warten Gewinne, Gewinne, Gewinne!

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    :-/

    • DDave
    • 28. September 2012 11:44 Uhr

    Natürlich entstehen dabei auch z.T. Verluste, die aber direkt in Gewinne umgewandelt werden können:
    Kinder kommen mit dem Leben nicht klar? -> ADHS, schluckt einen Medikamenten-Cocktail und die Pharmaindustrie freut sich
    Eltern stehen vor dem Burn-Out? -> Medikamente
    Die Personalkosten sind zu teuer -> Wir wandern ab, oder ihr arbeitet für weniger.
    Warum sollte Leitungswasser umsonst sein? -> Hier kann man Geld verdienen. Ach ja, vll zahlen wir bald für den CO2 Ausstoß unserer Atemluft....
    Und ansonsten Werbung: Was du hast nur ein Iphone4? Das geht aber gar nicht: Iphone5 ist aktuell...

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