Eine unerforschte Spezies lebt in den Laboren – die Versuchstiere. An ihnen wird so manches erforscht; über sie selbst und über ihr Wohlergehen ist jedoch viel zu wenig bekannt. Wie geht es ihnen? Wie viel leiden sie? Und wie kann man ihr Leben angenehmer gestalten? All diese Fragen würden zu wenig erforscht, beklagen deutsche Wissenschaftler und Ethiker, die sich im »Forum Tierversuche in der Forschung« zusammengefunden haben. Um das zu ändern, haben sie nun ein Impulspapier veröffentlicht, das eine breite Diskussion anstoßen soll.

Anlass für die Klage gibt es genug: Entgegen früheren Hoffnungen ist die Zahl der Versuchstiere im vergangenen Jahrzehnt nicht etwa gesunken, sondern stark gestiegen. Dienten im Jahr 2000 insgesamt noch etwa 1,8 Millionen Tiere der Forschung, sind es aktuell rund 2,9 Millionen; davon über 80 Prozent Mäuse und Ratten. Vor allem die Züchtung transgener Mäuse, die als Modell für verschiedene Krankheiten dienen, hat die Zahl der Labortiere wieder zunehmen lassen.

Diese Entwicklung müsse man – trotz aller Hoffnungen auf alternative Methoden – zur Kenntnis nehmen, sagt Cornelie Jäger, Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg und Koautorin des Impulspapiers. Um das Tierleid zu reduzieren, finden sich zwar in jeder Tierversuchsleitlinie die »drei r«: reduce, replace und refine . Man soll Tierversuche möglichst vermeiden (reduce), Alternativen erforschen (replace) und die Experimente so gestalten und weiterentwickeln (refine), dass die Tiere möglichst wenig leiden. Doch gerade beim letzten Punkt hapert es.

Denn jenes Fach, das dafür zuständig wäre, Vorschläge für möglichst tiergerechte Experimente zu machen, kommt in Deutschland viel zu kurz. Derzeit gibt es nur eine einzige Professur für Versuchstierkunde, und zwar in Hannover. Das Fach müsse daher dringend ausgebaut werden, fordern die Forumsmitglieder in ihrem Impulspapier »Versuchstierkunde und Refinement«. Denn aus vielen Tierstudien ließen sich zusätzliche Erkenntnisse gewinnen, die das Tierleid verringern. Dabei wäre es letztlich auch im Interesse der Forschung, den Stress der Tiere zu minimieren: Nur so ergeben sich stabile Versuchsergebnisse mit möglichst geringer statistischer Abweichung. »Und das wiederum hilft, die Zahl der verwendeten Tiere niedrig zu halten«, erklärt Jäger. Statt die drei r – reduce, replace und refine – getrennt zu diskutieren, wie es häufig auf Konferenzen geschehe, müsse man diese daher künftig gemeinsam betrachten.

Doch wie erforscht man Tierleid, ohne den Tieren dafür Leid zuzufügen? Setzt sich nicht gerade der Versuchstierkundler dem Vorwurf aus, noch mehr überflüssige Tierversuche anzustellen? Auch die Diskussion über solche Fragen innerhalb von Wissenschaft und Politik will das Impulspapier anstoßen.

Cornelie Jäger hat für sich schon einige Antworten gefunden: Viele Tierversuche, die ohnehin durchgeführt werden, ließen sich zusätzlich noch auf das Wohlergehen der Tiere hin auswerten. Dann seien keine weiteren Versuche nötig; allein die genauere Beobachtung des Laboralltags verspreche schon neue Erkenntnisse.

»In den kommenden zehn Jahren wird man nicht auf Tierversuche verzichten können«, sagt der Biochemiker Marcel Leist, der an der Universität Konstanz an Alternativen zu Tierversuchen forscht. Gerade darum müsse man fordern, dass Experimente so gestaltet werden, dass das Tier möglichst wenig leidet.«