US-Wahlkampf Der kalte Blick
Mitt Romneys größtes Problem sind nicht seine Patzer im Wahlkampf: Der Republikaner meint, Politik wie Firmen verkaufen zu können.
Es ist jedes Mal dieselbe Show: Aus den Lautsprechern dröhnt Kid Rocks Born Free, auf dem Rasen neben der Bühne hält ein weißer Bus mit der Aufschrift »Konservativer, Geschäftsmann, Anführer!«, die Tür öffnet sich, Mitt Romney stakst mit schnellen Schritten zum Rednerpult und sagt: »Ich habe nicht nur Wirtschaft studiert, ich habe sie als Geschäftsmann auch 25 Jahre lang gelebt.« Zwölf Millionen Jobs verspricht der 65-jährige Republikaner seinen Zuhörern, von denen die meisten weiß und über 40 sind. Unter lautem Beifall ruft er: »Wir brauchen nicht mehr Staat. Wir brauchen mehr Unternehmer. Oh ja, ich liebe Amerikas Unternehmergeist!« Nach 30 Minuten ist er fertig, winkt kurz nach links und rechts und verschwindet im Bus. Bald hat sich die Wiese geleert.
Gestern Florida, heute Virginia, morgen Ohio – überall wird dieselbe Musik aufgelegt. Doch der rockige Free-Rider-Song will nicht zum Kandidaten passen. Als Kopfmensch, steif und hochdiszipliniert, ist Mitt Romney alles andere als wild. Das Reiten überlässt er lieber seiner Frau Ann. Ihm ist der Gedanke unheimlich, dass ein Pferd mit ihm auf dem Sattel außer Kontrolle geraten könnte.
Nachdem er vor vier Jahren im republikanischen Vorwahlkampf unterlag, versucht er jetzt zum zweiten Mal, Präsident zu werden. Akribisch hat er sich auf die Schlacht gegen Obama vorbereitet, Hunderte Millionen Dollar füllen seine Kriegskasse. Romney profitiert vor allem von den Super Pacs, Wahlhelfer-Komitees, die seit Kurzem Spenden in unbegrenzter Höhe entgegennehmen dürfen, um einen Kandidaten zu unterstützen. Romneys Super Pacs haben deutlich mehr Geld eingenommen als Obamas und finanzieren damit eine negative Kampagne gegen den Präsidenten nach der anderen.
Hoher Einsatz muss sich auszahlen: Das war schon Romneys Credo als Unternehmer. 25 Jahre lang kaufte er mit seiner Firma Bain Capital marode Betriebe auf, sie wurden zerlegt, umgemodelt und wieder erfolgreich in den Markt geschleust. »Destruktive Konstruktion« nennt Romney dieses Geschäft, das unbestritten mehr Arbeitsplätze rettete als vernichtete – und ihn überdies 250 Millionen Dollar reich machte. In dieser Businesswelt hat er keine Empathie für die Menschen am anderen Ende der Gesellschaft entwickelt, für das soziale Geflecht seines Landes: Vergangene Woche wurde ein Videoclip öffentlich, in dem er 47 Prozent der Amerikaner bezichtigte, vom Staat zu leben und keine Verantwortung für sich zu übernehmen. Später entschuldigte er sich dafür.
Romney selbst zahlt im Verhältnis zu vielen anderen Amerikanern eine deutlich geringere Steuerquote: In den vergangenen zwei Jahren haben die Romneys jeweils etwa 14 Prozent ihrer Einkommen aus Kapitalvermögen an den Fiskus abgeführt. Aufgrund des öffentlichen Drucks hat das Paar gerade eine zweite, aktuelle Steuererklärung vorgelegt.
Es muss für Romney niederschmetternd sein, dass es auf einmal so aussieht, als werde er die Wahl am 6. November verlieren: Alle Umfragen sprechen gegen ihn. Dabei schien der Sieg bis vor Kurzem zum Greifen nahe. Die Mehrheit der Amerikaner war unzufrieden mit Obama und wünschte sich einen Präsidenten mit größerer Wirtschaftserfahrung. Romney schien dafür wie gemacht. Nun wird er alles daransetzen, Obama in den anstehenden drei Fernsehduellen in die Defensive zu drängen. Beim ersten hat der Herausforderer sich gut geschlagen.
Amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe sind grausam. Lange kann man darüber reden, warum Romney sich und seiner Familie das antut. Will er seinen verstorbenen Vater in den Schatten stellen, der auch ein erfolgreicher Industriechef und Gouverneur war und Präsident werden wollte? Treiben ihn sein unbändiger Ehrgeiz und die Schmach, unterlegen gewesen zu sein? Oder ist seine tiefe, fast arrogante Überzeugung, dass er ein Mr. Fix it ist, ein Macher, der, wenn man ihn nur ließe, wie kein Zweiter Amerikas Wirtschaftsprobleme lösen könnte?
Ein Überzeugungstäter und ein Herz-Jesu-Politiker war Mitt Romney nie. Darin unterscheidet er sich von seinem Vater George. Der war ein glühender Anhänger der Bürgerrechtsbewegung und überwarf sich Mitte der sechziger Jahre mit den nach rechts rückenden Republikanern. Diese Standhaftigkeit hat sich Mitt nie zu eigen gemacht. Für ihn scheint das Gegenteil von Martin Luthers berühmtem Ausspruch zu gelten. Romney würde sagen: »Hier stehe ich, ich kann auch anders!« Der neue ideologische Purismus seiner Partei stört ihn anscheinend nicht, ganz pragmatisch passt er sich an. Mit dem Abgeordneten Paul Ryan machte er einen Liebling der rechten Tea-Party-Bewegung zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten.
Manche schimpfen ihn deshalb einen Scharlatan. Aber das ist falsch. Romney ist davon überzeugt, dass er in dieser ökonomischen Krise der beste Präsident wäre und Politik nur eine Ware ist, die je nach Bedarf dem Geschmack der Wähler angepasst werden muss. Als Unternehmer brachte er Firmen an den Mann, als Wahlkämpfer die Politik. Er ist ein Verkäufer durch und durch.
- Datum 06.10.2012 - 08:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.9.2012 Nr. 40
- Kommentare 42
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"Der Republikaner meint, Politik wie Firmen verkaufen zu können."
Das klingt ja fast wie die Politik und Herangehensweise von Silvio Berlusconi. Was am Ende daraus geworden ist, sieht man ja jetzt. Hoffentlich entscheidet der amerikanische Wähler weiser als die Mehrheit der Italiener damals.
Sorry - das ist Küchenpsychologie ohne Substanz.
Ich frage mich, und das gilt für alle halbwegs ernsthaften Politiker, inwieweit sie sich ihrer Vorbildfunktion für eine Gesellschaft und damit auch einer gesellschaftlichen Entwicklung bewusst sind. Ich finde eine generelle Politikerschelte ("Das sind doch alles Betrüger"; "Im Parlament wird doch eh nicht gearbeitet") plump und falsch, aber wenn ich als junger Mensch beobachte, wie sehr unter der Gürtellinie Obama und Romney sich bekämpfen, widert mich dies regelrecht an. Es geht nicht um die sachliche Diskussion, sondern darum, den anderen möglichst als Lügner darzustellen. Ja wenn die Repräsentanten der Menschen in einem Land sich schon so verhalten, warum sollten es nicht auch die Menschen selbst tun? Moralische Integrität ist ein hoch angelegter Begriff, sollte meiner Meinung aber für Politiker eine wichtige Richtschnur sein. Sachliche Diskussionen, aber nicht die immer wieder kehrenden Angriffe auf persönlicher Ebene. Warum geben die so viel Geld aus, um den anderen negativ darzustellen, statt die eigene Sache, die eigenen Ziele verständlich und angemessen zu präsentieren? Werben statt Diffamieren.
Ich hoffe, das der Wahlkampf in Deutschland nächstes Jahr gesitteter abläuft... Natürlich vergleiche ich Äpfel mit Birnen, aber irgendwie ist mir das zu viel Show und zu wenig Inhalt.
"Doch acht Jahre später wählten ihn die Bürger von Massachusetts zu ihrem Gouverneur, weil er neben einem ausgeglichen Haushalt auch für einen strengeren Umweltschutz und schärfere Waffengesetze stritt, weil er Homosexuellen mehr Rechte verschaffen wollte und das Recht auf Abtreibung verteidigte."
Woher weiß der Autor so genau, aus welchem Grund Romney gewählt wurde? Hellseher?
Auch der letzte Abschnitt, in dem wahlberechtigte Bürger in einer Demokratie einfach als "Irre" und "Ideologen" abgestempelt und herabgewürdigt werden, sagt eine Menge aus.
"[…] dieses Geschäft, das unbestritten mehr Arbeitsplätze rettete als vernichtete […]"
Das bestreite ich jetzt mal mit Nichtwissen. Es ist auch nicht plausibel, daß das Aufkaufen und Ausschlachten von Unternehmen (Romney’s Geschäftsmodell) Arbeitsplätze schafft. Dieses Geschäftsgebahren ist vielmehr das Durchsetzen einer skrupellosen Shareholder-Value-Mentalität auf dem Markt. Und diese Mentalität hat uns insgesamt zu der Krise geführt, in der wir uns befinden. Romney ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
... Rüstungskosten hoch....
... an Allem wird gespart und das Kapital gefördert...
Amerika must go on....
Jemand, der 12 Millionen Jobs verspricht (wo sollen die bitte schön herkommen?) und mal eben mit einem Handstreich 47% der Bevölkerung Honig um den Bart schmiert, die er bis vor knapp zwei Wochen noch verächtlich als Schmarotzer abgekanzelt hat, der ist in der Tat ein Verkäufer und kein Präsidentschaftskandidat. Und zwar einer der Verkäufer, denen man am besten nichts abkauft, weil er einem das Blaue vom Himmel verspricht und nach dem Kauf nichts mehr von seinen Versprechungen wissen will.
Ich erwarte von einem Politiker, dass er unangenehme Wahrheiten begründet. Es mag ja gute Gründe geben, warum 47% der Wähler nicht sein Klientel sind. Das kann er doch erklären und vielleicht wachen ein paar Prozent der 47% auf und denken, der Mann hat vielleicht recht, ich sollte meinen A***h mal bewegen, statt auf den Staat zu hoffen.
Diese 47% aber erst abkanzeln und dann, wenn es publik wird, eine Kehrwendung um 180 Grad zu machen, weil die Gefahr des weiteren Stimmenverlustes droht, ist ein Zeichen dafür, dass er für einen Wahlsieg auch seine tote Großmutter verscherbeln würde. Und solchen Menschen sollte man besser nicht trauen.
Ich kann Ihre Sorge nicht verstehen. "Weniger Steuern, weniger Staat und weniger Gesetze." Besser geht es doch gar nicht. Alles andere wäre Sozialismus und der ist im 21. Jahrhundet lange überholt. Den braucht kein Mensch mehr.
"Ich kann Ihre Sorge nicht verstehen. "Weniger Steuern, weniger Staat und weniger Gesetze." Besser geht es doch gar nicht. Alles andere wäre Sozialismus und der ist im 21. Jahrhundet lange überholt. Den braucht kein Mensch mehr."
So? Griechenland hatte weniger Steuer, weniger Staat und kaum Gesetze, zumindest keine, die auch ernsthaft durchgesetzt wurden. Wo das hinführte, wissen wir doch alle.
Bürokratie ist nichts schlimmes. Bürokratie, wie wir sie in Deutschland haben, ist sogar etwas sehr gutes. Das mit Sozialismus zu vergleichen, ist pure Polemik.
Ist selbst Extremist.
In Ihrem Fall ist es die Sichtweise, zu glauben, dass mehr Staat und mehr Gesetze konsequenterweise zum Sozialismus führen würden.
"Alles andere wäre Sozialismus und der ist im 21. Jahrhundet lange überholt."
Dabei wird übersehen das man damit auch nichts anderes als Sozialismus predigt, den Sozialismus für einige wenige.
Das ist das Ergebniss einer sehr extremen, wenig differenzierenden, fast typisch amerikanischen Sichtweise.
Mc Carthy lässt grüßen.
Die Amerikaner sollten wieder den Weg zur ihren progressiven Wurzeln finden.
"Alles andere wäre Sozialismus"
Wie gut, dass es im Dritten Reich, bei den Römern, den Griechen, Ägyptern, Chinesen und Indern keinerlei Gesetze oder Bürokratie gab, oder habe ich in Geschichte etwa gepennt?
Waren alles sozialistische Gesellschaften, nicht wahr?
... das war entweder Sarkasmus oder famose Realitätsverweigerung.
Ein echter Neoliberaler glaubt an diese These mit religiöser Inbrunst.
Das ist di einzihe Erklärung für die Verstocktheit.
Vor allen Dingen meinen diese Eiferer ja, dass es den Menschen tatsächlich besser geht.
Ich bin jetzt 46 Jahre alt und kann sagen - so gut wie der Generation meiner Eltern geht es schon lange keinem mehr.
Deutschland wird reicher - aber den Menschen geht es immer schlechter.
Diese neoliberalen Spinner und Irren werden sich wundern, wenn es zu einer Neuauflage der verschiedenen Revolutionen bzw. einer Rennaissance des europäischen Terrorismus kommt.
M. E. ist es nicht mehr lange bis dorthin, wenn ich nach Spanien oder Griechenland schaue.
Das Ende der Fahnenstange ist sogar in Deutschland fast erreicht.
Wir arbeiten und arbeiten, viel mehr als unsere Eltern - aber haben immer weniger und weniger, von Jahr zu Jahr.
Wo ist unser ganzes Geld geblieben?
Ein Blick auf die Konten des reichsten 1% macht das deutlich.
Unser Wirtschaftssystem, auch unser Sozialsystem, gründet aber auf Individualkonsum.
Was für ein System rationalisiert die eigenen Kunden weg?
Als Absatzmarkt ist man nun mal auf unseren Planeten beschränkt!
"Ich kann Ihre Sorge nicht verstehen. "Weniger Steuern, weniger Staat und weniger Gesetze." Besser geht es doch gar nicht. Alles andere wäre Sozialismus und der ist im 21. Jahrhundet lange überholt. Den braucht kein Mensch mehr."
So? Griechenland hatte weniger Steuer, weniger Staat und kaum Gesetze, zumindest keine, die auch ernsthaft durchgesetzt wurden. Wo das hinführte, wissen wir doch alle.
Bürokratie ist nichts schlimmes. Bürokratie, wie wir sie in Deutschland haben, ist sogar etwas sehr gutes. Das mit Sozialismus zu vergleichen, ist pure Polemik.
Ist selbst Extremist.
In Ihrem Fall ist es die Sichtweise, zu glauben, dass mehr Staat und mehr Gesetze konsequenterweise zum Sozialismus führen würden.
"Alles andere wäre Sozialismus und der ist im 21. Jahrhundet lange überholt."
Dabei wird übersehen das man damit auch nichts anderes als Sozialismus predigt, den Sozialismus für einige wenige.
Das ist das Ergebniss einer sehr extremen, wenig differenzierenden, fast typisch amerikanischen Sichtweise.
Mc Carthy lässt grüßen.
Die Amerikaner sollten wieder den Weg zur ihren progressiven Wurzeln finden.
"Alles andere wäre Sozialismus"
Wie gut, dass es im Dritten Reich, bei den Römern, den Griechen, Ägyptern, Chinesen und Indern keinerlei Gesetze oder Bürokratie gab, oder habe ich in Geschichte etwa gepennt?
Waren alles sozialistische Gesellschaften, nicht wahr?
... das war entweder Sarkasmus oder famose Realitätsverweigerung.
Ein echter Neoliberaler glaubt an diese These mit religiöser Inbrunst.
Das ist di einzihe Erklärung für die Verstocktheit.
Vor allen Dingen meinen diese Eiferer ja, dass es den Menschen tatsächlich besser geht.
Ich bin jetzt 46 Jahre alt und kann sagen - so gut wie der Generation meiner Eltern geht es schon lange keinem mehr.
Deutschland wird reicher - aber den Menschen geht es immer schlechter.
Diese neoliberalen Spinner und Irren werden sich wundern, wenn es zu einer Neuauflage der verschiedenen Revolutionen bzw. einer Rennaissance des europäischen Terrorismus kommt.
M. E. ist es nicht mehr lange bis dorthin, wenn ich nach Spanien oder Griechenland schaue.
Das Ende der Fahnenstange ist sogar in Deutschland fast erreicht.
Wir arbeiten und arbeiten, viel mehr als unsere Eltern - aber haben immer weniger und weniger, von Jahr zu Jahr.
Wo ist unser ganzes Geld geblieben?
Ein Blick auf die Konten des reichsten 1% macht das deutlich.
Unser Wirtschaftssystem, auch unser Sozialsystem, gründet aber auf Individualkonsum.
Was für ein System rationalisiert die eigenen Kunden weg?
Als Absatzmarkt ist man nun mal auf unseren Planeten beschränkt!
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