Hochschulvergleiche Schotten dicht

Die Uni Hamburg will sich nicht mehr an Umfragen und Rankings beteiligen. Ein Eingeständnis der Schwäche.

Campus der Universität Hamburg

Campus der Universität Hamburg

Wenn ein Schiff die Schotten dicht macht, dann fürchtet es unterzugehen. In der Hafenstadt Hamburg hat das Präsidium der Universität beschlossen, sich grundsätzlich nicht mehr an Umfragen zu beteiligen, »die geeignet sind, deutsche und internationale Universitäten gegeneinander auszuspielen«. Über Ausnahmen entscheide der Präsident.

Der Beschluss erinnert sprachlich auf den ersten Blick an »Hausordnungen«, die zur Erheiterung des Arbeitsalltags in manchem Büro hängen:
1. Der Chef hat immer recht.
2. Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch Paragraf 1 in Kraft.

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Aber das sind Stilfragen. Ist inhaltlich nicht etwas dran an dieser Verweigerung? Hat die Uni nicht recht, wenn sie als Begründung anführt, sie werde inzwischen mit derart vielen Anfragen überflutet, dass sie zu ihren Kernaufgaben kaum noch komme? Gibt es in der deutschen Hochschullandschaft womöglich eine klammheimliche Freude über diesen Vorstoß? Nach dem Motto: Endlich traut sich mal einer, dieser Beforschungs-Evaluierungs-Ranking-Flut ein Ende zu setzen.

Eine öffentlich finanzierte Institution will sich der Forschung entziehen

Hoffentlich nicht. Denn legal mag der Beschluss sein, aber legitim sicher nicht. Die Kernaufgaben einer Universität sind Lehre und Forschung. In den Sozialwissenschaften und anderen empirisch arbeitenden Disziplinen sind Umfragen und Datenerhebungen eine unverzichtbare Methode, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Was würde der Präsident der Uni Hamburg, Dieter Lenzen, ein renommierter Bildungsforscher, dazu sagen, wenn Schulen sich seinem Forschungsinteresse in gleicher Weise entzögen? Und vor allem: Wo kämen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen hin, wenn sich der Rest der Welt so verhielte? Was für ein befremdliches Selbstverständnis ist es, wenn Einrichtungen, die der Forschung verpflichtet sind, sich einer Erforschung ihrer selbst nicht stellen?

Volker Meyer-Guckel

Der Autor ist stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Der Verband ist für Umfragen und Untersuchungen auf Daten und Informationen der Unis angewiesen.

Gewiss: Viele Studien haben methodische Mängel. Aber diese muss man im wissenschaftlichen Diskurs erörtern. Gerade Wissenschaftler sind dazu in der Lage und werden dafür öffentlich alimentiert. Das Argument, Hochschuluntersuchungen seien methodisch mangelhaft, hat ein Geschmäckle, wenn es von den Untersuchten selbst vorgebracht wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Universität sich schützen will gemäß dem Prinzip: Angriff ist die beste Verteidigung.

Über den Sinn und Unsinn von Rankings kann man natürlich mit Fug und Recht streiten. Schon das allererste Spiegel- Ranking über die Qualität von Hochschulen 1990 erregte die Gemüter. Aber statt sich selbstkritisch mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen und sich der Frage zu stellen, warum Studierende mit ihrer Hochschule zufrieden sind oder auch nicht, gab es vor allem Kritik an der Methode. Trotzdem haben sich Rankings durchgesetzt, und viele Hochschulvertreter geben, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, zu, wie wichtig solche Rankings für die eigene strategische Ausrichtung und das Qualitätsmanagement sind.

Leser-Kommentare
  1. Unis, an denen auf englisch unterrichtet wird, verlangen Tests wie TOEFL oder IELTS mit einer recht hohen Note. Die von Ihnen genannten probleme sind mir bisher nicht widerfaren

  2. Ranking ist überflüssig wie ein Kropf. Hat man früher auch nicht gebraucht. Warum heute?

    Come in and find out!

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    • hurt
    • 06.10.2012 um 20:13 Uhr

    Der Herr Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Dieser Verband wiederum hat als Leitlinie laut Website den Wettbewerb zwischen Hochschulen:

    "Der Stifterverband fördert den Leistungswettbewerb zwischen den Hochschulen [und] gibt Bund und Ländern Empfehlungen, um Wettbewerb und Qualität als Leitideen des Hochschulsystems zu verankern."

    http://stifterverband.inf...

    Das Präsidium der Uni Hamburg hingegen hält nichts von Wettbewerb zwischen Hochschulen. Damit ist die Motivation für diesen Artikel vollkommen klar. Das Ganze ist lediglich ein von bestimmten Interessen geleiteter Kommentar und als solcher zu lesen - und spielt auch noch Niveaulimbo.

    Der Autor regt sich über den sprachlichen Duktus des Beschlusses der Uni Hamburg auf? Also bitte...

    "Aber statt sich selbstkritisch mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen und sich der Frage zu stellen, warum Studierende mit ihrer Hochschule zufrieden sind oder auch nicht, gab es vor allem Kritik an der Methode."

    Wenn man eine Studie für methodisch falsch hält, sollte man sich keinesfalls mit dessen Inhalt auseinandersetzen. Die Studie ist ja methodisch falsch.

    "Der Beschluss des Präsidiums ist wohl vor allem ein Eingeständnis von Schwäche."

    Gegen den Strom zu schwimmen ist ein Zeichen von Schwäche? Dem Autor empfehle ich einmal, in der Isar Richtung Süden zu schwimmen...

    • gauss
    • 06.10.2012 um 20:28 Uhr

    Eine "Perle"? Wenn man mal etwas ausgefallenes haben will, wenn es denn überhaupt existiert, muss das aus Bergedorf erst noch herangefahren werden. Die Bücher sind total veraltet, es gibt keine Lesegelegenheiten. Alleine der Anblick lässt einen erschaudern.
    Eine akzeptable Bibliothek ist die der HSU in HH-Jenfeld, wo dies wesentlich besser gelöst ist.
    Der Fachbereich Informatik in Stellingen sollte ja schon längst saniert werden, aber dazu konnte man sich genauso wenig hinreißen wie ein kompletter Umzug. Das ist ja auch nicht gerade die Sperrspitze der Forschung, die dort tagt.
    Ich habe dort die ganze Zeit Informatik studiert - ich kann niemanden empfehlen an der Uni Hamburg ein Informatikstudium aufzunehmen.
    Das Renomee existiert quasi nicht, die Leute rümpfen die Nase, wenn man erzählt, das man in HH studiert hat, wie gesagt die Hütten schimmeln innen drin, Wimis sind mit allem möglichen beschäftigt, nur nicht damit Diplomanden zu betreuen.
    Günstigerweise habe ich den Vergleich wie es an der HSU läuft. Beide Unis sind keine 20km voneinander entfernt, aber in der Qualität trennen sie Lichtjahre.
    Es ist total unwürdig was in dieser Stadt an der Uni geschieht. So etwas nennt sich dann das Tor zur Welt, aber ganz bestimmt nicht zur Wissenschaft.

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    • UCProf
    • 06.10.2012 um 23:52 Uhr

    "Bei diesen Rankings muß man auch mal sagen dürfen, das sie ideal für englischsprachige Hochschulen zugeschnitten sind. Die vorderen Plätze können automatisch nur von englischsprachigen Hochschulen belegt werden. Allein wenn in einer anderen Sprache unterrichtet wird, gibt es sofort Abzüge."

    So einen Quatsch über die internationalen Hochschulrankings habe ich noch nie gelesen. Welches Ranking soll das bitteschön sein? Wohl nicht z.B. das Shanghai-Ranking, in dem nur die Forschungsleistung beurteilt wird.

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    Antwort auf "Qui boni?"
  3. Ich kann das Wort Ranking schon nicht mehr hören. Wie arm und doof muss eine Gesellschaft sein, die nur noch Listen führen kann? Dieser Wahn, alles messen zu müssen, diese Schein-Faktizität, diese Täusch-Industrie, die ihr Interesse je nach Zweck hinstrickt. Meine Güte, wir haben den Glauben an den lieben Gott durch den Glauben an die Statistik ersetzt. Nee, ich hab auch schon keine Lust mehr, darüber überhaupt zu debattieren. Ich muss doch nur an die mir bekannten Profs denken, die mit zum Himmel verdrehten Augen suefzen, dass sie alles nur noch für die Liste tun, damit die Erbsenzähler, die alles gelten, sie nicht übersehen. Danke, Uni Hamburg, mit diesem Schwachsinn Schluß zu machen. Mal wieder was arbeiten wär auch nicht schlecht!

    3 Leser-Empfehlungen
    • zorc
    • 07.10.2012 um 10:43 Uhr

    "Über den Sinn und Unsinn von Rankings kann man natürlich mit Fug und Recht streiten. [...] Aber statt sich selbstkritisch mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen und sich der Frage zu stellen, warum Studierende mit ihrer Hochschule zufrieden sind oder auch nicht, gab es vor allem Kritik an der Methode."

    Mit anderen Worten: Über den Sinn und Unsinn von Rankings kann man streiten. Wenn man das aber tut, ist Volker Meyer-Guckel empört, weil man die Ergebnisse nicht einfach als vom Himmel gefallen und evidentermaßen korrekt akzeptiert. Also kann man über Sinn und Unsinn von Rankings doch nicht streiten, weil das nur Feigheit ist? Was soll's denn nun sein?

    2 Leser-Empfehlungen
  4. 1. Man muss und soll das "Ranking" nicht als absolute Zahl sehen, sonder es zeigt in etwa wo eine jede Uni, im Vergleich, steht.
    2. Auch nicht Englische Unis stehen oben: z.B. die ETH, Zuerich (in Zuerich wird Deutsch gesprochen) die sicherlich keine USA oder UK Uni ist.
    3. Man koennte in Zukunft die Sprachen etwas anders gewichten, aber das wird nicht viel aendern.

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    • Kurwa
    • 08.10.2012 um 16:55 Uhr

    Die ETH Zürich hat auch eine stabile, gesunde und finanzielle Unterstützung vom Staat wie die meisten guten englischen Unis.

    • Kurwa
    • 08.10.2012 um 16:55 Uhr

    Die ETH Zürich hat auch eine stabile, gesunde und finanzielle Unterstützung vom Staat wie die meisten guten englischen Unis.

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