TierschutzDer Schutz der Schweine

Tierschützer drängeln: Die Pläne der Fleischindustrie genügen ihnen nicht. von Christina Kyriasoglou

Plötzlich kümmern sich auch Supermärkte um die Sau. Dabei interessierte sie bislang vor allem, wie weit sie die Fleischpreise drücken können. Gerade Schweinefleisch ist ein großer Umsatzbringer. Da kommt es auf 50 Cent mehr oder weniger an.

Doch jetzt haben Supermärkte und Schlachtereien ganz offiziell beschlossen, mehr für den Tierschutz zu tun, als das Gesetz vorschreibt.

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Was ist geschehen?

Der Zeitpunkt des Beschlusses ist kein Zufall: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner verschärft die Gesetze zum Tierschutz. Und der Deutsche Tierschutzbund möchte ein neues Label für Schweinefleisch auf den Markt bringen. Dieses sollen nur landwirtschaftliche Betriebe bekommen, die besonders strenge Kriterien einhalten.

Die Gesetze machen die Branche nervös, das Label geht den meisten zu weit. Denn wer dieses Siegel will, muss viel ändern. Und das ist teuer: Die Schweine sollen mehr Platz bekommen, brauchen also größere Ställe. Mehr Stroh soll rein, damit die Schweine wühlen können. Vor allem aber dürfen die Ferkel nicht länger ohne Betäubung kastriert und ihre Schwänze nicht mehr kupiert werden.

Wer sich daran hält, hat die erste Stufe des Tierschutz-Labels erreicht. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder glaubt, dass diese erste Schwelle »viele Landwirte sofort umsetzen können«. Wer die zweite erklimmen möchte, muss seinen Schweinen im Freien Auslauf bieten und für noch mehr Stroh und Platz sorgen.

Einen großen Verbündeten hat der Tierschutzbund bereits, den niederländischen Konzern Vion, dessen Tochter der zweitgrößte Fleischvermarkter in Deutschland ist. Vion kooperiert mit landwirtschaftlichen Betrieben, in denen versucht wird, die hohen Standards umzusetzen. Bis jetzt tun dies 20 Ställe mit 40.000 Schweinen pro Jahr.

»Wir sehen einen Markt, den es zu erschließen gilt«, sagt Heinz Schweer, Landwirtschaftsdirektor der Vion Food Group in Deutschland. Nach einer Forsa-Umfrage wollen 74 Prozent der Verbraucher Fleisch von Tieren kaufen, denen es nachweislich gut ergangen ist. »Wir wären schlechte Unternehmer, wenn wir nicht wenigstens testen würden, ob sich Fleisch mit dem Label verkauft«, so Schweer.

Die meisten Industriellen wollen aber nicht so weit gehen wie Vion. Die Fleischindustrie hat nach der BSE-Krise ihre eigene Organisation gegründet, auf die sie sich gern verlässt: die QS Qualität und Sicherheit GmbH. Sie überwacht entlang der Produktionskette des Fleischs, ob alle Gesetze eingehalten werden. Ist das der Fall, klebt auf der Verpackung der blaue Pfeil der Organisation.

Demnächst aber werden die Kontrolleure von QS mehr zu tun bekommen. Sie müssen prüfen, ob sich alle Landwirte an die verschärften Bestimmungen halten, die Verbraucherschutzministerin Aigner auf den Weg bringt: Schweine sollen vom nächsten Jahr an zeitweise in Gruppen gehalten werden. Vier Jahre später wird es generell verboten sein, Ferkel zu kastrieren. Außerdem legte die Ministerin eine Gesetzesnovelle vor, die den Antibiotika-Einsatz in der Mast bremsen soll.

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