Wie schön, dass die Agenda 2010 in diesen Wochen zu neuen Ehren kommt. Seit es in Europa fast allen schlechter geht als den Deutschen, gilt Gerhard Schröders Sozialreform als Motor unseres ökonomischen Erfolgs. Eines wird dabei gern vergessen: Mit der Agenda wollte Schröders Regierung den Bürgern mitteilen, dass sie sich endlich richtig reinhängen müssen, wenn sie den Anschluss an die Globalisierung nicht verlieren wollen. Gemeint waren damit alle Deutschen. Gesagt wurde es aber nur den Ärmsten. Zum Beispiel am 14. März 2003 in Schröders Regierungserklärung: »Niemandem (...) wird künftig gestattet sein, sich zulasten der Gemeinschaft zurückzulehnen. Wer zumutbare Arbeit ablehnt, (...) der wird mit Sanktionen rechnen müssen.« Die Unterschicht wurde angeschrien, damit alle anderen es hörten.

Plötzlich fragte sich die Nation: Wer zum Teufel sind diese nichtsnutzigen Typen? Diese vier Millionen Arbeitslosen, die einfach nicht verschwinden wollen aus der Statistik, im Land von Siemens und Mercedes, dem Land der Dichter und Denker, der Disziplin und Pünktlichkeit? Die Antwort war schnell gefunden: Schnorrer, die dem Sozialstaat auf der Tasche liegen, den ganzen Tag auf der Couch abhängen, den Fernseher anstarren, Fertiggerichte essen und die Bude nur verlassen, wenn sie Bier und Zigaretten brauchen. Die bei RTL2 Einblick in ihre Wohnungen und Leben gewähren, die sie nicht im Griff haben. Die geschmacklose Klamotten tragen, viel Sex mit vielen Menschen haben und davon erzählen. Die mehr Geld für ihre Hunde, Katzen oder Schlangen ausgeben als für ihre Kinder.

Diese Faulen hatten kein Recht, die Fleißigen mit nach unten zu ziehen.

Es gibt eine treffende Wendung im Englischen für das, was der Unterschicht seit Jahren widerfährt: blaming the victim, dem Opfer die Schuld zuschieben. Die Unterschicht selbst sei es doch, die die Faulen hervorbringe, das System gefährde, Verrat an der Gesellschaft begehe!

Die Agenda mag ihre Rehabilitierung verdient haben. Nur die Unterschicht wurde nie rehabilitiert. Niemand hat sich entschuldigt bei den Menschen ganz unten. Sie wurden nicht noch einmal neu angesehen, sie wurden überhaupt nie wirklich angesehen. So können sie nicht mit Würde leben. So können sie nichts von der Gesellschaft lernen. Und die Gesellschaft nichts von ihnen.

Die Gesellschaft soll etwas von der Unterschicht lernen? Ja, auch das.

Dafür jedoch muss man den Blick auf die Unterschicht befreien von der Arroganz der oberen Schichten. Befreien auch von der Perspektive des Unterschichtfernsehens, wo ihr Elend pornografisiert wird, das Monströse als Norm erscheint, die Kamera immer direkt ins Gesicht.

Um die moderne Verachtung gegen die da unten zu verstehen, muss man ein Stück zurückgehen in der Geschichte. Der Unterschicht wurde nicht erst mit der Agenda 2010 die Schuld für gesellschaftliche Fehlentwicklungen gegeben. Um dem Arbeiter in der gesellschaftlichen Hierarchie ein Upgrade zu verschaffen, machte Karl Marx, Sohn einer bedeutenden Rabbinerfamilie, die Untersten der Unteren zum »Lumpenproletariat«, das er als einen »Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen« beschrieb, als »passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft«, nutzlos für den Klassenkampf. Oda Olberg, Tochter eines Marineoffiziers, Feministin und später bekannte Journalistin der Arbeiterklasse, bezeichnete sie als »Entartete, die mit Anwartschaft auf sozialen Schiffbruch geboren werden«. Die Idee der Rassenhygiene, so empfand es die Sozialdemokratin, wurde erst durch die Nazis korrumpiert.

Die Nazis selbst sprachen von »Asozialen«, ein Begriff, der sich bis heute gehalten hat. Gemeint waren all jene, die unfähig waren, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Obdachlose, Bettler, Prostituierte oder Alkoholiker zählten zum Abschaum. Eine Zumutung für die sonst so fleißige, vor Kraft strotzende Mehrheit, eine Gefahr für das deutsche Erbgut. In den Konzentrationslagern erkannte man sie an einem schwarzen Winkel an der Kleidung.

In der Nachkriegszeit war die Unterschicht zunächst vergessen. Zum Gründungsmythos des neuen Deutschland gehörten Trümmerfrauen und hemdsärmelige Männer, keine Verlierer. Verloren hatte man ja bereits den Krieg. Man war so sehr mit dem Wirtschaftswunder beschäftigt, dass die Armut verdrängt wurde. Soziologen sprachen von einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft«, in der alle gleich waren – mit der gleichen Chance zum Aufstieg.

Dieses Versprechen gilt weiterhin. Nur nicht für die Unterschicht. Die packt das nicht. Warum? Weil sie es in Wahrheit nicht will. Sagt die Mittelschicht.

Steffys Welt ist beschissen

Steffys Welt

In Steffys Welt ist das Leben vor allem eines: ein Problem. Es fing beschissen an und lief beschissen weiter.

Steffy ist 47 Jahre alt und hat fünf Kinder. Sie lebt in Hamburg-Jenfeld, einem Stadtteil, in dem überdurchschnittlich viele Arbeitslose leben, überdurchschnittlich viele Migranten, überdurchschnittlich viele Hartz-IV-Empfänger.

Steffy hat Schulden. Es waren mal 30000 Euro, und wenn sie versucht, einem zu erklären, wie es zu dieser Summe kommen konnte, verliert man sich beim Zuhören in einem Labyrinth. Da ist der Ehemann, der innerhalb eines Jahres zehnmal den Job gewechselt hat. Er hat Rohre gereinigt oder auf dem Jahrmarkt gearbeitet. Bis ihm einer blöd kam, oft der Chef. »Er konnte sich nicht unterordnen«, sagt Steffy. Wenn er Arbeit hatte, wurden Klamotten gekauft, Spielzeug für die Kinder, Möbel, ein neuer Fernseher, ein Computer. »Ich hab ja nie gelernt, mit Geld umzugehen«, sagt Steffy. Weil sie nie welches gehabt hatte. Im Katalog konnte sie Dinge auch ohne Geld bestellen. Ein Mausklick genügt. Steffy sucht bei niemandem die Schuld, sagt sie. Nur bei sich selbst.

Steffy nahm die Schulden auf sich, damit sich ihr Mann selbstständig machen konnte. Als sie es mit ihm nicht mehr aushielt, ließ sie sich scheiden. Der Mann war weg, die Schulden blieben.

Seit elf Jahren zahlt sie die Schulden ab, jeden Monat 300 Euro. Ungefähr 12000 Euro sind noch übrig. Sie bekommt Erwerbsunfähigkeitsrente und Hartz IV, 500 Euro bleiben für sie und die drei Kinder, die noch bei ihr leben, im Monat übrig nach Abzug von Miete, Strom, Heizung, Telefon und Versicherungen.

Steffy hat die Hauptschule abgeschlossen. Einen Beruf hat sie nicht. Eigentlich hat sie nie richtig gearbeitet. Wie auch, bei all den Krankheiten. Und dem Gewicht. Steffy wiegt 150 Kilo, sie sitzt im Rollstuhl, weil ihre Gelenke ihren Körper nicht mehr tragen können. Sie hat jetzt einen Schlauchmagen, 150 Kilo konnte sie dadurch in den vergangenen Jahren abnehmen. Sie hat Asthma. Und Schlafapnoe. Eine Lichtallergie. Hohen Blutdruck. Zwei Zigaretten raucht sie am Tag, vielleicht aus Trotz, gegen all die Gebrechen und Probleme.

Vor einigen Jahren, erzählt Steffy, wuchs ihr ein Geschwür im Bauch, das allein schon 35 Kilo wog und bis zum Boden ragte, wenn sie auf ihrem Rollstuhl saß. Die Ärzte konnten es herausoperieren, aber seit Kurzem, sagt sie, habe sie das Gefühl, dass das Ding wieder wachse. Sie fasst sich an die Stelle, rechts unten an ihrem Bauch. »Hier, kannst mal fühlen, da ist doch etwas.« Es fühlt sich hart an.

Sie war schon als Kind dick, sagt sie. Niemand wollte mit ihr befreundet sein. Ihre Mutter, Witwe, hatte schon zwei Kinder ins Heim gegeben. Sie bekam nicht mit, was die Nachbarmänner mit Steffy anstellten, wenn sie arbeiten war. Irgendwann galt Steffy als schwer erziehbar, kam ins Heim. Lief ständig weg, ging ein Jahr lang nicht in die Schule.

Essen war immer die Lösung. Warm und gut fühlte sich ein voller Magen an. Das Essen füllte die Leere in ihr. Aber irgendwann spürte sie keine Sättigung mehr. Es gab Zeiten, da wachte sie morgens vor dem Kühlschrank auf, die Tür stand offen, er war leer.

Später, als sie selbst Mutter wurde, sagten die Mitschüler ihrer Kinder: »Der deutsche Panzer rollt wieder.« Steffy lächelt, als sie das erzählt. Justin sitzt ihr gegenüber, er lächelt nicht. Er sagt: »Das Gewicht meiner Mutter ist mir egal. Sie kann auch Tonnen wiegen.« Er will immer alle beschützen, sagt Steffy. Und sie? »Ich bin nicht böse auf die Menschen. Ich denk nur: Lernt doch erst mal den Menschen kennen, über den ihr urteilt. Ich wollte auch nie in Hartz IV landen. Ich möchte auch, dass meine Kinder ein besseres Leben haben als ich.« Würde man Steffy im Vorbeigehen auf der Straße sehen oder bei RTL2, sie hätte wohl wenig Chancen auf ein gutes Urteil ihrer Mitmenschen.

Steffy hat als Treffpunkt das Miss Pepper in Barsbüttel vorgeschlagen, einer kleinen Gemeinde an der Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein. Für ihr Zuhause schämt sie sich. Hier dagegen kann sie einen kleinen Erfolg in ihrem Leben präsentieren: Der American Diner ist seit Kurzem Justins Arbeitsplatz, er macht eine Ausbildung zur »Fachkraft im Gastronomiegewerbe«. Burger, Bier, Spezi, die Kundschaft kommt aus dem benachbarten Industriegebiet.

Wenn Steffy über ihren zweitjüngsten Sohn Justin spricht, klingt es so, als sei er ein Projekt. Eines, das noch läuft und zu einem guten Abschluss gebracht werden könnte. Sie achtet peinlich genau darauf, dass er immer pünktlich zur Arbeit oder zur Berufsschule geht. »Es ist ein Wunder, wie Justin zu seinem Ausbildungsplatz gekommen ist«, sagt sie.

Justin findet das auch. Er war auf einer Förderschule, weil er, wie er sagt, »im Denken ein bisschen langsam« war. Und ja, manchmal auch faul, aber es habe auf dieser Schule auch nie Hausaufgaben gegeben. »Die Lehrer haben gesagt, dass das die Kinder unter Druck setzen würde«, sagt Steffy. Sie habe sich immer darüber gewundert.

Auch zu Hause war er manchmal faul, sagt Justin. Wenn seine Mutter ihn ins Waschcenter schickte, sträubte er sich oft. Aber dann kam er ausgerechnet dort mit einer jungen Frau ins Gespräch, die erzählte, dass sie Mitarbeiter für das Restaurant Miss Pepper suche. Er solle doch mal vorbeikommen. In der Arche Jenfeld, dem Jugendwerk der Stadtteilgemeinde, lieh er sich Geld für Bewerbungsfotos, stellte sich vor, noch am selben Tag. Jetzt verdient er 440 Euro im Monat. Nach der Verrechnung mit Hartz IV bleiben ihm etwa 70 Euro. Für Zigaretten oder sein Hobby, die freiwillige Feuerwehr. Da, sagt Justin, gehe er gern hin. Eine gute Gemeinschaft, wie eine zweite Familie, sagt Justin. Es gefällt ihm, zu lernen, wie man anderen Menschen hilft, auch wenn es gefährlich wird. Deshalb will er später mal bei einem Sicherheitsdienst arbeiten.

Egal, in welchem Beruf Justin einmal arbeiten wird, er wird wohl nie mehr als etwa 1000 Euro im Monat verdienen. Aber es wird mehr sein als seine Mutter jemals selbst verdient hat. Man könnte sagen, dass er aufsteigen wird.

Die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg

Die Angst der Mittelschicht

Im Rückblick konnte wohl nur die SPD eine so tiefgreifende Reform wie die Agenda 2010 umsetzen. Mit einem Kanzler an der Spitze, der selbst aus der Unterschicht kam, dessen Mutter Putzfrau war, der Vater Kirmesarbeiter. Es war seine Partei, die, wie sie selbst fand, alles für das Versprechen des Aufstiegs getan hatte. Die seit den sechziger Jahren versucht hatte, über Bildung und Sozialtransfers gesellschaftliche Unterschiede wettzumachen. Um dann festzustellen: Ihr System funktionierte nicht mehr. Der Aufstieg in Deutschland war trotz Leihbüchereien, Volkshochschulen und Bafög nicht leichter geworden.

Mit der Agenda fand die Entfremdung der Sozialdemokratie von den sozial Schwächeren ihren Abschluss. Offenbar wollten die ja gar nicht aufsteigen. Oder konnten es nicht. Die SPD war enttäuscht von den Armen und die Armen von der SPD. So verlor die Unterschicht ihre politische Vertretung. Diejenigen, die keine Arbeit hatten, hatten auch keine Lobby, nicht in der Regierung und nicht in den Talkshows.

Wenn sich die Gesellschaft die Unterschicht anschaut, dann immer mit den Augen der Mittelschicht. Eine Gruppe mit Geld, Macht und Wissen beurteilt aus ihrer Warte eine Gruppe ohne Geld, ohne Macht, ohne Wissen – oder jedenfalls nicht mit dem Wissen, das als klassische Bildung anerkannt ist. Es ist der Blick der entscheidenden Stellen. In der Politik, in den Redaktionen, den Verlagen, den Ämtern, den Universitäten. Die Mittelschicht bestimmt die Sichtweise.

Irgendwann fand die Mittelschicht, dass Schlanksein besser, gesünder und attraktiver ist als Dicksein. Politiker fingen an, Marathon zu laufen, Manager schwitzten in der Mittagspause auf dem Laufband. Die Mittelschicht fand fortan auch, dass es zu viele Dicke gab. Vor allem waren diejenigen dick, die über geringere Bildung verfügten. Die Dicken waren also auch doof, und die schlauen Schlanken riefen ihnen von oben zu: Nehmt ab! Werdet so wie wir! Ihr müsst es nur wollen!

Natürlich ist Schlanksein gesünder, genauso wie Arbeiten und sich aus eigener Kraft und Anstrengung zu bilden besser für den Einzelnen und für die Gesellschaft ist – aber geht es bei der Kritik an denen »da unten« tatsächlich um die »da unten«, die man um ihretwillen zur Räson bringen wollte? Geht es der Mittelschicht nicht vor allem um die Abgrenzung vom Übel? Um die Selbstvergewisserung: Ich lasse mich nicht so gehen wie die? Um eine schon äußerliche Identifizierung der Störenfriede? Sind schlechtes Essen und Faulsein wirklich das alleinige Problem der Unterschicht? Und der Alkohol?

Was die Mittelschicht fühlt, prägt die Atmosphäre. Zurzeit fühlt die Mittelschicht vor allem Wut. Und Angst vor dem eigenen Abstieg. Angstwut, eine brisante Mischung.

Als Arbeiterkind an der Uni - geht das?

Als Arbeiterkind and der Uni

Ohne jemals von Pierre Bourdieu und seinen Theorien gehört zu haben, wusste Nicole instinktiv, was es auf sich hatte mit diesem Habitus. Der französische Soziologe, Vater Bauer, Mutter Hausfrau, fragte sich, warum die Menschen so waren, wie sie waren, wie sie ihren Platz in der Welt fanden und was das mit ihrer sozialen Herkunft zu tun hatte. Der Habitus, schrieb er, »bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist. Mit anderen Worten: Der Habitus ist ein System von Grenzen.«

Diese Grenzen spürte Nicole zum ersten Mal, als sie an die Universität kam. Sie verstand vieles nicht, was dort gesprochen wurde. Wie dort gesprochen wurde. Weder die Professoren noch ihre Mitstudenten. »Die Kommilitonen«, sagt die 29-Jährige, »wie die sich ausdrückten! Es kam mir so unnatürlich vor.« Hochdeutsch. Fremdwörter. Sie kam aus Marzahn, da berlinerte man, aber so richtig. Die Studenten waren anders als sie. Sie schienen so viel zu wissen. Kannten bereits alle Theaterstücke und Bücher, die im Unterricht eine Rolle spielten. Weil sie sie zu Hause hatten. Weil sie zu Hause eine »Bibliothek« hatten. Die einzigen Bücher, für die man bei Nicole zuhause Geld ausgab, waren Schulbücher.

Bis sie anfing zu studieren, war sie kaum rausgekommen aus Marzahn. Als ihre Familie hierher zog, in die Wohnung im Plattenbau, war die Gegend begehrt. Bad in der Wohnung, jedes Zimmer hatte ein Fenster. Nicoles Vater ist Maschineninstandhalter, die Mutter Sekretärin, aber ihre Ausbildung wurde nach der Wende nicht anerkannt. Als ältestes von vier Kindern musste Nicole ihre Geschwister hüten. Essen kochen, einkaufen gehen, im Haushalt helfen. Das Geld reichte immer irgendwie, gerade eben. Sie war eine gute Schülerin, fleißig. Selten hatte sie das Gefühl, als Kind von Arbeitern ausgegrenzt zu sein. Nur manchmal, wenn die Lehrerin sagte, Familien mit vier Kindern seien asozial. Oder an Weihnachten, wenn sie und ihre Geschwister sich weniger wünschten, weil sie wussten, dass das Geld knapp war. Oder wenn sie mit ihren Eltern über ihre Zukunft sprach und merkte, dass ein Studium einfach nicht Teil ihrer Welt war.

Wäre alles so gelaufen, wie ihre Eltern es gewollt hatten, hätte sie die Realschule beendet und wäre Krankenschwester geworden. Aber Nicole wollte studieren, Französisch und Erziehungswissenschaften. Was sie denn damit wolle, fragten die Eltern. Wie bezahlt man so etwas, und wie lange soll das dauern? Und war sie dann am Ende Erzieherin? Konnte sie damit Geld verdienen? Abitur machen, schön und gut, aber hatten sie ihrer Tochter nicht immer gesagt, wie wichtig ein handfester Beruf ist? Eine Krankenschwester, da waren sie überzeugt, findet immer Arbeit. Aber Französisch?

Ohne es ihren Eltern zu sagen, bewarb sich Nicole für einen Studienplatz. Sie bekam ihn.

Jetzt war sie ganz auf sich gestellt, ihre Eltern konnten ihr nicht mehr helfen. »Ich wusste nicht, wie man sich einschrieb, ich wusste nichts von Bafög, wusste nicht, was eine Hausarbeit war.« Sie war ihren Eltern entwachsen – aber zu denen an der Uni gehörte sie auch nicht. »Es fühlte sich manchmal so an, als hätte ich keine Identität.« Sie konnte sich ja schlecht bei ihren Kommilitonen ausheulen: Hallo, ich bin so’n ahnungsloses Unterschichtkind aus Marzahn, wa! Wo muss ich denn jetzt hin?

Nicole wusste: Wenn sie das Studium anfing, durfte sie nicht scheitern, um keinen Preis. Also begann sie, Behörden abzuklappern und Fragen zu stellen. Sie fand heraus, wie sie einen Bafög-Antrag richtig ausfüllt, und mit der Zeit, wie man eine Hausarbeit gliedert. Irgendwann stieß sie auch auf Pierre Bourdieu, bei dem sie Erklärungen dafür fand, was mit ihr geschah. Wenn sie zu Hause war, fragte ihre Mutter sie jetzt, ob sie sich nicht mal normal ausdrücken könne. Sie musste sich für ihr Studium rechtfertigen, besonders, wenn Verwandte zu Besuch waren und wissen wollten, was sie denn nun treibe. »Nicole wird Erzieherin im Kindergarten«, sagte ihre Mutter dann.

Nicole war fast fertig mit ihrem Studium, als sie »Arbeiterkind« kennenlernte, einen Verein, der Kindern von Maurern, Krankenschwestern und Friseuren im Studium weiterhilft. Jetzt hilft Nicole dort anderen, Anträge auszufüllen und Hausarbeiten zu schreiben. Den Weg zum Studium zu finden und manchmal auch den zum Seminarraum.

Sie und ihre Eltern lebten nun völlig unterschiedliche Leben. Aber irgendwann verstanden Nicoles Eltern, was sie machte, und warum sie es machen wollte. Nach dem Examen waren sie sogar stolz. Ihr Kind hat jetzt einen Magisterabschluss und einen guten Job. Die Mutter arbeitet im Backshop bei Kaufland. Dennoch stehen sich Arbeiter-Eltern und Akademiker-Kind ganz nah. Sie haben voneinander gelernt, was alles möglich ist, obwohl man von unten kommt. Zwei Geschwister Nicoles haben auch studiert. Nur der jüngste Bruder macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Da waren die Eltern fast enttäuscht.

Sparsam und solidarisch

Sparsam und solidarisch

Als die Agenda 2010 durch war, hätte man darauf hoffen können, dass die Verachtung der Unterschicht nachlässt. Aber das passierte nicht. Man hörte nicht auf, die da unten niederzureden. CDU-Fraktionschef Volker Kauder sagte, es gebe »in Teilen der Gesellschaft bereits Verwahrlosung«. Wolfgang Clement schrieb als Arbeits- und Wirtschaftsminister in das Vorwort einer Broschüre aus seinem Ministerium: »Biologen verwenden für ›Organismen‹, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung ›Parasiten‹.« Es war klar, wer gemeint war.

Der Historiker Paul Nolte erklärte in seinem Buch Generation Reform, dass bereits in vorindustrieller Zeit der »kulturelle ›Eigensinn‹ der Unterschicht sich häufig als höchst sperrig, als resistent gegenüber der Disziplinierung durch eine hegemoniale adlige oder bürgerliche Kultur erwiesen« habe. Umerziehen ließen die sich also auch nicht so einfach. Und heute? Finde eine Politik der »fürsorglichen Vernachlässigung statt«. Es stelle sich ohnehin die Frage, ob die Mittelschichten überhaupt noch Vorbild sein könnten, so Nolte, »angesichts der Tatsache, dass sich proletarisierte Verhaltensstandards inzwischen bis weit in die Gruppen hineingefressen haben«. Die Mitte wird von unten bedroht. Angefressen.

Die Journalistin Inge Kloepfer sah 2008 in ihrem Buch Aufstand der Unterschicht ein ganzes »Heer der Ausgeschlossenen, Chancenlosen, Entbehrlichen«, die uns »allen«, also den hart Arbeitenden, »buchstäblich zu Leibe rücken. Ein Szenario, das im Jahr 2020 Realität sein kann. Da werden die Streetworker nicht helfen, die sich zusammenrottende Jugendliche auf Straßen und in öffentlichen Parks ansprechen, um diese tickenden Zeitbomben des sozialen Unfriedens zu entschärfen.« Wie gesagt: Wutangst eben.

Wenn oben und unten nicht auseinanderdriften, wenn Selbstausgrenzung und Diskriminierung sich nicht weiter gegenseitig verstärken sollen, dann sind heute andere Fragen wichtig: Geben wir das meiste Geld tatsächlich nach unten hin aus, oder bleibt es nicht doch mit Ehegattensplitting oder Elterngeld oben und in der Mitte? Ist das Bild, das von der Unterschicht öffentlich gezeichnet wird, nicht arg einseitig? Zeigt es nicht die Minderheit in dieser Minderheit? So als würde man aus der Oberschicht immer nur die Geizigen und Gierigen porträtieren?

Vielleicht könnte man stattdessen herausfinden, was die Unterschicht besser kann als die Mittelschichtsmehrheit. Instinktiv Trends spüren etwa. Unwahrscheinlich, dass der Fußball ohne die Unterschicht kulturell und ökonomisch den Stellenwert erreicht hätte, den er heute hat. Denn während Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre sich nur heimlich trauten, Fußball zu schauen, ging die Unterschicht ins Stadion, machte dort die Stimmung, wegen der Akademiker ins Stadion gehen. Die Unterschicht trainiert bis heute fleißig in den Fußballkäfigen der Städte und schafft so die Grundlage für ein Milliardengeschäft.

Wer genau hinsieht, kann bei den Schwächeren durchaus Kapital entdecken. Es braucht nur hin und wieder ein wenig Empathie oder wenigstens ein bisschen ehrliche Neugier. Viele, die tatsächlich mit der Unterschicht zu tun haben, sehen das. Sie sehen Menschen, die von klein auf gelernt haben, Probleme zu lösen (die immer reichlich vorhanden sind). Die gelernt haben, keinen zurückzulassen. Sie sehen einen manchmal unglaublich disziplinierten Umgang mit Geld, besonders bei alleinerziehenden Müttern, die Hartz IV beziehen. Die Fähigkeit, hart und streng gegenüber den eigenen Kindern zu sein und trotzdem gute Laune zu verbreiten. Bescheidenheit. Permanente Selbstmotivation, morgens doch aufzustehen und das erste Bier nicht schon vormittags aufzumachen, obwohl kein Chef auf einen wartet. Erfindungsreichtum. Eine manchmal unbändige Kraft und Energie, den scheinbar vorgezeichneten Weg zu verlassen. Ein Antrieb, der oft genährt wird durch das Wissen, nichts zu verlieren zu haben. Der Wille, es »denen da oben« zu zeigen.

Warum ist es so schwer, zu verstehen, dass es viel mehr Energie kostet, unten einen Zentimeter voranzukommen als oben tausend Meter?

Von ganz unten nach ganz oben

Von unten zum Millionär

Dass er einer von unten war, merkte Paul erst in der Gesamtschule. Dort gab es auch Kinder aus besseren Gegenden. Da sah man es: Die Schüler aus Berlin-Frohnau trugen Levi’s-Jeans. Und Paul dachte: »Wie cool muss das denn sein, ’ne echte Levi’s!« Paul wohnte in einem Hochhaus im Märkischen Viertel. Seine Mutter, eine Sintiza, hatte immer versucht, die Armut von ihm und seiner Schwester fernzuhalten – sogar, nachdem sie rübergemacht hatten in den Westen und in einem Drecksloch namens Asylbewerberheim lebten.

Paul fing an, mit den Kindern der Asylbewerber Tittenmagazine und Matchboxautos zu klauen. Seine Mutter hatte zwei, manchmal drei Jobs gleichzeitig, putzte in einer Arztpraxis, einem Schuhgeschäft, einem Altenheim. Einmal brachte sie ihren Kindern Jeans aus Polen mit, Marke Levros. »Klingt doch so ähnlich wie Levi’s«, sagte sie zum Trost. Peinlich wurde es, als die Mitschüler das Etikett sahen. »Da habe ich erst gemerkt, dass Klamotten auf der Coolheitsskala echt was ausmachen«, sagt Paul heute. Er trägt einen verwaschenen Hoodie, Wollmütze, Jeans, Sportschuhe. Unterarme, Hals und Hände sind tätowiert. Auf dem Hals steht »Gold«, an der Außenseite der linken Hand sein Geburtsdatum, 30.11.1980. Paul ist 31 Jahre alt. In den vergangenen Jahren hat er viel Geld verdient. Sehr viel.

Als Paul sich noch nicht Sido nannte und noch nicht Millionär war, waren er und seine Freunde »für die besseren Jungs so was wie Straßenköter«, sagt er. Je mehr die von oben auf sie herabschauten, desto häufiger sprengten Sido und seine Freunde deren Partys. Ab und zu ließen sie was mitgehen. Das Parfüm der Mutter, eine Flasche Cognac, banales Zeug.

»Wenn wir gemerkt haben, dass wir unerwünscht sind, haben wir uns dementsprechend benommen«, sagt er und schiebt sich Gummibärchen in den Mund. Er lehnt sich zurück auf der Ledercouch, die in seinem Berliner Tattoostudio steht, und lächelt überlegen. Er ist jetzt der Boss. Sido ist nicht mehr nur der »Skandal-Rapper«, der über Drogen und Arschficken schreibt. Er ist Geschäftsmann, Schauspieler, macht Interviews mit Politikern wie Frank-Walter Steinmeier, tritt in TV-Shows auf. Ein gefragter Entertainer mit einem beeindruckenden Imperium.

Es ist kein Zufall, dass Jungs wie er irgendwann beim Rap landen und nicht etwa beim Punk. Punks rebellieren gegen ihre Eltern, die Anwälte, Ärzte oder Lehrer sind. »Ihr sauberes Leben und ihre hübsch eingerichteten Jugendzimmer im Vorort langweilen sie, deshalb hängen sie am Bahnhof Zoo ab und pissen sich in die Hosen. Ich hab mich immer gefragt, warum machen diese Idioten das?«, fragt Sido. Ihn trieb es an, nichts zu haben. Er habe sein schäbiges Zuhause geliebt, sagt er, so als hätte er nie Interesse an einem gemütlichen Jugendzimmer im Vorort gehabt. In einem seiner Texte klingt das so:

Du in deinem Einfamilienhaus lachst mich aus

Weil du denkst, du hast alles was du brauchst

Doch im MV scheint dir die Sonne ausm Arsch

In meinem Block weiß es jeder: Wir sind Stars!

Alter, was haben die besseren Jungs blöd geguckt, damals, auf den Partys, auf die er und seinesgleichen nicht eingeladen waren und auf die sie trotzdem gingen! Aber die besseren Mädchen mochten ihn und seine Jungs. Vielleicht, weil sie so anders waren. Männlicher.

Doch die meiste Zeit hat Sido die Erfahrung gemacht, dass ein Junge von unten nicht viel von oben erwarten konnte. Das nährte die Wut, die einer wie er braucht. Aber auf wen? »Auf alle.« Das machte es natürlich einfacher. Keiner, der mal fragte, wie es denn so sei, wie die Familie klarkomme. »In all den Jahren hat ein einziges Mal ein Lehrer bei meiner Mutter angerufen. Er sagte, Frau Würdig, Ihr Sohn, das ist ein ganz intelligenter. Den müssen Sie unter Kontrolle bringen, sonst wird das nichts.«

Es wurde auch nichts, zuerst jedenfalls. Sido lernte nicht für die Schule. Stattdessen lernte er im Märkischen Viertel den Unterschied zwischen »unten« und »am Boden«. »Es gab dort welche, die haben ihren Döner mit acht Leuten geteilt. Kannst dir ausrechnen, wie viel da für jeden Einzelnen übrig bleibt. Keiner wird richtig satt, also versucht jeder, so groß wie möglich abzubeißen, was o.k. ist. Ist jemand wirklich am Boden, wird er zur Ratte. Da kann es passieren, dass dich dein bester Freund beklaut.«

Am Boden, da ekele man sich vor sich selbst, verliere seine Menschlichkeit, sagt Sido und erzählt, wie er sich Geld für Gras besorgt habe: Manchmal saß er den ganzen Tag in der U-Bahn und hoffte, dass irgendeiner mal telefonierend vor der Tür stehen würde. Er wartete dann den richtigen Moment ab, kurz vor dem nächsten Halt, um ihm das Handy wegzureißen und schnell wegzulaufen, sobald die Tür sich öffnete.

Irgendwann zog er von zu Hause aus, weil seine Mutter die große Wohnung nicht mehr bezahlen konnte und in eine kleinere zog. Mit seinem besten Freund fand er eine Einzimmerwohnung, ohne Toilette, ohne Möbel. Sie hatten nur ein paar Matratzen. Es gab Wochen, da ernährten sie sich ausschließlich von Toastbrot mit Zwiebeln. Seiner Mutter spielte er vor, alles sei in Ordnung. Bis sie eines Tages vorbeikam. Sie spülte das Geschirr und weinte. Als sie ging, legte sie noch einen 20-Euro-Schein hin. Sie kam nie wieder in diese Wohnung. Sido schämte sich manchmal.

Ein einziges Mal beantragte er Stütze. Schnell sei er zu dem Schluss gekommen: nie wieder. Aber Hartz IV, sagt Sido, sei schon eine gute Sache. »Deutschland ist so schön sozial. Das ist ein vernünftiges Land, da möchte man gern sein. Hier gibt es zivilisierte Maßnahmen für Menschen, denen es schlechter geht.« Es gebe Menschen, die hätten mehr verdient. Und welche, die sich auf Hartz IV ausruhten. Er hasse es, Leute zu bezahlen, die faul seien und die sich ins gemachte Nest setzten, sagt Sido, und klingt nun fast wie ein richtiger Geschäftsmann. Wie einer aus der Mittelschicht. Nein, die Mittelschicht hat einer wie er eigentlich übersprungen.

Heute schämt er sich nicht mehr. Heute ist er einfach nur noch stolz. Stolz auf die Millionen. Und darauf, dass er diese eine Sache im Leben, die Musik, durchgezogen hat. »Unten war es schwieriger, fleißig zu sein. Immer an meine Sache zu glauben, auch wenn die anderen sagten, geh zum Arbeitsamt, werd Koch oder so was. Nein, hab ich gesagt, ich zieh das jetzt durch und scheiß auf alle.«

Als Sido sein erstes Tattoo auf der Hand stechen ließ, sagte seine Mutter: »Jetzt wirste wohl nicht mehr in ’ner Bank arbeiten.«

Als hätte er das jemals vorgehabt.

Mitarbeit: Bernd Ulrich