Wie schön, dass die Agenda 2010 in diesen Wochen zu neuen Ehren kommt. Seit es in Europa fast allen schlechter geht als den Deutschen, gilt Gerhard Schröders Sozialreform als Motor unseres ökonomischen Erfolgs. Eines wird dabei gern vergessen: Mit der Agenda wollte Schröders Regierung den Bürgern mitteilen, dass sie sich endlich richtig reinhängen müssen, wenn sie den Anschluss an die Globalisierung nicht verlieren wollen. Gemeint waren damit alle Deutschen. Gesagt wurde es aber nur den Ärmsten. Zum Beispiel am 14. März 2003 in Schröders Regierungserklärung: »Niemandem (...) wird künftig gestattet sein, sich zulasten der Gemeinschaft zurückzulehnen. Wer zumutbare Arbeit ablehnt, (...) der wird mit Sanktionen rechnen müssen.« Die Unterschicht wurde angeschrien, damit alle anderen es hörten.

Plötzlich fragte sich die Nation: Wer zum Teufel sind diese nichtsnutzigen Typen? Diese vier Millionen Arbeitslosen, die einfach nicht verschwinden wollen aus der Statistik, im Land von Siemens und Mercedes, dem Land der Dichter und Denker, der Disziplin und Pünktlichkeit? Die Antwort war schnell gefunden: Schnorrer, die dem Sozialstaat auf der Tasche liegen, den ganzen Tag auf der Couch abhängen, den Fernseher anstarren, Fertiggerichte essen und die Bude nur verlassen, wenn sie Bier und Zigaretten brauchen. Die bei RTL2 Einblick in ihre Wohnungen und Leben gewähren, die sie nicht im Griff haben. Die geschmacklose Klamotten tragen, viel Sex mit vielen Menschen haben und davon erzählen. Die mehr Geld für ihre Hunde, Katzen oder Schlangen ausgeben als für ihre Kinder.

Diese Faulen hatten kein Recht, die Fleißigen mit nach unten zu ziehen.

Es gibt eine treffende Wendung im Englischen für das, was der Unterschicht seit Jahren widerfährt: blaming the victim, dem Opfer die Schuld zuschieben. Die Unterschicht selbst sei es doch, die die Faulen hervorbringe, das System gefährde, Verrat an der Gesellschaft begehe!

Die Agenda mag ihre Rehabilitierung verdient haben. Nur die Unterschicht wurde nie rehabilitiert. Niemand hat sich entschuldigt bei den Menschen ganz unten. Sie wurden nicht noch einmal neu angesehen, sie wurden überhaupt nie wirklich angesehen. So können sie nicht mit Würde leben. So können sie nichts von der Gesellschaft lernen. Und die Gesellschaft nichts von ihnen.

Die Gesellschaft soll etwas von der Unterschicht lernen? Ja, auch das.

Dafür jedoch muss man den Blick auf die Unterschicht befreien von der Arroganz der oberen Schichten. Befreien auch von der Perspektive des Unterschichtfernsehens, wo ihr Elend pornografisiert wird, das Monströse als Norm erscheint, die Kamera immer direkt ins Gesicht.

Um die moderne Verachtung gegen die da unten zu verstehen, muss man ein Stück zurückgehen in der Geschichte. Der Unterschicht wurde nicht erst mit der Agenda 2010 die Schuld für gesellschaftliche Fehlentwicklungen gegeben. Um dem Arbeiter in der gesellschaftlichen Hierarchie ein Upgrade zu verschaffen, machte Karl Marx, Sohn einer bedeutenden Rabbinerfamilie, die Untersten der Unteren zum »Lumpenproletariat«, das er als einen »Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen« beschrieb, als »passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft«, nutzlos für den Klassenkampf. Oda Olberg, Tochter eines Marineoffiziers, Feministin und später bekannte Journalistin der Arbeiterklasse, bezeichnete sie als »Entartete, die mit Anwartschaft auf sozialen Schiffbruch geboren werden«. Die Idee der Rassenhygiene, so empfand es die Sozialdemokratin, wurde erst durch die Nazis korrumpiert.

Die Nazis selbst sprachen von »Asozialen«, ein Begriff, der sich bis heute gehalten hat. Gemeint waren all jene, die unfähig waren, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Obdachlose, Bettler, Prostituierte oder Alkoholiker zählten zum Abschaum. Eine Zumutung für die sonst so fleißige, vor Kraft strotzende Mehrheit, eine Gefahr für das deutsche Erbgut. In den Konzentrationslagern erkannte man sie an einem schwarzen Winkel an der Kleidung.

In der Nachkriegszeit war die Unterschicht zunächst vergessen. Zum Gründungsmythos des neuen Deutschland gehörten Trümmerfrauen und hemdsärmelige Männer, keine Verlierer. Verloren hatte man ja bereits den Krieg. Man war so sehr mit dem Wirtschaftswunder beschäftigt, dass die Armut verdrängt wurde. Soziologen sprachen von einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft«, in der alle gleich waren – mit der gleichen Chance zum Aufstieg.

Dieses Versprechen gilt weiterhin. Nur nicht für die Unterschicht. Die packt das nicht. Warum? Weil sie es in Wahrheit nicht will. Sagt die Mittelschicht.